Gründerin

Produktdesignerin: „Ich bin total dankbar für meinen Weg“

Hauptschule, Tischlerlehre, Meistertitel, Studium und Gründung: Luisa Haase-Kiewning ist zielstrebig. Sie firmiert unter Lu Interior.

Tischlermeisterin Luisa Haase-Kiewning hat „Lu Interior“ gegründet. Nebenberuflich studiert sie Produktdesign an der Kunsthochschule Weißensee.

Tischlermeisterin Luisa Haase-Kiewning hat „Lu Interior“ gegründet. Nebenberuflich studiert sie Produktdesign an der Kunsthochschule Weißensee.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Eigentlich wollte Tischlermeisterin Luisa Haase-Kiewning einen sozialen Beruf ergreifen. Dass es anders kam, dafür sorgte ein Aufenthalt in den USA. Nach der Schule lebte und arbeitete sie dort anderthalb Jahre lang mit behinderten Menschen.

„Dabei habe ich aber gemerkt: Ich hätte gerne einen Beruf, bei dem ich am Ende des Tages ein Ergebnis habe“, erzählt die heute 29-Jährige.

In der Waldorfschule Handwerk kennengelernt

An ihrer Lübecker Waldorfschule hatte sie bereits in Werkstätten mit verschiedenen Materialien gearbeitet. So entstand die Idee, in einen Handwerksberuf zu gehen.

Und weil ihr die Arbeit mit Holz immer besonderen Spaß gemacht hat, bewarb sich Haase-Kiewning um einen Ausbildungsplatz als Tischlerin – deutschlandweit. „Eine Tischlerausbildung zu machen wird zwar grundsätzlich immer populärer bei Frauen, und auch die Betriebe finden das ganz gut“, sagt sie.

„Ich habe am Anfang aber große Probleme gehabt, einen Ausbildungsbetrieb zu finden.“

Vorbehalte gegen Frauen im Handwerksberuf

Die Vorbehalte gegenüber jungen Frauen und Mädchen hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit seien groß gewesen, erzählt die 29-Jährige. Auch gab es in den Tischlereien Bedenken wegen diverser Vorschriften. Zum Beispiel, dass es nach Geschlecht getrennte Toiletten geben muss, wenn Frauen beschäftigt werden.

Schließlich fand sie in Ulm einen Tischlermeister, der eine andere Sicht auf weibliche Auszubildende hatte. Statt Bedenken zu hegen, habe er deren Sorgfalt und Umsicht bei der Arbeit sowie ihr Gespür für Ästhetik geschätzt, erinnert sich Luisa Haase-Kiewning.

Mit 23 Jahren Meisterin geworden

Nach der Gesellenprüfung begann die Norddeutsche gleich mit ihrer Meis­ter­ausbildung. Mit nur 23 Jahren hatte sie den Titel.

Und dann? „Ich dachte: Ich muss auf jeden Fall nach Berlin“, erinnert sie sich. Schon als Achtjährige hatte sie beschlossen, dort einmal zu leben. Außerdem wollte sie sich mehr in die gestalterische Richtung, hin zum Produktdesign entwickeln.

Gute Berufsaussichten in Berlin

Dafür sah sie im kreativen Berlin gute Chancen. „Da gibt es viel eher die Möglichkeit, einen Prototyp oder etwas in einer kleinen Auflage anzufertigen und bei jemandem ins Schaufenster zu stellen“, sagt sie.

Auch die Möglichkeiten, mit anderen Kreativen zu kooperieren und sich noch mehr Know-how anzueignen, schienen ihr in der Hauptstadt besser.

Ihren ersten Job in der Region Berlin fand die Tischlerin in der künstlerischen Abteilung des Studio Babelsberg, dem „Art Department“.

Szenenbild für „The Grand Budapest Hotel“

Die Kollegen dort fertigten gerade für Stadler, den Hersteller von Schienenfahrzeugen, ein 1:1-Modell der neuen Berliner U2 an. Da kam die Bewerbung einer Tischlermeisterin offenbar gerade recht. Nach einem Jahr, in dem Luisa Haase-Kiewning auch am oscarprämierten Szenenbild für den Film „The Grand Budapest Hotel“ mitarbeitete, endete ihr Vertrag.

Bei der Nordberliner Werkgemeinschaft (nbw) in Hellersdorf, einer Werkstatt für behinderte Menschen, leitete sie für anderthalb Jahre die Holzwerkstattgruppe. Es stand im Raum, eine sozialpädagogische Zusatzausbildung zu machen.

Selbst machen statt andere anleiten

Doch Haase-Kiewning entschied sich für Kreativität und Praxis. „Ich hatte in der Behindertenwerkstatt ziemlich kribbelige Hände bekommen, weil ich die ganze Zeit nur erklärt oder einen Teilschritt gezeigt habe“, erzählt sie. „Und die anderen haben dann gebaut.“

Die Handwerkerin mietete sich eine Garage und begann, ihre ersten Produkte zu entwickeln, beispielsweise eine Lampe aus Beton in Form eines Flaschenhalses mit Halterung aus Holz.

Und sie überlegte sich: „Als Meisterin darf ich ja auch studieren, obwohl ich ja ursprünglich nur einen Hauptschulabschluss habe.“ Also bewarb sie sich im Studiengang Produktdesign an der Kunsthochschule Weißensee und wurde angenommen.

Selbstständigkeit neben dem Studium

Schon während des Studiums machte sie sich im Jahr 2015 selbstständig. Für ihr Label Lu Interior entwirft und fertigt sie Wohnaccessoires, möglichst aus regional und nachhaltig erwirtschafteten Materialien.

Unter dem Namen Lu Concept entwirft sie Wohn- und Raumkonzepte. Dabei kombiniert Luisa Haase-Kiewning ihr Know-how aus Handwerk und Studium.

An erster Stelle stünden für sie immer die Menschen, für die sie etwas entwirft, erzählt die 29-Jährige. Dabei sei es egal, ob es um die Einrichtung einer Privatwohnung, eines Restaurants, Yoga-Studios oder Immobilienmakler-Büros gehe. Maßanfertigungen macht sie entweder selbst oder lässt sie von einer Tischlerfirma nach ihren Plänen ausführen.

Sie mag die Vielfalt ihrer Auftragsarbeiten

An ihrer Arbeit begeistert sie, immer wieder neue Dinge zu kreieren, dass jeder Auftrag einzigartig sei und sie sich selbst dabei weiterentwickeln könne. „Jeden Tag lernt man ganz viel dazu. Ich bin total dankbar dafür, dass ich es gewagt habe, diesen Weg zu gehen.“

Im kommenden Jahr wird Haase-Kiewning ihr Studium mit dem Bachelorabschluss beenden. Dann will sie noch mehr Zeit und Energie in ihr Unternehmen stecken.

Workshops für Einsteiger

Auch ihre Wochenend-Workshops will sie wieder anbieten, zum Beispiel für Frauen oder Einsteiger, die mit Holz arbeiten oder eines ihrer Möbelstücke verändern wollen.

Vielleicht wird sie dann auch wieder mehr Freizeit haben. Die findet – wie könnte es bei einer Lübecker Tischlermeisterin anders sein – auf einem Holzkajütboot statt. Es verbinde ihre Liebe zu Holz und zum Wasser, sagt sie.

Doch zurzeit liegt das Boot noch auf der Werft und wartet auf seinen Anstrich. Den macht Luisa Haase-Kiewning natürlich auch selbst.