Filmbranche

Kunst und Handwerk: So werden Kameraleute ausgebildet

In den Beruf führen verschiedene Bildungswege. Doch feste Stellen gibt es nur wenige, die meisten Kameraleute arbeiten freiberuflich.

Auf dem Weg zum nächsten Dreh: Vladislav Marinov und Anouck Schmit lassen sich zu Kameraleuten ausbilden.

Auf dem Weg zum nächsten Dreh: Vladislav Marinov und Anouck Schmit lassen sich zu Kameraleuten ausbilden.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Der erste kleine Film, den er gemeinsam mit anderen Kursteilnehmern gedreht hat, ist im Kasten. Für Andreas Homann ist das ein wichtiger Schritt auf seinem Weg zum Kameraassistenten.

Seine Ausbildung absolviert er an der Akademie Deutsche POP, einer privaten Ausbildungsstätte der Musik- und Medienbranche. „Als Basis, um beim Film arbeiten zu können“, sagt der 22-Jährige.

Er hofft, irgendwann als Kameramann bei Spielfilm-Dreharbeiten zu stehen – und weiß, dass bis dahin noch ein ganzes Stück Arbeit vor ihm liegt. „Für mich ist noch alles neu. Die ganze Theorie, Kameras und Beleuchtung – ich hatte damit bisher noch keine Erfahrung“, sagt er.

Ohne Auswahlverfahren an die Deutsche POP

Nach seinem Abitur vor zwei Jahren reiste Homann durch Australien und Neuseeland, zog dann aus seinem Heimatdorf bei Mannheim nach Berlin. Ohne ein strenges Auswahlverfahren durchlaufen zu müssen, bekam er einen Platz für den Kamera-Basiskurs.

Denn anders als an öffentlichen Akademien, Hochschulen oder Universitäten gibt es an der Deutschen POP keine besonderen Zugangsvoraussetzungen.

So sei beispielsweise auch ein Bachelorstudium, das die Deutsche POP in Zusammenarbeit mit der University of West London anbietet, ohne Abitur möglich, sagt Robert Laatz.

Er arbeitet als Dozent und Trainer an der Deutschen POP und ist Lehrbeauftragter im Studiengang Cinematography an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Dort hat Laatz auch selbst studiert.

Bachelor und Master in Babelsberg

Die staatliche Babelsberger Film-Uni bietet ein Bachelor- und Masterstudium an. Die Teilnahme an den Programmen ist kostenlos, doch die Aufnahmebedingungen sind sehr hart. Nur ein kleiner Teil der Bewerber kommt durch. Zuletzt bewarben sich mehr als 120 Interessenten auf zehn Studienplätze.

Wer es schafft, dem werden die künstlerischen und handwerklichen Grundlagen für die Arbeit mit der Kamera vermittelt. „Ein Kameramann oder eine Kamerafrau erzählt mit den Bildern immer auch eine Geschichte“, erklärt Laatz. Das müsse erlernt und geprobt werden. Ebenso wie das gemeinsame Arbeiten an Filmen: Ohne soziale Kompetenz funktioniere das nicht, sagt der Dozent.

Ungewisse Perspektive in der Branche

Doch egal, ob privat oder staatlich ausgebildet: Nach dem Studium haben Kameraleute eine ungewisse Perspektive. Feste Jobs sind rar. Die Selbstständigkeit ist die Regel.

Ein wichtiger Arbeitgeber: das Fernsehen. „Es laufen tägliche Serien. Die Zahl von Talkshows hat zugenommen. Dazu kommen Nachrichten, Reportagen oder Magazinbeiträge“, sagt Frank Trautmann. Er ist Vorsitzender des Bundesverbands der Fernsehkameraleute.

Der Zusammenschluss setzt sich dafür ein, den Beruf nicht beliebig werden zu lassen und fordert Zertifizierungen.

Spezialisierungen helfen, an Aufträge zu kommen

Auch für Spielfilm und Werbung sowie für Inszenierungen von Theater- und Eventbühnen sind Menschen hinter der Kamera gefragt. Dozent Robert Laatz etwa reist als Kameramann für Werbe- und Musikvideos, Spiel- und Dokumentarfilme rund um die Welt.

Spezialisierungen und Weiterbildungen verschaffen Pluspunkte bei der Auftragsvergabe. Steadicam Operator nennt sich zum Beispiel eine Kamerapraxis, die trotz einer Bewegung ein stabiles Bild produziert. Die Technik, bei der die Kamera unter anderem auf Schienen bewegt wird, erfordert viel Übung.

Die Arbeit als Stereographer, der 3D-Filme gestaltet und sie technisch umsetzt, beherrscht der 47-Jährige ebenso. „Jeder muss für sich den Weg in die Praxis finden“, sagt der Dozent.

Netzwerken ist immer wichtig, so etwa der Besuch von Filmpremieren. Ohne Kontaktpflege läuft es selbst bei gestandenen Kameraleuten nicht.

Zweites Standbein als Kameramann

Die Motive für eine Ausbildung hinter der Kamera sind unterschiedlich. Vladislav Marinov etwa will sich mit dem Besuch der Deutschen POP neue Zukunftsperspektiven eröffnen.

Marinov ist Solotänzer im Staatsballett Berlin. Er weiß, dass er nicht ewig als Tänzer auf der Bühne stehen kann. Also plant er, später Tanz zu filmen.

Ein bisschen Kameraerfahrung hat er schon. Neben dem Ballett investiert er jede freie Minute in die Videokunst. „Ich filme meine Kollegen und schneide Tanzvideos“, erzählt der gebürtige Bulgare.

„Andere Tänzer gehen später in die Choreografie oder werden Fotograf. Ich bleibe hinter der Filmkamera nah am Tanz. Ich möchte mit den bewegten Bildern weitertanzen.“

Deshalb besucht der Vater eines Sohnes nun die Akademie: „Ich mache hier eine Teilzeitausbildung, sodass ich beim Staatsballett weiterarbeiten kann. Wir Bulgaren sagen: Zwei Melonen in der Hand zu halten, ist schwer. Aber ich schaffe das.“

Von der Bauingenieurin zur Kamerafrau

„Bei mir war Interesse für die Arbeit mit der Kamera immer da. Aber ich habe mich erst für einen anderen Weg entschieden“, erzählt Anouck Schmit. Sie hat Bauingenieurwesen studiert und arbeitet gegenwärtig noch in einem Planungsbüro.

„Ich mache erst den Basiskurs Kamera und werde dann den Cutter-Kurs belegen.“ Berlin sei perfekt, um in die Filmbranche zu starten, sagt die gebürtige Luxemburgerin. Sie finde es spannend, sich mit der Motivauswahl, der Bildsprache, Perspektiven und Kameraführung, aber auch mit der Filmmontage und digitalem Schnitt zu beschäftigen.

Ziel der 32-Jährigen ist die Dokumentar- oder Spielfilmproduktion. Als Kamerafrau könne sie in Zusammenarbeit mit der Regie die Bildgestaltung der Filme bestimmen. Nicht nur von der technischen, auch von der kreativen Seite her reizt sie der Berufswechsel.

Handwerk plus strategisches Denken

„Kameraarbeit ist viel handwerkliche Arbeit, die konzeptionelles und strategisches Denken erfordert“, bringt es Arndt Renneberg auf den Punkt. Darum hat der Fotograf und Kameramann seine Firma auch Brainworkers & more genannt. Er führt sie gemeinsam mit seiner Frau Nicole.

Die beiden produzieren TV-, Werbe- und Imagefilme, Dokumentationen, Reportagen und Trailer für Firmen, Kommunen und Vereine. Renneberg entdeckte früh seine Begeisterung fürs Filmen. „Ich gab als Jugendlicher mein ganzes Taschengeld für Videokameras aus“, erinnert sich der 48-Jährige.

Dem Abitur in seiner ostwestfälischen Heimat folgte die Ausbildung bei einem Fotografen, der Industriewerbefilme produzierte. Drei Jahre studierte er Publizistik, Film- und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin, schmiss dann aber hin: „Ich bin doch eher Praktiker“, sagt er.

Mit dem Internet wächst der Bedarf an Bildern

Während des Studiums finanzierte Renneberg seinen Lebensunterhalt mit dem Filmen. Bereits in dieser Zeit baute er sich ein Netzwerk auf. Sat.1, RTL und andere Sender gehören dazu.

Den Schritt in die Selbstständigkeit hat der Kameramann nicht bereut. Mit der wachsenden Bedeutung des Internets sei der Bedarf nicht nur an Bildern, sondern auch an Filmen gestiegen, sagt er.

Wichtig für den Erfolg sei, kommunikativ, engagiert und offen aufzutreten. Und ohne Fremdsprachen komme man heutzutage in dem Job nicht voran.

Kundeninterviews und Werbekampagnen

Nicht zuletzt müssen Kameraleute es mögen, viel unterwegs zu sein. Vor Kurzem war Arndt Renneberg in Toronto, wo er für einen Pharmakonzern Kundeninterviews filmte und sogenannte Testimonials produzierte. Das sind Filme, die dem Unternehmen als Referenz dienen.

Gerade erst ist er von der Insel Madeira zurückgekehrt. Renneberg hat den Fußballer Cristiano Ronaldo dort in dessen Heimatstadt für eine Kampagne gefilmt: das Blutspende-Projekt „Be the 1“. Ein Highlight – an solche Aufträge kommt man nur mit langjährigem Engagement und gutem Netzwerk.