Karriere

Was „Game of Thrones“ im Germanistikstudium zu suchen hat

Professorin Jutta Eming von der Freien Universität über Berufswege für Germanisten – und die aktuellen Entwicklungen des Studiums.

Germanisten erwerben Kompetenz in sogenannten Transferable Skills. Dazu zählt zum Beispiel die sprachliche Genauigkeit. Eine solche Fähigkeit lässt sich anschließend in verschiedenen Berufen verwenden.

Germanisten erwerben Kompetenz in sogenannten Transferable Skills. Dazu zählt zum Beispiel die sprachliche Genauigkeit. Eine solche Fähigkeit lässt sich anschließend in verschiedenen Berufen verwenden.

Foto: skynesher / Getty Images

Berlin. Jutta Eming ist Professorin für ältere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin. Sie sprach mit unserer Redaktion über Berufswege für Germanisten.

Frau Eming, wer gern liest, tendiert oft zum Germanistikstudium. Haben Studienanfänger ein falsches Bild von den Lehrinhalten?

Jutta Eming: Der wissenschaftliche Zugriff kann für viele Studierende enttäuschend sein. Sie haben privat eine andere Leseerfahrung als an der Universität und erleben den analytischen Zugriff auf Literatur als entfremdend.

Für andere ist diese neue Lektüre bereichernd, weil sie einen neuen Zugang zum Inhalt finden. Nach und nach verstehen sie, warum ein Text in einer bestimmten Weise angelegt ist: In welcher Zeit ist er entstanden? Wie wird Wirklichkeit gedeutet, auf welche politischen Gegebenheiten wird Bezug genommen?

Germanistik wird oft als Studium für die Arbeitslosigkeit bezeichnet. Was entgegnen Sie dann?

Dass man sich ein dickes Fell zulegen und sich durch solche Äußerungen nicht beeindrucken lassen sollte. Wer Germanistik studiert, sollte diese Zeit der Bildung genießen und darauf vertrauen, dass er seine erlernten Fähigkeiten einsetzen kann.

Germanisten erlernen sogenannte Transfera­ble Skills, also Kompetenzen wie die sprachliche Genauigkeit, die sich über das Studium hinaus in Berufen verwenden lassen, die auch fachfremd sein können.

In meinem scheinbaren Exotenfach, der mittelalterlichen Literatur, werden die Studierenden so gut ausgebildet, dass sie regelmäßig Arbeitsstellen in Bereichen finden, die im weiteren Sinne mit Sprache und Kommunikation zu tun haben.

Wo können Germanisten arbeiten?

Die typischen Stellen liegen im Verlagswesen, in Bibliotheken, in Archiven, in der Schule und im Journalismus.

Ein Masterstudent von mir hat eine Stelle in einer Redaktion bekommen. Die Erfahrung mit der Mittelalterforschung hilft ihm jetzt, kulturelle Phänomene in größere Zusammenhänge einzuordnen.

Ein anderer ging ins Filmgeschäft. Auch das ist nahe­liegend, weil man im Studium viel über Erzählzeiten lernt, also darüber, wie man eine Geschichte organisiert und kommuniziert.

Was macht das Germanistikstudium reizvoll?

Die Liebe zur Geschichte. Natürlich kann es auch Ausdruck einer gewissen Unsicherheit nach dem Schulabschluss sein: Wer nicht genau weiß, was beruflich passen könnte, beginnt ein Studium, das zurück zur Leidenschaft des Lesens führt.

Dort kann es dann unerwartet anregend sein, sich damit auseinanderzusetzen, wo Wörter und Begriffe herkommen. In der Vormoderne gab es beispielsweise kein Wort für Sexualität, man sprach etwa von „ehelichen Werken“ oder „böser Lust“. Mit solchen Erkenntnissen lassen sich kulturgeschichtliche Horizonte erschließen.

Wie sieht die Zukunft des Germanistikstudiums aus?

Nehmen wir die Medienrevolutionen. Eine sinnvolle Frage aus germanistischer Perspektive wäre: Wie verändern neue Medien unsere Kommunikation und Sprache, wenn so viel gemailt und getextet wird?

Computerspiele werden gerade als neuer Bereich in die Lehre integriert, weil es auffällig ist, dass viele dieser Games im Mittelalter spielen. Masterarbeiten zum Vergleich zwischen Erzählkonventionen des Mittelalters und der Erzählweise in „Game of Thrones“ kommen zu interessanten Ergebnissen.