Kulturmanagement

Gründer des Musikerportals gigmit: „Weg vom Mainstream“

| Lesedauer: 6 Minuten
Anna Klar
Kulturmanager Marcus Rüssel will mit gigmit vor allem den musikalischen Nachwuchs fördern.

Kulturmanager Marcus Rüssel will mit gigmit vor allem den musikalischen Nachwuchs fördern.

Foto: Sven Lambert

Marcus Rüssel ist mit gigmit erfolgreich. Das Portal bringt Bands und DJs mit Veranstaltern zusammen. Zielgruppe: unbekannte Künstler.

Berlin.  Marcus Rüssel liebt Musik. Nach seinem Kultur- und Management-Studium arbeitete er zehn Jahre als Festivalveranstalter, Künstlerberater und Manager. Unter anderem hat er den Sänger Clueso betreut.

Vor fünf Jahren gingen Rüssel und vier ebenfalls musikbegeisterte Mitstreiter mit gigmit.com online – einer Datenbank, über die Veranstalter und Musiker zusammengebracht werden. Heute verzeichnet die Plattform 62.000 Bands und DJs aus mehr als 100 Ländern. 14 Mitarbeiter kümmern sich um deren Belange.

Banken waren anfangs nicht überzeugt

„Doch der Anfang als Neuling in der Start-up-Szene war schwer“, erinnert sich der 33-Jährige. Der Businessplan stand, aber einen Kredit für die Existenzgründung wollte ihnen keine Bank geben. Im ersten Jahr lebten die fünf Gründer also von ihrem Ersparten und arbeiteten ohne Gewinn an ihrem Unternehmen.

„Wir haben sicherlich am Anfang Fehler gemacht“, sagt Marcus Rüssel. Doch demotiviert seien sie nie gewesen. „Unsere glücklichen Nutzer waren uns immer positive Motivation genug, mit der Plattform weiterzumachen.“

Mit dem Business-Angel kam der Erfolg

Der Erfolg kam etwa ein Jahr nach der Gründung mit Matthias Bonjer, Geschäftsführer der Berliner Kommunikationsagentur Zucker. „Matthias Bonjer war unser erster Business-Angel“, erzählt Rüssel. „Der Erste, der an unser Start-up geglaubt und uns finanziell unterstützt hat.“

Damit sei die Saure-Gurken-Zeit vorbei gewesen. Es ging bergauf, weitere Geldgeber kamen hinzu. Dann wurde gigmit auch noch die Förderung „Pro Fit“ der Investitionsbank Berlin zugesprochen. „Sie tat ihr Übriges.“

Marcus Rüssel stammt aus Dresden. Dort fing er schon als 15-Jähriger an, mit seiner Leidenschaft für Musik Geld zu verdienen: Er organisierte – zunächst in kleiner Runde – Konzerte.

Im Alter von 18 Jahren gründete er in seiner Heimatstadt Second Attempt, eine kulturelle Jugendeinrichtung, wo er ebenfalls Konzerte veranstaltete. „Das ist eines der Dinge, auf die ich am meisten stolz bin“, sagt er. „Die Institution gibt es, jetzt in Görlitz, immer noch. Mein Baby ist groß geworden und mittlerweile ein Kulturzentrum.“

Zündende Idee für die Gründung

Die Idee zu gigmit entstand aufgrund eines konkreten Bedarfs. Über die Jahre in der Branche war Rüssel immer wieder von Bands wie auch von Veranstaltern angesprochen worden, ob er nicht einen Auftritt oder ein Konzert für sie organisieren könne.

„Viele dieser Anfragen landeten in meinem E-Mail-Account“, erzählt er. „Es gab damals keine Möglichkeit, Bands und Veranstalter ohne Umwege zusammenzubringen. Das war die zündende Idee – darum habe ich gigmit gegründet.“

Wichtig ist ihm, junge und unbekannte Bands und DJs diverser Genres zu fördern. „Wir arbeiten mit der Basis“, sagt Marcus Rüssel, „mit denen, die aufstrebend, aber noch relativ unbekannt sind.“ Vermittelt werden sie oft auf Festivals – europaweit.

Diese seien wie Fachmessen für die Musikbranche. „Dort stellen sich Veranstalter und Musiker gegenseitig vor“, sagt Rüssel. „Wer weiß, was daraus werden kann?“

Günstiger Preis, um Nachwuchs zu fördern

Um Nachwuchs zu fördern, gibt es für Künstler die Mitgliedschaft ab neun Euro im Monat. „Nur wenn wir günstig sind, sind wir für unbekannte Musiker interessant“, sagt der Gründer. „Denn sie können sich am Anfang ihrer Karrieren nichts anderes leisten. Der Wert unserer Plattform ist so am größten“, erklärt er.

Einer der aufstrebenden Künstler, der über gigmit europaweit bekannter wurde, ist der Sänger Theodore aus Griechenland. Sein „Run at Abbey Road“ zum Beispiel wurde bei Youtube inzwischen fast 100.000-mal aufgerufen.

Gigmit brachte Karriere von Theodore voran

„Theodore hat durch gigmit letztes Jahr in Hamburg beim Reeperbahn Festival gespielt und ist dann in Deutschland erfolgreich auf Tour gegangen“, erzählt Rüssel. Nach zahlreichen Auftritten in Europa wolle Theodore jetzt den amerikanischen Markt erobern. Marcus Rüssel freut sich über die Entwicklung des Sängers.

Ein weiterer Erfolg für sein Unternehmen sei die Gründung von „Ines“ gewesen, unterstützt von der Europäischen Union. „Ines“ steht für „Innovation Network of European Showcases“, erklärt der 33-Jährige. Es sei ein Talent-Pool, über den sich musikalische Newcomer aus ganz Europa auf Konzerten und Veranstaltungen präsentieren könnten und gefördert würden. Allesamt seien das Künstler „weg vom Mainstream“.

Interesse für kleine, unbekannte Bands

Weg vom Mainstream gilt auch für den Musikgeschmack des Gründers selbst. „Mich haben schon immer die unbekannten Bands viel mehr interessiert als die großen und berühmten. Das hat sich bis heute nicht geändert“, sagt er.

Marcus Rüssel ist froh über die erfolgreiche Entwicklung, die gigmit genommen hat. Aber er hat Träume: Er möchte „vielleicht irgendwann einmal“ ein Start-up in New York gründen. „Ich liebe diese Stadt. Dort ist man Gründern und Machern freundlich gesonnen“, findet er.

„Die Skepsis und der Zweifel gegenüber neuen Geschäftsmodellen, die wir hier in Deutschland leider noch kennen, sind den Menschen in den USA weitestgehend fremd.“

Neue Algorithmen fürs Matching

Doch derzeit gilt seine volle Aufmerksamkeit noch gigmit. Das Portal soll weiter ausgebaut, das Matching, also das Zusammenbringen von Bands und Veranstaltern, verbessert werden. „Derzeit arbeiten wir an neuen Algorithmen“, erzählt Marcus Rüssel.

Auch er selbst will sich weiterentwickeln. Nach der Zusatzqualifikation „Business 2.0 – Digitale Geschäftsmodelle“, die er an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) erworben hat, stehen demnächst Seminare zum Thema Führungskompetenz auf seinem Programm.