Jurist

Nicolas Haße wurde vom Lehrerschreck zum Überflieger

Der Weg von Nicolas Haße macht Eindruck: Mit 31 Jahren ist er Diplom-Ingenieur, Patentanwalt und Partner in einer Berliner Kanzlei.

Nicolas Haße ist Diplom-Ingenieur und Patentanwalt.

Nicolas Haße ist Diplom-Ingenieur und Patentanwalt.

Foto: Christian Kielmann

Berlin.  Der Brief eines erbosten Lehrers an die Eltern ist nicht als Auszeichnung gedacht. Nicolas Haße sieht das auch so. Eigentlich. Und doch hat er, nicht ganz ohne Stolz und mit Humor, das Schreiben seines Grundschullehrers liebevoll gerahmt und auf den Küchentisch gestellt. Darin wird den Eltern Haße fassungslos vom „Beschießen von in Speichel getränkten Papierkügelchen auf Mitschüler“ berichtet.

Es gab seinerzeit nicht nur diesen einen Brief. „Ich war der Klassenclown und wollte nichts machen, worauf ich keine Lust hatte“, sagt Nicolas Haße über sein zehnjähriges Ich. Kaum zu glauben, was aus diesem Lehrerschreck geworden ist: 11. Klasse übersprungen, Abi mit 1,5, Wirtschaftsingenieur-Studium mit Auszeichnung abgeschlossen, Ausbildung als Patentanwalt, heute deutscher sowie europäischer Patentanwalt, Partner in einer angesehenen Kanzlei. Mit 31 Jahren. Ein spannender Weg.

Plötzlich ändert sich die Einstellung zum Lernen

„Ich kann es mir nicht erklären, doch es machte schlagartig Klick. Ich wusste, so geht es nicht weiter.“ Nicolas Haße setzte sich auf den Hosenboden. Sein Trick: Auch bei Fächern, für die er sich nicht ganz so erwärmen konnte, nach etwas suchen, das ihn interessiert oder Spaß macht. Bei den Naturwissenschaften musste er nicht lange suchen.

Er nahm teil an Kursen eines Physik-Professors im Planetarium am Insulaner, Themen waren zum Beispiel spezielle und allgemeine Relativitätstheorie. Der einstige Schulmuffel – ein Streber? „Es stimmt, andere waren auf Partys, ich war in der Sternwarte.“ Die Eltern Haße waren erleichtert, dennoch nicht allzu überrascht. Sie hätten, so erzählt der Sohn, immer an ihn geglaubt.

Fachrichtung Elektrotechnik an der TU Berlin

Nach dem Abi studierte Nicolas Haße Wirtschaftsingenieurwesen mit Fachrichtung Elektrotechnik an der Technischen Universität (TU) Berlin. „Ich hatte den Flitz, in eine Unternehmensberatung zu gehen“, sagt er. Also machte er entsprechende Praktika, auch beim Auslandssemester in Paris. Und nach dem Vordiplom kam eine namhafte Unternehmensberatung auf Nicolas Haße zu und riet ihm, sich für ein Praktikum zu bewerben. Er war also auf dem richtigen Weg.

Doch langsam machte sich eine ernüchternde Erkenntnis breit: Die Arbeit gefiel ihm nicht. „Mich hat der wirtschaftliche Aspekt wie zum Beispiel die Analyse von Märkten nicht so sehr interessiert, sondern mehr technische Fragestellungen.“

In der Unternehmensberatung war auf einmal das Ziel weg

Es war das erste Mal, dass es auf dem Überflieger-Weg ruckelte. „Unternehmensberatung war immer mein Ziel, und auf einmal war das Ziel weg.“ Rückblickend war es das Beste, was ihm passieren konnte. Ein Rechtsdozent an der TU gab seinem Studenten den Tipp, dass es den Beruf des Patentanwalts gibt.

Patentanwätle sind Fachleute, die Firmen beraten, Erfindungen zum Patent anmelden, bestehende Patente anfechten oder gegen etwaige Patentverletzungen vorgehen. Auch melden sie Marken und Design an und setzen diese am Markt durch. „Ich hatte an der Uni auch Technikrecht, und Jura fand ich sehr spannend.“

Kanzlei auf der Suche nach einem Ingenieur

Haße hörte von der Kanzlei Gulde & Partner, die einen Ingenieur suchten für die Bereiche Halbleiterbauelemente, Mikro­elek­­tronik und integrierte Schaltungen. „Ich merkte sofort, dass dies meins ist.“ Bei Gulde & Partner machte er die Ausbildung zum europäischen und deutschen Patentanwalt. Parallel absolvierte er an der Fernuni Hagen das Studium in Recht für Patentanwälte. „Mir macht es Spaß, mich in einen Sachverhalt zu fressen und mich damit so intensiv zu befassen, dass ich es durchdringe und gänzlich verstehe.“

Für seinen Job ist dies ein Segen. „Ich muss mich täglich in neue und oft sehr komplexe technische Sachverhalte hineinarbeiten. Heute ist es ein Prozessor, morgen ein Autospiegel.“ Auch in eigener Sache ist er hartnäckig: Als das Europäische Patentamt den Antrag auf Zulassung zur Ausbildung als europäischer Patentanwalt ablehnte, weil Haßes Studium nicht technisch genug angelegt gewesen sei, arbeitete der junge Mann eine 20-seitige Beschwerde aus. Und bekam die Zulassung.

Amerikanische Großkanzleien lockten mit Geld

Nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung ging Nicolas Haße zu Gulde & Partner. Junge Patentanwälte sind begehrt, amerikanische Großkanzleien locken mit dem großen Geld. „Das Geld war nie die Motivation“, sagt er. „Ich bin in der Kanzlei umgeben von Spezialisten und lerne jeden Tag.“ Zum Beispiel von seinem Ausbilder, Sönke Lorenz. Dieser habe ihn gefordert. „Aber er hat viel Herz, ich habe ihm viel zu verdanken.“

Haße wurde mit Ende 20 zum europäischen und zum deutschen Patentanwalt zugelassen. Und als wäre das nicht schon mehr Erfolg, als mancher 50-Jährige vorweisen kann, wurde der Berliner nun auch Partner der Kanzlei.

Trotz viel Arbeit Zeit für Freunde und Sport

Der Preis dafür sind Arbeitstage bis spät in den Abend. Ja, er kenne die Geschichten von Managern, die nicht leben und nur unter Strom stehen. Er halte immer wieder inne. „Ich achte bewusst darauf, meine Freunde zu treffen und Sport zu machen“, sagt Haße. Seine Freundin arbeitet als Unternehmensberaterin – also sind beide beruflich eingespannt, geben aber acht auf ihre gemeinsame Zeit. Haße: „Ich schiebe es nicht auf zu leben.“

Daher denkt er derzeit auch nicht über einen nächsten großen Schritt, eine Promotion, nach. „Noch einmal fünf Jahre an einen Lehrstuhl sitzen, das kommt für mich im Moment nicht infrage.“ Lieber möchte er in und mit der Kanzlei wachsen. Er empfinde seine Arbeit nicht als Belastung, etwas, das er aushalten müsse, um voranzukommen. Im Gegenteil: „Ich stehe heute jeden Tag auf und freue mich, denn das ist mein Traumjob.“ Seinen Grundschullehrern dürften die Ohren klingeln ...