Bildungsforscher

„Mit einer dualen Berufsausbildung geht fast alles“

Warum immer studieren? Mit einer Lehre sind Karrieren gerade in Technikberufen möglich. Friedrich Hubert Esser vom BIBB im Interview.

Im Mint-Bereich sind vor allem Stellen für Fachkräfte und Spezialisten schwer zu besetzen.

Im Mint-Bereich sind vor allem Stellen für Fachkräfte und Spezialisten schwer zu besetzen.

Foto: milanvirijevic / Getty Images

Berlin.  Auslandserfahrung sammeln, später einen Masterabschluss machen, einen gut bezahlten Job mit Aufstiegsmöglichkeiten finden – all das ist auch ohne Studium möglich, sagt Professor Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Mit ihm sprach Kirstin von Elm.

Der Mangel an technischem Fachpersonal wird von vielen Unternehmen beklagt. Gilt das nur für Ingenieure oder auch für Absolventen einer technischen Ausbildung?

Friedrich Hubert Esser: Die aktuellen Analysen der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass im Mint-Bereich vor allem Stellen für Fachkräfte und Spezialisten schwer zu besetzen sind (Mint: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik; Anm. d. Red.). Dabei handelt es sich um Aufgabenbereiche, die vorwiegend von Personen mit einer Berufsausbildung oder einem entsprechenden Fortbildungsabschluss ausgeführt werden.

Besonders gefragt sind vor allem Fachkräfte in der Mechatronik und Automatisierungstechnik, der Energietechnik und in der Klempnerei, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Wie die Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen des BIBB und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigen, wird sich die Fachkräftesituation in diesen Bereichen langfristig auch nicht entspannen.

Als Auszubildender verdiene ich zwar früher Geld, später überholen mich die Akademiker dann aber im Hinblick aufs Gehalt, oder?

Esser: Das Einkommen von Akademikern liegt im Schnitt über dem einer Person mit Berufsabschluss, auch auf die Lebensspanne bezogen. Allerdings sind die Unterschiede je nach spezifischer Tätigkeit und Art des Abschlusses – also, ob man seinen Bachelor oder Master an einer Fachschule oder Universität gemacht hat – unterschiedlich ausgeprägt. So ergeben sich mit einer Aufstiegsfortbildung zum Teil ähnliche Renditen wie bei einem Studium.

Habe ich ohne Abitur Chancen auf einen anspruchsvollen technischen Ausbildungsberuf in einem großen Unternehmen?

Esser: Rund 52 Prozent der Auszubildenden mit einem neu abgeschlossenen Ausbildungsvertrag in den Technikberufen im Jahr 2015 hatten einen mittleren Schulabschluss, eine Studienberechtigung hingegen nur 26 Prozent. Zudem sollte nicht vergessen werden, dass die individuellen Chancen auf den Wunsch-Ausbildungsberuf auch über außerschulische Leistungen, wie zum Beispiel Praktika, erhöht werden können.

Welche Möglichkeiten habe ich nach der Ausbildung, mich weiterzuentwickeln?

Esser: Die Möglichkeiten zum lebensbegleitenden und durchlässigen Lernen in der beruflichen Bildung sind so gut wie nie zuvor. In der Wirtschaft sind beispielsweise neben vielen Angeboten der sogenannten Anpassungsqualifizierung gestufte wie auch direkte Aufstiege zum Meister, Techniker oder Fachwirt möglich. Darauf aufbauend sind weitere Aufstiege möglich, beispielsweise zum Betriebswirt.

Mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung und Berufserfahrung, in Berlin zum Beispiel drei Jahre, ist auch ein berufsaffines Studium ohne Abitur möglich. Mit einer Berufsausbildung geht also fast alles.

Ab ins Ausland: Geht das auch als Azubi?

Esser: Das geht, und über 30.000 Auszubildende machen das jedes Jahr. Es wird sogar finanziell gefördert. Das größte und bekannteste Programm heißt Erasmus+ und fördert Auslandsaufenthalte in 33 europäischen Ländern. Seit Neuestem gibt es zusätzlich das Pilotprojekt „AusbildungWeltweit“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Auszubildende, Betriebe und Schulen werden von der Nationalen Agentur beim BIBB individuell beraten.

Das BIBB informiert hier über berufliche Ausbildung.