Berufseinstieg

Wie Auszubildende in Technikberufen Karriere machen

Nicht nur Ingenieure sind in der Branche gefragt. Nach einer Lehre warten gut bezahlte Jobs mit Potenzial. Junge Angestellte berichten.

Magdalena Ruge hat nach dem Abitur eine Ausbildung zur Pharmakantin bei Klosterfrau in Marienfelde gemacht. Im Sommer 2017 ist sie übernommen worden.

Magdalena Ruge hat nach dem Abitur eine Ausbildung zur Pharmakantin bei Klosterfrau in Marienfelde gemacht. Im Sommer 2017 ist sie übernommen worden.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Da wo Juri Kabelski arbeitet, ist die Luft im wahrsten Sinne des Wortes rein. Seinen hermetisch abgeriegelten Ar­beitsplatz betritt und verlässt er ausschließlich in Spezialkleidung über eine Luftschleuse. Dabei ist Kabelski kein Astronaut: Bei First Sensor in Oberschöneweide absolviert der 24-Jährige eine Ausbildung zum Mikrotechnologen.

Das Berliner Technologieunternehmen entwickelt und produziert Sensorchips und komplexe Sensorsysteme, zum Beispiel für Fahrerassistenzsysteme im Auto, für Flugzeuge und Satelliten, für smarte Gebäude und medizinische Geräte. Die hochempfindlichen Chips werden in einer besonders sauberen Umgebung, dem sogenannten Reinraum, hergestellt.

Die Siliziumplatten, aus denen später die Chips geschnitten werden, muss Juri Kabelski zunächst mit Speziallacken beschichten und dann mit unterschiedlichen Verfahren belichten.

Abwechslungsreiche Aufgaben in der Technik

„Das ist sehr abwechslungsreich, ich muss viele verschiedene Rezepte, Prozesse und Maschinen kennen“, sagt er. „Oft kommt etwas Neues dazu.“ Über sein Outfit muss er sich keine Gedanken machen. Bevor er den Reinraum betritt, zieht er sich komplett um: Spezialunterwäsche, Ganzkörper-Schutzanzug, Spezialschuhe, Handschuhe, Haarnetz und Mundschutz. „Anfangs war das schon gewöhnungsbedürftig, aber inzwischen brauche ich höchstens noch drei Minuten.“

Ursprünglich wollte Kabelski Informatik studieren. Doch nach zwei Semestern brach er ab: „Ich bin technisch sehr interessiert und praktisch veranlagt, das Studium war mir zu theoretisch“, sagt er. Statt sich bis zum ungewissen Abschluss zu quälen, stellte er frühzeitig die Weichen neu.

Nach einem Praktikum als Lehrling eingestiegen

Über das Mentorenprogramm Joblinge erfuhr er 2015 von dem Ausbildungsberuf zum Mikrotechnologen. Sein Mentor empfahl ihm ein Praktikum bei First Sensor, wo es Juri Kabelski sehr gut gefiel: „Danach habe ich mich sofort beworben und konnte schon wenige Monate später mit der Ausbildung anfangen“, erzählt er.

Ein abgebrochenes Studium ist für viele Ausbildungsbetriebe kein Manko, im Gegenteil: Auf Studienaussteigermessen oder über Vermittlungsprogramme werden Studienabbrecher mittlerweile sogar gezielt umworben. Denn immer mehr Jugendliche machen Abitur – und immer mehr entscheiden sich für ein Studium. Die Folge: In vielen Berufen fehlt es an Nachwuchs. 2017 ist zum achten Mal in Folge die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze gestiegen. Bundesweit blieben rund 49.000 Lehrstellen frei, fast 5500 mehr als im Vorjahr, meldet das Bundesin­stitut für Berufsbildung (BIBB).

Mikrotechnologen, Mechatroniker und Fachinformatiker

„Es ist eine Herausforderung, geeignete Kandidaten zu finden, die zum einen die Voraussetzungen für den Beruf des Mikrotechnologen mitbringen und sich dann auch noch für eine Ausbildung anstelle eines Studiums entscheiden“, sagt Cornelia Harling, Personalleiterin bei First Sensor. Außer fünf bis sechs Mikrotechnologen pro Jahr bildet First Sensor auch Mechatroniker und Fachinformatiker aus.

Wer einen guten mittleren Schulabschluss oder (Fach-)Abitur mitbringt, daneben gute Leistungen in Mathematik, Physik und Chemie sowie technisches oder naturwissenschaftliches Interesse hat, kann sich für 2018 noch bewerben (first-sensor.com/karriere).

Übernahmechancen für Azubis sind sehr gut

Die Chancen, nach der Ausbildung übernommen zu werden, stehen sehr gut. Juri Kabelski, der im Juli 2018 fertig wird, hat bereits die mündliche Zusage und möchte auf jeden Fall bleiben: „Ich habe hier gute Entwicklungsmöglichkeiten, zum Beispiel den Aufstieg zum Teamleiter oder eine Weiterbildung zum Fachtechniker“, sagt er. So eine Weiterbildung könnte er sogar berufsbegleitend machen, ohne dafür seinen Job und sein Gehalt aufgeben zu müssen.

Wer nach seiner Berufsausbildung noch eine Fortbildung zum Meister, Techniker oder Fachwirt macht, profitiert: Sogenannte Fortbildungsabsolventen sind noch seltener arbeitslos als Akademiker und am Arbeitsmarkt sehr gefragt, belegt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln.

Auch mit Ausbildung ist ein Masterstudium möglich

„Unternehmen schätzen die Kompetenzen von Fortbildungsabsolventen. Viele Betriebe zahlen dieser Gruppe ein vergleichbares Gehalt wie Akademikern“, sagt Dirk Werner, Leiter des Kompetenzfelds Berufliche Qualifizierung und Fachkräfte am IW Köln. Statt Meister ist aber auch ein Master möglich: Immer mehr Hochschulen akzeptieren einen Berufsabschluss plus Berufspraxis als Zulassung für ein weiterbildendes Studium.

Allen Vorzügen zum Trotz müssen viele Unternehmen sich etwas einfallen lassen, um Schüler für eine technische Ausbildung zu begeistern. Der Spezialist für Kältetechnik Dresdner Kühlanlagenbau DKA, ein Tochter-Unternehmen der Dussmann Group, sucht jährlich 20 bis 30 Auszubildende, die Mechatroniker für Kältetechnik werden möchten (dka.eu/karriere).

Bewerber müssen sich beim Auswahlcamp bewähren

Rund 50 Bewerber werden zum Azubi-Camp ins Allgäu eingeladen, wo sie verschiedene Einstellungstests absolvieren und bei sportlichen Aktivitäten auch gleich Eigenschaften wie Ausdauer, Lerneifer und Teamfähigkeit unter Beweis stellen können. „Wir suchen Macher, die Hände und Kopf gut einzusetzen wissen. Das finden wir mit dem Azubi-Camp am besten heraus“, sagt Personalleiter Steffen Opitz.

Felix Horn hat den Tag in bester Erinnerung. 2016 hat der 22-jährige Berliner das Azubi-Camp mitgemacht und bereits abends auf der Rückreise seinen Ausbildungsvertrag erhalten. „Eigentlich wollte ich Abitur machen, aber ich war nicht der beste Schüler“, gibt er freimütig zu.

Jetzt hat er im wahrsten Sinne des Wortes einen „coolen“ Job. Bei DKA in Berlin lernt er, wie man streikende Kühlanlagen schnell wieder zum Laufen kriegt. Dafür ist er den ganzen Tag bei Kunden unterwegs: Supermärkte, Krankenhäuser und Großküchen freuen sich, ihn zu sehen, wenn die Kühlung streikt.

Handwerklicher Beruf ohne Kundenkontakt

Einen handwerklichen Beruf wollte auch Max Vater ergreifen, aber ohne Kundenkontakt. Bei Berliner Glas hat er soeben seine Ausbildung zum Feinoptiker beendet. Das Industrieunternehmen fertigt optische Schlüsselkomponenten und technische Gläser, etwa Präzisionsoptiken oder Hochleistungsspiegel für den Einsatz im Weltraum, optische Module für Laser oder für medizinische Geräte.

„Fein heißt nicht unbedingt klein“, sagt Vater, der auch mal bis zu zwei Meter lange Speziallinsen herstellt und für seinen Job unterschiedlichste Maschinen bedienen muss. Über den Beruf hat sich der 23-jährige Potsdamer vor dem Abitur im Internet informiert.

Gutes Ausbildungsgehalt für angehende Feinoptiker

Auch seinen Ausbildungsbetrieb hat er online gefunden (berlinerglas.de/ausbildung). So viel Initiative wünscht sich Personalmanagerin und Ausbilderin ­Anett Müller auch von anderen Kandidaten: „Der Beruf ist relativ unbekannt und die Anzahl der Bewerbungen deshalb nicht sehr hoch“, sagt sie. 2017 kamen beispielsweise nur knapp 100 Bewerbungen auf zehn Ausbildungsplätze.

Auch für 2018 sind noch nicht alle Plätze besetzt, obwohl die tarifliche Ausbildungsvergütung für angehende Feinoptiker mit 813 Euro im ersten Lehrjahr bis 1090 Euro im vierten Jahr attraktiv ist. Abiturienten haben die Möglichkeit, später ein duales Studium Konstruktion und Fertigung anzuschließen und so zum Prozess-Ingenieur aufzusteigen. Max Vater strebt einen Meister an, auch das ist bei Berliner Glas möglich.

Bekannte Unternehmen finden leichter Azubis

Etwas leichter bei der Suche nach technischem und naturwissenschaftlichem Nachwuchs haben es Unternehmen wie Bayer oder Klosterfrau. Zum einen kennt jeder ihre Produkte, zum anderen zahlt die Branche überdurchschnittlich gut. Beide Unternehmen bilden in Berlin Nachwuchskräfte aus: Chemielaboranten sind beispielsweise im Forschungslabor an der Entwicklung neuer Wirkstoffe beteiligt oder kontrollieren anhand von Proben die Qualität der fertigen Produkte.

Pharmakanten arbeiten überwiegend in der Produktion, wo sie nicht nur chemisches Fachwissen, sondern auch technisches Verständnis und handwerkliches Geschick benötigen. „Anfangs hatte ich einen gesunden Respekt vor unseren Produktions- und Verpackungsmaschinen, aber inzwischen kann ich alle bedienen“, sagt Magdalena Ruge.

Ausbildung zur Pharmakantin bei Klosterfrau

Die 22-Jährige aus Ludwigsfelde hat nach dem Abitur bei Klosterfrau in Marienfelde eine Ausbildung zur Pharmakantin gemacht und ist im Sommer 2017 übernommen worden (klosterfrau-group.de). Aktuell kontrolliert sie im Labor die Proben ihrer Kollegen aus der Produktion und überwacht, dass Luft und Oberflächen in den Produktionsräumen keimfrei sind. Sie engagiert sich im Unternehmen in der Jugend- und Auszubildendenvertretung und organisiert regelmäßig Treffen: „Es macht viel Spaß, eigene Erfahrungen weiterzugeben“, sagt sie.

Bei Bayer gibt es ebenfalls noch Ausbildungsplätze für 2018, die Bewerbungsfrist endet am 31. März (karriere.bayer.de). Auch Bewerber mit mittlerem Schulabschluss sind willkommen, sagt Ausbildungsleiter Arne Günther. „Die sind zwar jünger und anfangs oft noch etwas unselbstständiger, dafür entwickeln sie im Laufe der Ausbildung aber oft besonders viel Biss.“