Berufsbild

Verbandschefin: „Innenarchitekten sind keine Kissen-Knicker“

Wie umfangreich die Aufgaben von Innenarchitekten in der Praxis sind und wie ihre Berufschancen aussehen, erklärt eine Fachfrau.

Fachkräfte werden in der Innenarchitektur händeringend gesucht. Der Bachelor-Abschluss reicht für den Berufseinstieg.

Fachkräfte werden in der Innenarchitektur händeringend gesucht. Der Bachelor-Abschluss reicht für den Berufseinstieg.

Foto: alfexe / Getty Images/iStockphoto

Berlin.  Juliane Moldrzyk ist Vorsitzende des Landesverbands Berlin-Brandenburg im Bund Deutscher Innenarchitekten (bdia) und Mitgründerin des Büros „raumdeuter“. Yvonne Scheller sprach mit der Innenarchitektin.

Auf der Internetseite des Bunds Deutscher Innenarchitekten heißt es: Zu den Berufsaufgaben gehört die gestaltende, technische, wirtschaftliche, ökologische und soziale Planung von Innenräumen – Innenarchitekten sind also Allrounder?

Juliane Moldrzyk Absolut. Entgegen der mancherorts immer noch vorherrschenden Meinung sind Innenarchitekten keine Kissen-Knicker, also Innenausstatter. Das können sie auch, aber tatsächlich plant, baut und gestaltet ein Innenarchitekt jeden bestehenden Innenraum bis hin zur letzten Oberfläche.

Und dabei muss er buchstäblich tiefgründig denken. Wenn ich zum Beispiel über die Anordnung von Steckdosen nachdenke, muss ich den Verlauf der Leitungen kennen; wenn ich den Bodenbelag plane, muss ich die Beschaffenheit des Bodens kennen, und Heizung und Lüftung habe ich ebenfalls stets im Hinterkopf. Darüber hinaus kann ich aber auch tiefgreifende Veränderungen vornehmen.

Welche Veränderungen meinen Sie?

Das Bauen im Bestand kann beispielsweise Eingriffe in die Statik umfassen. Ich kann Etagen durchbrechen und Wände einziehen oder entfernen. Die Berechnungen dafür liefert der Statiker.

Ich kann aus Gewerbeimmobilien ein Wohnhaus machen und umgekehrt, und die notwendigen Anträge stellen. Und wenn es um die Innengestaltung eines Neubauprojekts geht, sprechen wir von Projektgrößen, die Innenarchitekten oft gar nicht zugetraut werden.

Also ist Innenarchitektur ein unterschätztes Metier?

Sagen wir, es gibt Missverständnisse. Etwa, was den Kreativanteil betrifft. Bei einem Projekt, das von A bis Z in der Hand eines Innenarchitekten liegt, sprechen wir von einem Kreativanteil von etwa 20 bis 25 Prozent. Der Rest ist Planung und Projektmanagement – von der Absprache mit Privat- oder Geschäftskunden, der Detail-Planung über die Ausschreibung von Leistungen bis hin zur Zusammenarbeit mit den verschiedenen Gewerken.

Da ist ein breites Spektrum an Fachwissen nötig. Ganz besonders, wenn es um Spezialbereiche geht wie die Planung oder Modernisierung von Sanitärbereichen, die Klimatisierung von Eventflächen oder die Gestaltung von öffentlichen Räumen, die wiederum Fragen der Akustik, der Lichtplanung oder des Brandschutzes umfasst.

Wie können sich Innenarchitekten spezialisieren?

Da gibt es vielfältige Möglichkeiten, schon weil das Berufsbild so umfassend ist. Grundsätzlich gibt es die kundenorientierte Spezialisierung auf die öffentliche Hand, den Privat- oder Geschäftskunden.

Es gibt aber auch den Bereich der Szenografie, also die Kunst der Inszenierung von Theater-, Film- und Ausstellungsräumen. Oder den Messebau, wo leichtes und brandsicheres Gestalten gefragt ist. Außerdem gehen Innenarchitekten vielfach ins Produktdesign oder sind in Möbelhäusern oder Küchenstudios angestellt.

Wie beurteilen Sie die Chancen für Innenarchitekten auf dem Arbeitsmarkt?

Aktuell boomt die Wirtschaft, also boomt auch unsere Branche, und Fachkräfte werden händeringend gesucht. Das kann ich übrigens auch vonseiten unseres Büros bestätigen. Der Bachelor-Abschluss reicht dabei durchaus für den Berufseinstieg. Das ist auch gut so, denn das breitgefächerte, theoretische Fachwissen sollte durch Praxiserfahrung ergänzt werden. Idealerweise geschieht dies bereits während des Studiums oder aber in der Zeit zwischen dem Bachelor und einem Master.

Ob selbstständig oder angestellt, den Titel darf man nicht einfach so nutzen: Innenarchitekt ist ein geschützter Beruf, das heißt, er erfordert einen Eintrag bei der Architektenkammer. Und dafür sind ein achtsemestriges Studium sowie zwei Jahre Berufserfahrung in allen Leistungsphasen die Voraussetzung.

Thema Einkommen: Wird man als Innenarchitekt reich?

Architekten waren noch nie Gutverdiener – von einzelnen Stars der Branche mal abgesehen. Das Gleiche gilt für Innenarchitekten, aber am Ende lässt sich doch gut von unserem Beruf leben.

Das Einstiegsgehalt liegt etwa zwischen 2000 und 2500 Euro, das ist allerdings regional unterschiedlich. Stuttgart ist beispielsweise generell designorientierter geprägt, und dort liegen die Stundenlöhne schlicht höher. In Berlin gibt es aktuell viele Projekte – alle Welt zieht es gerade in die Hauptstadt –, und das beschert uns eine gute Auftragslage.