Ausbildung

Im Reinraum oder im Kanal: Die etwas andere Lehrstelle

Mikrotechnologen und Fachkräfte für Rohrservice – in beiden Lehrberufen trägt man Schutzkleidung. Allerdings aus verschiedenen Gründen.

Justin Kukies ist Auszubildender bei den Berliner Wasserbetrieben. Er wird Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice.

Justin Kukies ist Auszubildender bei den Berliner Wasserbetrieben. Er wird Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice.

Foto: Massimo Rodari

Der Reinraum im Ferdinand-Braun-Institut (FBH) in Adlershof ist der wohl sauberste Arbeitsplatz, den sich Auszubildende wünschen könnten. Dort stellen Mikrotechnologen Mi­krochips her, ohne die Computer, Smartphone oder medizinisches Gerät nicht funktionieren.

Die Strukturen der winzigen Alleskönner aus Mikroelektronik und Mikrosystemtechnik sind so dünn wie ein 50-mal gespaltenes Haar. Kein einziges Staubkorn darf sich darauf niederlassen: „Jede noch so kleine Faser könnte die hochempfindlichen Chips zerstören“, sagt Uta Voigt vom Wissensmanagement des FBH. Auch Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Reinraum werden aus diesem Grund stets konstant gehalten.

Nur mit Schutzanzug und Mundschutz

Den Reinraum dürfen die Mikrotechnologen nur mit Schutzanzug, Gummischuhen, Mundschutz, Handschuhen und Kopfbedeckung betreten. Denn Menschen sind die größte Quelle für verunreinigende Partikel. Das Anlegen der Schutzkleidung ist die erste Herausforderung für neue Auszubildende. „Sie müssen eine besondere Technik erlernen, den Anzug anzuziehen“, erklärt Voigt. „Er darf weder den Boden berühren noch dürfen sie ihn von außen anfassen.“

Einmal an ihrem Arbeitsplatz gehen die Mikrotechnologen verschiedenen Aufgaben nach. Einige stanzen vorsichtig aus kreisrunden, sehr dünnen Scheiben, sogenannten Wafern, die fertigen Mikrochips aus und prüfen sie unter dem Mikroskop. Andere überziehen die Chips in einem Reinraum mit Fotolack und belichten sie.

Anspruchsvolle und feinmotorische Arbeit

In einem weiteren Schritt zum fertigen Bauelement werden die feinen Strukturen erzeugt, indem überflüssiges Material weggeätzt wird. In noch einem weiteren Labor führen die Mikrotechnologen die hauchdünnen Scheiben einzeln über eine Handschuhbox in eine Multiwaferanlage ein und überziehen sie mit einer Materialschicht – dünn wie ein Atom. „Es ist eine sehr anspruchsvolle und feinmotorische Arbeit“, sagt Uta Voigt.

Rund 300 Wissenschaftler und Mikrotechnologen aus insgesamt 17 Nationen arbeiten am FBH. Geforscht wird auf den Gebieten Mikrowellentechnik und Optoelektronik. Das FBH ist eines von 89 Leibniz-Instituten bundesweit und Mitglied im Ausbildungsverbund Mikrotechnologie Berlin-Brandenburg. „Hier treiben wir die Qualität der Ausbildung voran und vermitteln Bewerber in entsprechende Ausbildungsbetriebe“, erklärt Voigt.

Fokus auf Halbleitertechnik

Die Ausbildung zum Mikrotechnologen dauert drei Jahre. Seinen Schwerpunkt kann man auf Halbleitertechnik oder Mi­krosystemtechnik setzen. Am FBH liegt der Fokus der Ausbildung auf der Halbleitertechnik. „Wir stellen jährlich zwischen drei und sechs Auszubildende ein, die in international zusammengesetzten Teams arbeiten“, sagt Uta Voigt, die sich um die Aus- und Weiterbildung im Institut kümmert.

Gefordert werden mindestens ein guter mittlerer Schulabschluss, solide Englischkenntnisse sowie Interesse an Naturwissenschaft und Technik. Nach der Ausbildung haben Mikrotechnologen kein Problem, eine Anstellung zu finden: Industrie, Forschungseinrichtungen und Unis sind sehr interessiert an den Experten.

80 Azubis arbeiten bei den Berliner Wasserbetrieben

Ohne Schutzkleidung kann auch Justin Kukies seinen Beruf nicht ausüben. Der 24-Jährige ist einer von 80 Azubis der Berliner Wasserbetriebe und befindet sich im zweiten Ausbildungsjahr zur Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice (RKI). Jeden Morgen, wenn Kukies zur Arbeit kommt, führt ihn sein Weg erst einmal in die Umkleidekabine.

Ähnlich wie die Kluft der Bergleute hängen Schutzanzüge und Stiefel dort an schweren Ketten von der Decke. So kann die Arbeitskleidung, die bis zu Socken und Unterhemd vom Arbeitgeber gestellt wird, lüften und trocknen – ohne in Kontakt mit der sauberen Kleidung der Beschäftigten zu kommen.

Arbeitsplatz der Fachkräfte für RKI ist die Berliner Kanalisation, die sich mehr als 9710 Kilometer unter der Stadt durchzieht. Mit hoch technisierten Kanalkamerawagen fahren sie zu ihren Einsatzorten, begehen und inspizieren Kanalsysteme und prüfen mithilfe von ferngesteuerten Spezialkameras die Abwassernetze. Auch die rund 285.000 Hausanschlüsse für Abwasser untersuchen sie auf Verunreinigungen und Schäden.

Operator-Raum mit Computer und Joystick

Viele Kanäle können nur mit einer Kamera erkundet werden, weil ihr Durchmesser nicht größer ist als ein Handball. Die Kameras können bei Bedarf zusätzlich mit Spezialgeräten ausgestattet werden, etwa um Wurzeln zu entfernen, die durch die Kanaldecke gestoßen sind. Gesteuert werden die Kameras von den Fachkräften für RKI: Jeder Einsatzwagen hat dafür einen Operator-Raum mit Computer, Joystick und Überwachungsmonitor.

„Es ist ein sehr vielseitiger, aber kein ungefährlicher Beruf“, sagt Justin Kukies. Es kann zum Beispiel vorkommen, dass Abwasser fault. Dadurch können sich giftige Schwefelwasserstoffe bilden. Bevor sie in ihrer Schutzkleidung in einen Kanal einsteigen, lassen die Fachkräfte für RKI darum ein Messgerät in den Schacht hinab. Es misst die Luftqualität.

Trotzdem haben sie immer auch ein tragbares Messgerät dabei. Schlägt es unter der Erde an, weil sich Giftgase gebildet haben, stülpt sich der Mitarbeiter sofort eine Sauerstoffmaske über Mund und Nase und geht zügig zum nächsten Schacht. Die Kollegen dort ziehen ihn dann an einem Sicherheitsgurt wieder hoch ins Freie. Damit das alles sicher klappt, trainieren die Fachkräfte einmal jährlich gemeinsam den Ernstfall. Dafür steht ihnen ein Übungskanal auf dem Betriebsgelände am Südkreuz zur Verfügung.

Im Chemielabor lernen sie alles über Wasser

Nach ihrer Ausbildung gibt es für die RKI-Fachkräfte unterschiedliche Einsatzbereiche. Außer in der Kanalisation können sie auch im Wasser- oder Klärwerk arbeiten. Oder sie werden bei der Instandhaltung des Rohrnetzes für Trinkwasser eingesetzt. Um auf alle Varianten vorbereitet zu sein, durchlaufen die Azubis in ihrer Lehrzeit auch all diese verschiedenen Stationen.

Darüber hinaus lernen sie die Arbeit in einem Chemielabor kennen, wo sie zum Beispiel die Eigenschaften von Laugen und Säuren studieren und Experimente machen. „Wenn man in den Kanal steigt, muss man den Stoff Wasser kennen“, sagt Jus­tin Kukies.

Notendurchschnitt nicht maßgeblich

Wer den Beruf ergreifen möchte, sollte handwerklich geschickt und körperlich fit sein sowie ein großes Interesse für chemische, physikalische und technische Zusammenhänge mitbringen. „Nur der Notendurchschnitt ist für uns schon lange nicht mehr maßgeblich“, sagt Sünne Espert, Ausbildungsleiterin der Wasserbetriebe. „Persönliches Interesse und Einsatzbereitschaft sind für uns viel wichtiger.“

Wer sich bewirbt, muss zunächst einen Test absolvieren, der technisches Wissen, logisches Denken und berufliche Motivation abfragt. „Wird der erfolgreich absolviert, laden wir zum Bewerbungsgespräch“, erklärt Espert. Interessenten können sich noch bis 31. März für einen Ausbildungsstart in diesem September bewerben.