Junge Profis

„Ich frage mich immer, wie hilft es denn der Gesellschaft?“

Joshua Kriesmann hat bereits als Schüler einen Hilfsverein für Geflüchtete gegründet. Inzwischen haben viele sein Konzept aufgegriffen.

Jurastudent Joshua Kriesmann in der rechtswissenschaftlichen Bibliothek der Freien Universität Berlin

Jurastudent Joshua Kriesmann in der rechtswissenschaftlichen Bibliothek der Freien Universität Berlin

Foto: Massimo Rodari

Berlin.  „Auch Jugendliche können etwas bewegen“, sagt Joshua Kriesmann. Der 20-Jährige ist selbst das beste Beispiel dafür. Als 2015 immer mehr Geflüchtete nach Deutschland kamen, hatten Kriesmann und einige Mitschüler an seinem Gymnasium das Gefühl, etwas tun zu müssen. Sie begannen, Veranstaltungen zu organisieren, bei denen sich Geflüchtete und Einheimische begegneten – von Kochabenden über Ausflüge und Kulturprojekte bis zu Deutschunterricht. Das war die Geburtsstunde des Vereins Schüler Treffen Flüchtlinge (STF).

Zweieinhalb Jahre später ist aus dem Verein so etwas wie eine Bewegung geworden. Rund 50 Aktive engagieren sich im STF: Schüler von inzwischen mehreren Schulen, Geflüchtete und Studenten – die erwachsen gewordenen ehemaligen Gymnasiasten der Ber­tha-von-Suttner-Oberschule in Berlin.

In mehreren anderen Städten sind ebenfalls Projekte nach dem STF-Muster entstanden. Motiviert durch die „Aktion Zukunft“: Das ist ein Workshop, den Kriesmann und seine Mitstreiter für engagierte Schüler aus ganz Deutschland anbieten. Darin können sich die Teilnehmer informieren, wie sie selbst Aktionen und Vereine in ihrer Stadt starten.

Verein als vorbildliche Initiative ausgezeichnet

Ende 2017 gab es eine besondere Anerkennung: Beim Wettbewerb startsocial, der unter Schirmherrschaft der Bundeskanzlerin steht, wurde der STF als eine von 25 Initiativen für sein vorbildliches Engagement ausgezeichnet. 400 Kandidaten aus ganz Deutschland hatten sich ursprünglich beworben. Zur Belohnung gehörten vier Monate Pro-bono-Beratung durch zwei Wirtschaftsexperten.

Initialzündung für Joshua Kriesmanns Engagement war ein Auslandsschuljahr, das er im Rahmen des Parlamentarischen Patenschafts-Programms des Bundestags in den USA, in Oklahoma, verbrachte. „Ohne dieses Jahr wäre ich nicht der, der ich heute bin“, sagt der 20-Jährige. Vom offenen und toleranten Berlin, so beschreibt Kriesmann seine Heimatstadt, in einen der US-amerikanischen Südstaaten zu ziehen, vermittelte ihm eine neue Perspektive. „Vorher hatte ich gar kein großes Interesse an Politik und Geschichte“, erzählt er.

Im Austauschjahr gelernt zu debattieren

In den USA erlebte er Helikoptereltern und wenig Vertrauen in Jugendliche, er sah, dass die Schüler in der Kantine sich nach Ethnien sortiert an die Tische setzten. Und er belegte Debattierkurse, lernte zu argumentieren und nahm an den dort populären Debating-Turnieren zwischen Schülern und Schulen teil. „Und weil ich ein schlechter Verlierer bin, habe ich mir viel Mühe gegeben“, sagt Kriesmann und grinst. „Das hat den Grundstein für mein politisches Interesse gelegt.“

Zurück in Berlin habe er gewusst: „Hier bin ich richtig.“ Lust, zum Studieren irgendwo anders hinzugehen, hatte er darum keine. Brauchte er auch nicht: Mit einem Abischnitt von 1,3 bekam er an der Freien Universität (FU) ohne Probleme seinen Platz in der Rechtswissenschaft.

Ein Grandhotel für Jedermann

Neben den Hotelgästen leben auch bis zu 65 Flüchtlinge in dem ehemaligen Altenheim im Augsburger Domviertel.
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Stipendiat der Stiftung des deutschen Volkes

Inzwischen ist er im dritten Semester, als Stipendiat wird er bis zum Ende des sechsten Semesters von der Studienstiftung des deutschen Volkes unterstützt. Bedenken, anschließend Schwierigkeiten mit der Studienfinanzierung zu bekommen, hat der 20-Jährige nicht. „Man muss sich einfach anstrengen, wenn man etwas will“, glaubt er. Dann fänden sich immer Wege.

„Das Jurastudium ist für mich Mittel zum Zweck“, sagt Joshua Kriesmann. „Das war auch die Schule schon.“ Viele Fächer habe er sinnlos für sein Leben gefunden, deutsche Literatur zum Beispiel. Aus demselben Grund mag er in seinem Studium das Zivilrecht am liebsten. Da geht es um Kaufverträge, ums Miet-, Erb- oder Arbeitsrecht. „Das braucht jeder mal“, sagt der 20-Jährige. Einige seiner Kommilitonen interessiert gerade der wissenschaftliche Ansatz der Rechtswissenschaft. „Ich frage mich immer, wie hilft es denn der Gesellschaft?“, sagt Kriesmann. Sein Ansatz: „Ich will durch mein Studium den Staat kennenlernen, ich will verstehen, wie Deutschland tickt.“

Kurse in Rhetorik, Politik und Diplomatie

Auch darum bewirbt er sich um die Teilnahme an politischen Workshops, beispielsweise bei der Studenteninitiative be.boosted. Als „Fellow“ werde er zurzeit in Rhetorik, Diplomatie und Politik ausgebildet, erzählt Kriesmann. Am Ende der Förderung wird er zusammen mit jungen Menschen aus der ganzen Welt an einer „Model United Nations Conference“ teilnehmen, eine Simulation der Vereinten Nationen.

Viel Zeit für Privates scheint da nicht zu bleiben. Doch Kriesmann widerspricht: „Ich habe ein gutes Zeitmanagement und die richtige Balance gefunden.“ Wäre das nicht so, würde er etwas ändern. Und immerhin lebt seine Freundin Paula, die Geschichte und Philosophie studiert, in derselben WG wie der 20-Jährige. Da gibt es keine langen Wege.

Auslandssemester in Großbritannien geplant

Im Sommer wird Joshua Kriesmann voraussichtlich zum Auslandsstudium nach Großbritannien gehen. Welche Uni es werden wird, sei noch nicht klar, wahrscheinlich eine Partneruni der FU. Dann würde er durch die gegenseitige Anerkennung der Studienleistungen kein Semester verlieren.

Wenn auch sonst alles glatt läuft, legt er nach neun Semestern das erste Staatsexamen ab. „Aber Anwalt will ich nicht werden“, sagt Kriesmann. Gern würde er für eine Stiftung im gemeinnützigen oder politischen Bereich arbeiten. „Oder vielleicht selbst eine Stiftung gründen.“

Infos & Kontakt zum Verein STF

„Schüler Treffen Flüchtlinge“ (STF) ist ein eingetragener Verein, der 2015 als Schülerinitiative gegründet wurde. Er wird von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ehrenamtlich geleitet. Die Veranstaltungen des Vereins bieten Geflüchteten und Schülern die Möglichkeit, sich kennen- und verstehen zu lernen.

Die „Aktion Zukunft“ ist ein Seminar des STF. Es will die teilnehmenden Schüler motivieren, selbst in der Vernetzung von Geflüchteten und Einheimischen aktiv zu werden. Wer sich für eine Mitarbeit interessiert, findet Infos auf folgenden Seiten:

stfberlin.de

aktionzukunft2018.de