Junge Profis

Wie ein 23-jähriger Gründer die Medizin revolutionieren will

Sven Mischkewitz hat das Start-up ThinkSono gegründet. Sein Ziel:ein Diagnose-Tool für Venenthrombose, die jedes Jahr Millionen tötet.

Sven Mischkewitz ist einer der beiden Gründer von ThinkSono.

Sven Mischkewitz ist einer der beiden Gründer von ThinkSono.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Obwohl Sven Mischkewitz kein Mediziner ist, verbringt er viel Zeit damit, medizinische Fachartikel zu lesen. Er hat sich zum Beispiel mit Richtlinien für die Behandlung von Patienten beschäftigt und hat gelernt, wie eine Venenthrombose diagnostiziert wird. Denn dafür entwickelt der 23-jährige IT-Spezialist mit seinem Start-up ThinkSono gerade ein vereinfachtes, automatisiertes Verfahren.

Bei einer tiefen Venenthrombose (TVT) bildet sich in einer Beinvene ein Blutgerinnsel. Wenn es sich löst, kann es über das Blutgefäßsystem in die Lunge gelangen und dort eine lebensgefährliche Embolie verursachen. "Allein in Europa und den USA sterben jährlich etwa 800.000 Menschen an den Folgen einer TVT", sagt Mischkewitz. "Das sind mehr Todesfälle als durch Brustkrebs, Prostatakrebs, Aids und Verkehrsunfälle zusammen."

Ultraschall und Software für die Arztpraxis

Rechtzeitig erkannt lässt sich die Thrombose behandeln. Doch die frühzeitige Diagnose ist das eigentliche Problem. Denn die Symptome ähneln anderen Erkrankungen. Ein Hausarzt würde einen Patienten mit Verdacht auf Venenthrombose als Notfall in die Klinik schicken. Die Untersuchungen dort sind aufwendig, kompliziert und teuer. Und sie ergeben in 95 Prozent der Fälle dann doch das Ergebnis: keine TVT, so Mischkewitz.

Dort setzt ThinkSono an. Mithilfe einer Software, kombiniert mit einem tragbaren Ultraschallgerät, soll es einmal jeder medizinisch ausgebildeten Kraft möglich sein, schnell und dezentral eine tiefe Venenthrombose sicher zu diagnostizieren oder auszuschließen.

Nichts soll die eigenen Ambitionen bremsen

Sven Mischkewitz stammt aus dem brandenburgischen Werder und wollte schon lange ein eigenes Start-up. "Es hat mich schon sehr früh gereizt, an eigenen Aufgaben zu arbeiten – nach oben offen, sodass keiner die eigenen Ambitionen bremst." Der Weg dahin verlief sehr geradlinig: Mit zwölf Jahren brachte er sich selbst das Programmieren bei, machte in der 9. Klasse ein Schnupperstudium am Potsdamer Hasso-Plattner-Institut (HPI). Seit seinem 16. Lebensjahr arbeitete er in Start-ups. Am HPI absolvierte er auch sein Bachelor-Studium IT-Systems-Engineering mit den Schwerpunkten Human-Computer-Interaction und Software-Architektur.

2015, ein Jahr vor seinem Abschluss, gewann er mit drei Kommilitonen den HackZurich, nach eigenen Angaben der größte Programmier-Wettbewerb Europas. Dort wurde das englische Unternehmen Entrepreneur First (EF) auf Mischkewitz aufmerksam und sprach ihn an. EF ist ein sogenannter Accelerator. Es verhilft vielversprechenden Talenten zu schnellerem Erfolg, nimmt sie an die Hand, und zwar von Anfang an, schon bevor ihr Unternehmen überhaupt gegründet ist. EF hilft bei der Suche nach einer tragfähigen Idee, stellt Gründerteams zusammen, unterstützt finanziell mit Stipendien und einem ersten Investment in die neue Firma. Als Gegenleistung erhält EF Unternehmensanteile.

Erster Ansatz führte in eine Sackgasse

Mischkewitz wurde bei EF aufgenommen und ging mit dem Bachelor-Abschluss in der Tasche für sechs Monate nach London. Dort lernte er seinen Co-Gründer kennen, den Norweger Fouad Al-Noor, der Electronic Engineering und Nanotechnologie studiert hatte und seit zwölf Jahren in England lebt. Gemeinsam wollten sie eigentlich etwas zum Thema Antibiotika-Resistenzen entwickeln – eine Sackgasse, wie sie feststellen mussten.

Doch statt sich nach einem ganz anderen Problem der Menschheit umzusehen, besannen sie sich auf das, was ihnen während ihrer Recherchen mehrere Hausärzte erzählt hatten: Dass es kein TVT-Diagnose-Tool für Arztpraxen gibt. Konnte das die gerade so noch lösbare und gleichzeitig bedeutsame Aufgabe für die beiden Tüftler sein? Sie begannen mit der Arbeit und gründeten schließlich ThinkSono.

Büro auf einem Berliner Start-up-Campus

Bei der Suche nach weiterer Unterstützung stießen sie auf Grants4Apps, ein Mentoring- und Förderprogramm, mit dem Bayer Pharma in Berlin Digital-Health-Start-ups fördert. Inzwischen hat ThinkSono ein Büro auf dem Bayer-Campus im Berliner Stadtteil Wedding, profitiert vom Austausch mit Experten des Konzerns, erhielt 50.000 Euro Startkapital. Sven Mischkewitz verbringt nun die Hälfte seiner Zeit in Berlin, die andere Hälfte weiterhin in London. Zeit für Privatleben und seinen Sport nimmt er sich trotzdem. Seit seiner Kindheit betreibt er Karate, trägt drei schwarze Gürtel. Respekt und Gerechtigkeit, zwei Grundtugenden der Karate-Philosophie, sind Teil seiner Lebenseinstellung geworden.

In der Medizin ist der Weg bis zur Marktreife eines Produkts besonders lang. Regularien müssen beachtet, Zertifizierungen und klinische Studien mit belastbaren Daten durchgeführt werden. "Das, woran wir jetzt arbeiten, wird Anfang 2020 in den Markt gehen. Vorher gibt es keinen Umsatz, das heißt, man braucht kontinuierlich eine Finanzierung über Fremdkapital", erzählt Mischkewitz.

Ziel: Lösung von gesellschaftlichen Problemen

Alternative Projekte, die sich schneller auszahlen, hätte es gegeben. Trotzdem möchte Sven Mischkewitz nichts anderes machen. Er will sich wichtigen, relevanten Fragen widmen: "Für mich gab es nur drei Bereiche, in die ich gehen wollte: Landwirtschaft, Bildung oder eben Medizin." Weil dort die Lösung von Problemen große Auswirkungen auf die Gesellschaft hat.

"So wie ich aufgewachsen bin, habe ich ziemlich viel Glück gehabt. Natürlich habe ich auch hart gearbeitet, aber ich wurde von meinen Eltern und meinen Lehrern immer sehr unterstützt. Deshalb möchte ich gerne wieder etwas zurückgeben und das, was ich gut kann, mit anderen teilen."