Branchenblick

Im Messebau ist fast jeder Beschäftigte ein Quereinsteiger

Eine geregelte Ausbildung für die Messebau-Branche gibt es noch nicht. Tischler, Designer oder auch Historiker sind dort beschäftigt.

Samira Semmar ist als Produktdesignerin für die Firma Schettle Messebau im Einsatz.

Samira Semmar ist als Produktdesignerin für die Firma Schettle Messebau im Einsatz.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  „Wir machen für unsere Kunden Kopfstände“, sagt Tolga Terlemez und lacht. Der Chef der Berliner Firma Delafair redet nicht von Turnübungen, sondern vom Baugeschäft. Seine Gesellschaft hat sich auf den Innenausbau, vor allem auf den Messe- und Eventbau spezialisiert. In dieser Welt sind Kopfstände Bauten, die in einer Messehalle von drei Gängen umgeben sind, also den „Kopf“ einer Reihe von Messeständen darstellen.

Terlemez und sein Team entwerfen und errichten aber nicht nur Kopfstände, sondern ebenso Eck-, Insel- oder Reihenstände. Auch individuelle Möbel für Werbemaßnahmen oder Dekorationen entstehen in der Werkstatt des Dienstleisters. Eine riesige Bananenstaude zum Beispiel: Sie lehnt in einer Ecke der Delafair-Lagerhalle. „Die hatte ihren Einsatz bei der letzten Fruit Logistica“, sagt Terlemez.

Schema F gebe es beim Messebau nicht, betont er. Soll der Stand ebenerdig oder mehrstöckig, rund oder eckig sein? Wird er knallig bunt oder in schlichtem Schwarz-Weiß gewünscht? Welches Material eignet sich? Kaum eine Idee sei zu absurd, kein Projekt zu aufwendig, sagt der Messebauer. Mit Kreativität, Erfahrung und handwerklichem Geschick setzen Spezialisten wie Terlemez und seine Mitarbeiter Visionen um.

Quereinstiege sind im Messebau die Regel

Eine Ausbildung oder ein Studium, die direkt in den Beruf des Messebauers führen, gibt es nicht. Auch Tolga Terlemez kam über Umwege zu seiner Tätigkeit. Er ist Industrieelektroniker und hat Medizintechnik studiert. „Ein Nachbar war Messebauer. Bei ihm habe ich in den Semesterferien mitgeholfen“, erzählt der 47-Jährige. „Ich war begeistert von den Möglichkeiten, die diese Branche bietet. Und so bin ich selbst in den Messebau gerutscht.“

Gemeinsam mit Matthias Reichel, einem Architekten, gründete er 2001 Delafair. 27 Mitarbeiter beschäftigt das Duo zurzeit. Dazu kommen freie Fachkräfte wie Desi­gner und Architekten sowie temporär eingesetzte Hilfskräfte für den Messen- und Ausstellungsaufbau. „Man muss bei uns alles können“, sagt Terlemez zu den Anforderungen. Bei Delafair sind Maurer, Tischler und Holzmechaniker, Holztechniker und Lagerfacharbeiter angestellt, aber auch eine Event- und Tourismusmanagerin und selbst ein Historiker gehören zum Team.

Holzmechaniker arbeiten meist in der Industrie

Jenny Kanzler ist Holzmechanikerin. Anders als Tischler, die handwerklich mit Holz arbeiten, werden Holzmechaniker vor allem in der Industrie eingesetzt. „Messebau ist so ein Zwischending“, sagt die 41-Jährige. Nach dem Abitur habe sie Restaurierung studieren wollen. Doch eine Begegnung, während sie als Kellnerin jobbte, ließ sie in eine andere Richtung denken. „Ich lernte ein paar Jungs kennen, die Messebau gemacht haben.“ Durch deren Berichte motiviert, absolvierte sie als 24-Jährige bei einer Messebaufirma die Ausbildung zur Holzmechanikerin.

Anschließend war sie acht Jahre lang als Bauleiterin auf Montage unterwegs. „Das ist jeweils wie ein kleiner Hausbau. Da ist man bei allem dabei – vom Fußbodenbau bis zum Wandanstreichen.“ Ihre Einsätze führten Kanzler bis nach Dubai, Jordanien und in den Libanon. „Es ist schön zu sehen, was man fabriziert hat“, findet sie. Interessant sei vor allem die Abwechslung zwischen den verschiedenen Aufgaben. Allerdings gehören auch Zeitdruck und Stress zum Job, ebenso wie teils lange Arbeitstage von zwölf Stunden oder mehr.

Auf Montage sein ist nicht familienfreundlich

„Messebau ist nicht familienfreundlich“, sagt die alleinerziehende Mutter eines fünfjährigen Sohnes. Sie arbeitet seit fast 14 Jahren für Delafair. Inzwischen ist sie ausschließlich in der Werkstatt in Wittenau tätig. Die auswärtige Montage ließ sich nicht mehr mit ihrem Leben vereinbaren. Das funktioniert, weil der Betrieb gewachsen ist, erzählt Kanzler: „Früher mussten wir die Werkstatt während der Montagezeit schließen. Jetzt geht die Werkstattarbeit parallel weiter.“

Gewachsen sind auch die Kenntnisse und Fähigkeiten der 41-Jährigen. Beispielsweise bedient sie die CNC-Maschine, das ist eine computergesteuerte Säge, für deren Handhabung man eine spezielle Weiterbildung braucht. „Und ich bin hier inzwischen für das Qualitätsmanagement zuständig“, erzählt Jenny Kanzler. Vermisst sie die Montagetätigkeit? Die Antwort kommt prompt: „Auf jeden Fall. Doch alles geht nun mal nicht. Ich muss mich ja um meinen Sohn kümmern.“

Reiselust und Mobilität gehören dazu

Gerade in kleineren Messebaubetrieben ist reiner Innendienst mit geregelter Arbeitszeit kaum möglich. Damit ist die Entscheidung für eine berufliche Laufbahn im Messebau in aller Regel auch ein Ja zu Überstunden und unregelmäßigem Feierabend. Fridtjof Ludwig vom Bundesverband Holz und Kunststoff, einem Innungsverband für Tischler, Schreiner, Drechsler und Baufertigteilmonteure, sagt: „Wer dort arbeitet, schätzt es, viel herumzukommen und etwas zu sehen. Doch es ist temporär auch sehr herausfordernd.“

Wilfried Wartenberg, Geschäftsführer der Firma MB Capital Services, einer Tochterfirma der Messe Berlin, bekräftigt: „Im Messebau arbeiten Handwerker mit klassischen Qualifikationen wie zum Beispiel Tischler und Elektriker. Wichtig ist dabei, dass sie flexibel sind und Spaß an vielen Dienstreisen haben.“

Aufmerksamkeit der Messebsucher erregen

Bei der Gestaltung der Stände geht es vor allem darum, die Aufmerksamkeit der Besucher einer Messe zu erregen. Unternehmen nutzen ihre Messepräsentation als Kommunikations- und Werbeforum. Der Öffentlichkeit sollen neue Produkte, Dienstleistungen oder auch Unternehmensstrategien vermittelt wer­den. Das komplett selbst zu stemmen und dabei über Landesgrenzen hinweg tätig zu sein, gelingt nur den größten Messebaufirmen.

Ansonsten ist Zusammenarbeit angesagt, gerade bei umfangreichen Projekten. Mit einem Netzwerk aus Architekten, Designern, Bauingenieuren und Projektmanagern realisiert MB Capital Services jedes Jahr mehr als 1000 internationale Projekte. Schwerpunkte sind die Branchen Elektronik, Tourismus und Ernährung.

Wer kann, expandiert. Kay Schettle etwa, Chef der Pankower Firma Schettle Messebau, hat just seinen Betrieb erweitert. Bisher ging es bei ihm um Messestände, die 20 bis 50 Quadratmeter groß waren; 2017 der Einstieg in größere Projekte, bei denen der Stand schon einmal 1500 Quadratmeter messen kann. „Das ist für uns der Weg, um weiterzukommen“, erklärt Schettle. Seit das Unternehmen auch große Standmaße bewältigen kann, verbessert sich die Auftragslage laufend. „Trockenzeiten“, wie er es nennt, gebe es gar nicht mehr.

Vom Eventmanager und Projektleiter zum Gründer

Schettle ist Anlagenmechaniker und hat beim Berliner Gasnetzbetreiber Gasag gelernt. Weil er die Arbeit als Rohrleger zu eintönig fand, orientierte er sich um. Über eine Ausbildung zum staatlich geprüften Eventmanager, die er 2004 abschloss, entwickelte sich Kay Schettle weiter und machte sich selbstständig, zunächst als Projektleiter für Ausstellungen und Messen. Zwei Jahre später gründete er seine Firma für Messe- und Eventbau, die in Montagezeiten bis zu 40 Mitarbeiter beschäftigt. „Das sind fast ausschließlich freie Kollegen. Elektriker, Fußbodenleger, Trockenbauer“, erklärt Schettle. „Also alles Leute, die ein Handwerk gelernt haben.“

Zu den fünf festen Schettle-Mitarbeitern zählt Samira Semmar. Seit 2016 ist die Produktdesignerin dabei. Sie arbeitet viel am Rechner, ist aber auch oft in der Werkstatt und zum Teil bei Messen vor Ort. „Das bringt immer was Neues“, sagt sie. Wie ihr Weg in den Beruf verlief? Semmar ließ sich an der privaten Best-Sabel-Berufsakademie zur gestaltungstechnischen Assistentin ausbilden.

„Den Schwerpunkt habe ich in dieser Ausbildung auf das Produktdesign gelegt“, erzählt die 26-Jährige. Komplette Stände, Tische, ein Schrank – dafür lieferte sie die Entwürfe und Planungen. Ihr interessantestes Projekt? Ein Messestand, der wie ein Kegel geformt war. „Das ist das Schönste: Man sieht, was man entworfen hat.“ Auch den Kontakt zu Kunden findet sie spannend. „Deren Vorstellungen sind meist sehr offen, Vorgaben oft nicht so eng. Dadurch kann man ziemlich frei arbeiten.“