Zukunftsbranche

Die Medizintechnik lockt Auszubildende und Studenten

Der Anspruch an Mitarbeiter in der Medizintechnik ist hoch. Neue Hochschulprogramme entstehen, auch der Lehrberuf wird digitalisiert.

Hella Könnecker hat sich an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) für Gesundheitselektronik eingeschrieben.

Hella Könnecker hat sich an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) für Gesundheitselektronik eingeschrieben.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Hella Könnecker arbeitet an der Schnittstelle von Medizin und Elektronik. Mit dem Studiengang Gesundheitselektronik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin hat sie sich für ein Ingenieurstudium im medizinischen Umfeld entschieden. Um diese Kombination als eine der Ersten studieren zu können – der Studiengang ist erst im Wintersemester 2016/ 2017 an der HTW gestartet –, ist die 19-Jährige nach Berlin gezogen.

Haben sich ihre Erwartungen erfüllt? "Auf jeden Fall", sagt Könnecker. "Ich bin jetzt im dritten Semester und kann sagen: Es ist ein sehr abwechslungsreiches, allerdings auch forderndes Studium." So reicht das Spektrum von medizinischen Grundlagen, Mathematik und Elektrotechnik über bildgebende Verfahren bis zu fortgeschrittener Programmierung. Ein weiteres Seminar heißt "Eingebettete Systeme der Gesundheitstechnik".

Könnecker lernt viel Neues und hat ihren eigenen Weg entdeckt: So sei sie, wie viele ihrer Kommilitonen, ohne große IT-Kenntnisse gestartet und habe eher die Naturwissenschaften im Blick gehabt, erzählt sie. "Aber nach drei Semestern hat sich das um 180 Grad gedreht. Nun sind wir von den Programmiermöglichkeiten ganz begeistert."

Stärkerer Fokus auf Elektronik und Programmierung

Tatsächlich ist der Studiengang im Zuge der Digitalisierung und zunehmenden elektrotechnischen Ausrichtung bei medizintechnischen Geräten entwickelt worden, bestätigt Studiengangsprecher Professor Heiko Hübert. "Im Gegensatz zum klassischen Medizintechnik-Studium liegt hier ein stärkerer Fokus auf Elektronik und wird verknüpft mit verschiedenen Modulen aus dem Bereich der Programmierung."

Entstanden ist der Studiengang auch vor dem Hintergrund des in der Branche herrschenden Fachkräftemangels. Entsprechend gut seien die Berufsaussichten der künftigen Absolventen, erklärt Hübert. Während der Praktikumsphase im 5. Semester können sich Unternehmen von den Fachkenntnissen der angehenden Gesundheitselektroniker überzeugen. "Und die Studierenden lernen die Abläufe in der Praxis kennen und erleben die Entwicklungsprozesse neuer Medizintechnikprodukte", so HTW-Professor Hübert.

Bei Firmenbesuchen Arbeitgeber kennenlernen

Hella Könnecker will nicht bis zum 5. Semester warten. Neulich haben sie und ihre Kommilitonen einen Blick hinter die Kulissen von WOM World of Medicine werfen können. Das ist ein international agierendes Unternehmen mit Sitz in Berlin, das als sehr innovativ in der minimalinvasiven Chirurgie gilt. "Da versuche ich gerade einen Werkstudentenjob zu bekommen", erzählt die 19-Jährige. "Das würde mir die Chance bieten, direkt an der Entwicklung des Fortschritts mitzuarbeiten."

Gleich praktisch arbeiten zu können, war auch für Martin Redlich wichtig. Er entschied sich deshalb für ein duales Studium, also die Kombination von Theoriephasen an einer Hochschule oder Berufsakademie mit Praxisphasen in einem Unternehmen. Und da er zwischen den Feldern Medizin und Technik schwankte, dachte sich der 22-Jährige: "Warum eigentlich nicht beides?" Das Medizintechnik-Studium, das die Charité-Tochter Charité CFM Facility Management in Kooperation mit der Staatlichen Studienakademie Bautzen anbietet, war die Antwort.

Verantwortlich für Instandhaltung der Labore

Die CFM ist an der Charité zuständig für alle nichtmedizinischen Dienstleistungen – von der Reinigung über die Logistik bis zur Instandhaltung der medizinischen Geräte. Und davon gibt es an der Charité immerhin rund 72.500. Die Medizintechniker der CFM sind verantwortlich für die Planung, Koordination und Durchführung von Instandhaltungsmaßnahmen an labor- und medizintechnischen Geräten und beraten bei Neuanschaffungen.

Redlich ist im 5. Semester und kennt somit bereits alle drei Campus der Charité, die jeweils über eine eigene Werkstatt verfügen. "Aber wir laufen auch mit den Technikern mit und lernen die Stationen, die Ärzte und Pflegekräfte sowie die verschiedenen Gerätegruppen kennen." Dabei reicht das Spektrum von bildgebenden Systemen über chirurgische Systeme bis hin zu den Geräten in der Intensivmedizin.

Besonders hoher Wartungsbedarf bestehe im Umfeld der apparativen Überwachung, erklärt er. "Dazu gehören Beatmungsgeräte, Überwachungsmonitore oder auch Infusions- und Spritzenpumpen", erklärt Redlich. Er interessiert sich vor allem für die Elektromedizin. Sie umfasse Bereiche wie Hochfrequenzchirurgie, Reizstromtherapie und den Einsatz von Elektrokardiogramm-Geräten, erklärt er. Dort könnte er sich seine berufliche Zukunft gut vorstellen.

Win-win-Situation für Studenten und Firma

Vielleicht sogar bei der CFM: "Etwa 90 Prozent der Absolventen werden jedes Jahr übernommen", sagt Roula Salah, Bereichsleiterin für Medizintechnik und Zentralsterilisation an der CFM. Eine Win-win-Situation, findet die 46-Jährige. "Nach nur drei Jahren sind die dual Studierenden fertige Ingenieure mit einem hohen Maß an Praxiserfahrung. Und weil sie unser Unternehmen und die Systeme, mit denen wir arbeiten, gut kennen, können sie gleich vollwertig eingesetzt werden."

Da Medizintechniker ein anspruchsvoller Beruf ist, sucht Salah künftige Studierende sorgfältig aus. Kandidaten durchlaufen ein zwei Tage dauerndes Bewerbungsverfahren. Die Bereichsleiterin will so Menschen finden "mit großem Verantwortungsbewusstsein, die sorgfältig arbeiten, teamfähig sind und die auch mal über den Tellerrand hinweg denken".

Ausbildungsberuf in der Medizintechnik

Über den Tellerrand schauen müssen auch Orthopädietechnik-Mechaniker. Für diesen Beruf ist "ein Interesse sowohl für das medizinische Fachgebiet als auch für Technik und natürlich für den Menschen als Patienten gefragt", sagt Susanne Lüders. Sie ist Fachverantwortliche im Ausbildungsgang Orthopädietechnik-Mechaniker des Oberstufenzen­trums (OSZ) Informations- und Medizintechnik in Neukölln.

Die Berufsausbildung ist vor vier Jahren neu geordnet worden und war vorher als Orthopädiemechaniker und Bandagist bekannt. "Die Neuordnung ist dem Umbruch in der Branche geschuldet", erklärt Lüders. Durch das Aufkommen der neuen Technologien habe sich das Handwerk gewandelt. "Wurde früher viel geschmiedet und Schienen in Leder-Stahl-Technik gefertigt, wird heute zunehmend mit Kunststoffen und der Faserverbundtechnik gearbeitet."

Arbeit an elektronisch gesteuerten Prothesen

Auch CAD ("rechnerunterstütztes Konstruieren") und 3-D-Druck hielten Einzug in den Beruf. Dazu kommen die klassischen Fortschritte in der Technik, die heute elektronisch gesteuerte Prothesen oder Gelenke erlauben. Somit müssen sich Orthopädietechnik-Mechaniker auch mit Elektronik, Pneumatik und Hydraulik auskennen.

Die Azubis lernen anderthalb Tage pro Woche an der Berufsschule, beispielsweise wie sie eine Prothese für eine Unterschenkelamputation anfertigen. "Die Schüler starten mit einer Anamnese, um zu klären, was für ein Hilfsmittel exakt benötigt wird", erklärt Lüders. "Eine Gipsmaßnahme des Stumpfs ergibt dann das Modell, auf welchem der Prothesenschaft gefertigt wird." Dann werde der passende Werkstoff ausgewählt – etwa Carbon, Glasfaser oder Titan. Schließlich folgt die Fertigung und Anpassung am Patienten, so Lüders.

Beziehung zwischen Techniker und Patient

Parallel dazu werde das anatomische Grundwissen vermittelt sowie Verständnis für Biomechanik: Wie ist eine Prothese aufgebaut, wie muss sie eingestellt werden, um dem Patienten einen optimalen Gang zu ermöglichen? Dieses theoretische Wissen begleitet die praktische Ausbildung in den Unternehmen, also in Werkstätten und im Kundenkontakt. "Da ist viel Empathie und Fingerspitzengefühl gefragt", sagt Susanne Lüders. "Denn wenn die Beziehung zwischen Techniker und Patient nicht stimmt, ist die Gefahr groß, dass die Hilfsmittel nicht oder nicht in der richtigen Weise angenommen werden."

Um das optimale Hilfsmittel zu bestimmen und herzustellen, müssen Orthopädietechnik-Mechaniker oft kreative Problemlöser sein, denn jeder Patient kommt mit ganz individuellen Anforderungen, betont die Fachverantwortliche. "Und genau das macht die Attraktivität des Berufs aus: Die große Vielfalt und die Möglichkeiten, sich zu spezialisieren etwa auf Kinderorthopädie oder auch ein spezielles Material wie die Silikontechnik."