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Worauf Jugendliche bei der Lehrstellensuche achten sollten

Personalexperten haben Tipps für junge Leute, die eine Ausbildung suchen. Mit guten Mappen können auch schlechtere Schüler punkten.

Anke Steuk ist Leiterin der Nachwuchsförderung bei der Berliner Stadtreinigung (BSR).

Anke Steuk ist Leiterin der Nachwuchsförderung bei der Berliner Stadtreinigung (BSR).

Foto: Petra Lang

Berlin.  „Die Guten können sich ihren Ausbildungsplatz quasi aussuchen“, sagt Anke Steuk. Ausbildungsbetriebe seien inzwischen mehr Nachfrager als Anbieter. „So ist der Trend der Zeit, so mancher Ausbildungsplatz in Deutschland und auch in Berlin bleibt unbesetzt“, erklärt die Leiterin der Kaufmännischen Ausbildung und Nachwuchsförderung bei der Berliner Stadtreinigung (BSR).

Aber Steuk sagt ebenso: „Nicht jeder muss das Abitur haben.“ Junge Menschen mit nicht so guten Noten könnten auch eine tolle Bewerbung schreiben „und sich als der oder die Richtige für einen Ausbildungsplatz herausstellen“. Wichtig findet die Personalerin der BSR, dass Schüler ihre Bewerbungen tatsächlich selbst schreiben.

Etwa 330 Ausbildungen stehen Schülern zur Wahl

Von Dienstleistern, die das gegen Gebühr übernehmen, hält sie nichts. Sie würde es merken, glaubt die Personalerin, wenn ein Anschreiben aus fremder Feder stammt. Und spätestens beim persönlichen Gespräch falle die Diskrepanz ohnehin auf. Doch wie verfasst man eine „tolle Bewerbung“?

Wer auf Ausbildungssuche ist, kann theoretisch zwischen etwa 330 Lehrberufen wählen. Das fällt niemandem leicht. Aber es gibt zahlreiche Berater, die Jugendlichen dabei helfen. Unterstützung bieten Arbeitsagentur, Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammer, Jobmessen, Berufsbildungswerke oder selbstständige Coaches und Karriereberater. Für Letztere muss man bezahlen, die öffentlichen Beratungsstellen sind kostenlos.

Bewerbungsmappe sollte Lust auf mehr machen

Die Erwartung an die Bewerbung eines Schülers ist nicht so hoch wie an die eines berufserfahrenen Bewerbers. Doch zuviel Rücksicht auf ihre Unerfahrenheit sollten Schüler von Ausbildungsbetrieben auch nicht erwarten.

Lose Blätter einfach in eine Klarsichthülle zu stecken kommt nicht infrage. „Tatsächlich wird das aber noch häufig gemacht“, sagt Coach Claus Zimmermann, der auf die Beratung von jungen Erwachsenen im Übergang von Schule zu Beruf spezialisiert ist. „Zu ihnen sage ich: Die Bewerbungsmappe sollte wie die Speisekarte in einem guten Restaurant sein. Schon beim ersten Anblick muss man Lust auf mehr bekommen.“

Problem: Oft sind Unterlagen nicht vollständig

Wie schwierig es sein kann, eine gute Bewerbung zu schreiben, weiß auch BSR-Personalerin Anke Steuk. Bis zu 4000 Bewerbungen gehen jedes Jahr durch ihre Hände. Sie rät Schulabgängern: „Informiert euch. Nutzt die zahlreichen Angebote. Holt euch Hilfe.“ So könnte manches Pro­blem in der Bewerbungsphase vermieden werden.

Etwa unvollständige Unterlagen: „Das kommt recht häufig vor und macht gleich einen schlechten Eindruck“, sagt Steuk. „Müssen Unterlagen nachgefordert werden, kann es zeitlich knapp werden. Die Bewerbung kann daran scheitern.“ Auch falsche E-Mail-Adressen, kurzfristig geänderte Telefonnummern oder zu spät gesichtete E-Mails seien nicht selten. „Mancher potenzielle Azubi hat so schon Termine verpasst.“

Bewerbungsfoto soll zur Branche passen

Einer der Kardinalfehler bei der Bewerbung: am Foto sparen. „Schnappschüsse und selbst das Standard-Passfoto reichen heute nicht mehr aus“, sagt Claus Zimmermann. „Besser, man investiert 50 bis 70 Euro für ein professionelles Shooting.“ Schließlich falle der erste Blick des Personalentscheiders in der Regel auf das Bild.

„Gut ist ein Fotograf, der fragt, für welchen Beruf sich der Jugendliche bewirbt“, sagt der Coach. Dementsprechend seriös oder locker darf dann das Foto ausfallen. „Pulli ist meistens okay, wenn man Hemd oder Bluse darunter trägt. Wer aber so etwas wie Bankkaufmann werden will, sollte schon fürs Foto ein Sakko oder einen Blazer tragen.“ Jungen Frauen empfiehlt er, auf starkes Make-up und auffälligen Schmuck zu verzichten.

Soziale Kompetenz und Teamfähigkeit sind besonders wichtig

Alles Aufhübschen hilft ohnehin nichts, wenn man sich nicht die passende Branche ausgesucht hat. „Was macht mir Spaß, und was kann ich beruflich daraus machen?“ sollten die leitenden Fragen sein. Hier unterstützen am besten die Eltern: „Jugendliche können oft gar nicht benennen, welche außerschulischen Kompetenzen sie besitzen“, sagt Claus Zimmermann.

Dann wird im Lebenslauf nur geschrieben: „Zehn Jahre im Fußballverein.“ Aber das geht besser, findet der Coach. Zum Beispiel so: „Teilnahme an Stadt-Meisterschaften und an internationalen Turnieren, vier Jahre aktiv als Jugendtrainer der U12. Ich habe gelernt, mit meiner Mannschaft zu gewinnen, aber auch zu verlieren.“ Jeder Personalentscheider erkenne so in dem Bewerber sofort das, wonach er am intensivsten sucht: Teamfähigkeit und soziale Kompetenz.

Zuviel Selbstbeweihräucherung ist kontraproduktiv

Ein Zuviel an Selbstbeweihräucherung ist aber auch nicht gut: Im Anschreiben neigen Jugendliche dazu, sich allzu sehr anzupreisen, hat Karriereexperte Zimmermann festgestellt. Sie versuchen, mit möglichst viel wohlformuliertem Text zu brillieren. „Darum geht es aber nicht“, sagt er.

„Man muss beschreiben, welche Fähigkeiten und Kenntnisse man hat, und das Ganze auf das jeweilige Unternehmen zuschneiden.“ Etwa, indem der Schreiber hervorhebt, dass er sich über den gewählten Beruf gut informiert hat, und warum er ihn am liebsten in diesem Unternehmen ergreifen will.

Bewerber sollen individuelles Profil zeigen

Oft sei die Darstellung der Motivation die größte Hürde, sagt Bewerbungscoach Christina Panhoff. „Zu viele junge Leute beschäftigen sich zu sehr mit der Form der Bewerbung, aber zu wenig mit sich selbst“, lautet ihre Erfahrung. Dabei sei es wichtig, der Bewerbung ein individuelles Profil zu geben und nicht nur Formalien zu erfüllen.

Um der Persönlichkeit ihrer jungen Klienten auf die Spur zu kommen, nutzt Panhoff die sogenannten W-Fragen. Sie seien „die Basics für die Job- oder Ausbildungsplatzsuche“. Denn mit ihnen ließen sich gute Anschreiben und Lebensläufe verfassen. Die Grundfragen seien: Wer bin ich, und wie bin ich? „Dabei ersetzt man das Sprichwort ‚Eigenlob stinkt‘ durch ‚Eigenlob stimmt‘“, sagt Panhoff.

Auch ehrenamtliche Tätigkeiten angeben

Als Nächstes müsse man fragen: Was kann ich? „Hier stellt man seine Fähigkeiten aufgrund der Schulbildung dar, gibt Schulpraktika oder andere Fähigkeiten wie zum Beispiel ehrenamtliche Tätigkeiten an.“ Sowohl harte Fakten wie Noten, Sprachkenntnisse oder andere Fähigkeiten seien an dieser Stelle zu nennen wie auch die sogenannten Soft Skills.

Gerade die Beschreibung dieser weichen Faktoren – beispielsweise Teamfähigkeit oder die Fähigkeit, Probleme zu lösen – fällt vielen Jugendlichen nicht leicht. Argumente kann auch die Schulzeit liefern: Wer sich im Klassenverbund als Sprecher oder Vermittler bei Problemen hervorgetan hat, sollte sich trauen, das in seiner Bewerbung darzustellen.

Gezielt bewerben statt nach Gießkannenprinzip

Eine weitere W-Frage, die Panhoff mit Jugendlichen bearbeitet, lautet: Was will ich? „Hier machen sich die jungen Menschen Gedanken über ihren Traumjob. Was würden sie gern tun? Planen, organisieren, Verantwortung tragen, draußen oder im Büro arbeiten?“, fragt sie. Zum Schluss sollen sich die Jugendlichen überlegen, in welcher Branche sie ihre Stärken am besten einsetzen können, sagt Panhoff. Wie realistisch die Ideen sind, können sie mit mehreren kurzen Praktika überprüfen.

Davor, Bewerbungen nach dem sprichwörtlichen Gießkannenprinzip zu verteilen, warnt Claus Zimmermann. „Ich sollte mich auf zwei bis drei Ausbildungsberufe konzentrieren und immer daran denken, dass ich dem Unternehmen vermitteln will, mich sehr bewusst für genau diesen Beruf und diesen Arbeitgeber entschieden zu haben.“

Recherche nach Firmeninformationen

Ist man schließlich zum Bewerbungsgespräch eingeladen, hat man idealerweise die wichtigsten Fakten parat, etwa ob die Firma Filialen besitzt, welche Produkte vertrieben werden oder ob es vielleicht vor Kurzem eine Auszeichnung gab. Die Aussage, dass einem das Unternehmen gefällt, reicht nicht, um Personaler zu beeindrucken.

Aber die Suche nach Informationen ist einfach, denn die meisten Arbeitgeber stellen sich auf ihren Internetseiten ausführlich dar. Größere Firmen veröffentlichen dort sogar Pressemitteilungen. Wer sie liest, gewinnt einen Eindruck, was dem Unternehmen selbst wichtig ist. Hilfreich kann auch ein Blick in die Lehrinhalte des Ausbildungsberufs sein, sagt Panhoff. Denn häufig wird im Bewerbungsgespräch gefragt: „Was möchten Sie während der Ausbildung lernen?“ oder „Worauf freuen Sie sich besonders?“

Albina Progozhuk (22) hat alle Bewerbungshürden locker genommen. „Ich habe mich über das Internet informiert“, erzählt sie. Nach ihrem Abitur mit 17 entschied sie sich, nicht zu studieren. Sie wollte „lieber etwas machen, wobei ich Praxis und Theorie verbinden kann“.

Im Internet entdeckte Progozhuk den Tourismusbereich für sich – und recherchierte die Ausbildungsberufe der Branche. „Besonders die Informationen der Industrie- und Handelskammer haben mir geholfen, mich über die Bewerbungsanforderungen zu informieren“, erzählt die 22-Jährige. Heute ist sie ausgebildete Hotelfachfrau und arbeitet als Sales-Managerin beim Betreiber der Co-Working-Büros und Veranstaltungslocation „rent 24“ in Berlin.