Personal

Menschen und Zahlen: So wird man Wirtschaftspsychologe

Wirtschaftspsychologen kennen sich mit BWL genauso aus wie mit dem Verhalten von Menschen. Die Verbindung sei faszinierend, sagen sie.

Johannes Riener hat Wirtschaftspsychologie studiert. Heute ist er Berater bei Kienbaum Consultants.

Johannes Riener hat Wirtschaftspsychologie studiert. Heute ist er Berater bei Kienbaum Consultants.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Für viele Unternehmen ist es inzwischen ein Problem, qualifizierte Mitarbeiter zu finden und bewährte Kollegen zu halten. Doch beides entscheidet über den Unternehmenserfolg. Im Vorteil sind oft die Arbeitgeber, die Wirtschaftspsychologen engagiert haben.

Diese sind bei Bedarf an zwei Fronten gleichzeitig aktiv: Sie suchen und entwickeln einerseits Mitarbeiter und beraten andererseits das Unternehmen darin, wie es attraktiv für die eigenen Mitarbeiter bleibt. Sind Wirtschaftspsychologen also eine Geheimwaffe gegen den Fachkräftemangel?

Im Einsatz bei Kundenunternehmen

"Das könnte man so sehen", sagt Johannes Riener und lacht. Der Wirtschaftspsychologe ist Juniorberater bei der Personal- und Managementberatung Kienbaum Consultants International in Berlin. Als solcher ist er in Projekten bei Kundenunternehmen im Einsatz. "Wobei Fachkräftemangel nur eines unserer Themenfelder ist", erklärt Riener. Daneben unterstützt er Unternehmen zum Beispiel auch darin, Prozesse zu verändern oder eine zeitgemäße Führungskultur zu etablieren.

Personalsuche und das Talentmanagement sind jedoch die Schwerpunkte der Wirtschaftspsychologen. Dank ih­res Wirtschaftswissens haben sie die Erfordernisse im Unternehmen ebenso im Blick wie die Bedürfnisse der Menschen. Auf dieser Basis entwickeln Riener und seine Kollegen beispielsweise Assessment-Center (AC). Diese werden dazu eingesetzt, passende Mitarbeiter aus einer Gruppe von Bewerbern auszuwählen.

Verschiedene Methoden im AC

In AC werden verschiedene Methoden eingesetzt, das reicht vom Interview, in dem die Kompetenz eines Kandidaten ermittelt werden soll, über Präsentationen, die Bewerber erarbeiten müssen, bis hin zu Simulationen und Rollenspielen, in denen Teilnehmer ihre kommunikativen Fähigkeiten zeigen sollen. Auch an psychologischen Tests müssen Bewerber häufig teilnehmen. Doch diese verlieren zunehmend an Bedeutung, hat Johannes Riener beobachtet.

"Wir gleichen dann unsere Bewertungen mit denen der Kunden ab", erklärt der 26-Jährige. Personaler und Führungskräfte des potenziellen Arbeitgebers können schließlich am besten beurteilen, wo die Chemie stimmt und wer ins Team passt.

Allgemeine Psychologie in Graz studiert

Riener gehört seit September 2016 fest zum Kienbaum-Team. Zuvor hat der gebürtige Österreicher Allgemeine Psychologie an der Universität Graz studiert und sich dann für ein gemeinsames Masterprogramm der Université Paris Descartes und der Universitat de Valencia entschieden.

Sein Abschluss heißt Master's Degree Work, Organisational and Personnel Psychology. "So habe ich Auslandserfahrung sammeln können, und der Master hat die drei Hauptaufgabenfelder der Wirtschaftspsychologie abgedeckt: Personal-, Organisations- und Arbeitspsychologie."

Auch Work-Life-Balance kann ein Thema sein

Die Arbeitspsychologie beschäftigt sich mit psychologischen Risiken am Arbeitsplatz wie Stress oder mit der Work-Life-Balance. Die Personalpsychologie behandelt Personalsuche und -management. In der Organisationspsychologie geht es vor allem um die Frage: Wie muss eine Organisation funktionieren, in der Menschen und Prozesse optimal aufeinander abgestimmt sind?

"Und das bedeutet oft: Die Theorie auf dem Papier trifft auf die Menschen in der Realität", sagt Johannes Riener. Genau das mache seinen Beruf so interessant: "Der Versuch, die wissenschaftliche Methodik in den beruflichen Alltag zu übertragen und auf die jeweilige Situation unserer Kunden anzuwenden."

Reisen gehört zum Job

Der 26-Jährige arbeitet für Auftraggeber verschiedener Branchen im In- und Ausland. Reisen, immer Laptop und Handy im Gepäck, gehört für ihn zum Alltag. "Ich bin etwa zur Hälfte im Büro und zur Hälfte beim Kunden tätig", erzählt er. Das heiße auch, zur Hälfte Arbeiten mit Excel und Powerpoint, zur Hälfte Umgang mit Menschen durch Gespräche und Beobachtungen vor Ort. Riener mag die Kombination beider Bereiche.

Doch besonders faszinieren ihn die immer wieder neuen, oft überraschenden Begegnungen mit Menschen. "Wir arbeiten stets im Spannungsfeld von Emotion und Logik", sagt er. Eine wesentliche Voraussetzung für seinen Beruf sei daher ein intensives Interesse an Menschen. "Selbst wenn sich das jetzt kitschig anhört, man braucht Leidenschaft für den Menschen und ein Gespür für dessen Wohlbefinden."

Umgang mit verschiedensten Menschen

Riener braucht auch ein Gespür für die richtigen Worte, denn er muss mit den verschiedensten Menschen umgehen. Sowohl dem Vorstandsvorsitzenden als auch dem Fabrikarbeiter gegenüber wollen die richtigen Argumente gefunden werden. "Wenn das klappt und am Ende sowohl der Vorstand als auch die Mitarbeiter glücklich sind, ist das ein tolles Gefühl."

Anna Gründer, Trainerin und Coach beim Seminaranbieter dwp – die wirtschaftspsychologen, schätzt das unmittelbare Feedback. "Durchschnitt­lich sind wir drei Tage beim Kunden", erzählt die 31-Jährige. Das mache ihren Beruf sehr abwechslungsreich, beinhalte aber auch die Herausforderung, "immer offen an die nächste Gruppe heranzugehen, ohne in Schubladendenken zu verfallen", erklärt sie.

Training für mehr Widerstandskraft

Gründers Arbeitgeber hat seinen Sitz in Berlin, ist aber deutschlandweit tätig, vorrangig im Bereich Personalentwicklung in Unternehmen. "Unser Schwerpunkt liegt auf Kommunikations- und Führungsthemen", erklärt Gründer. In den vergangenen Jahren habe dabei das Thema Resilienz an Bedeutung gewonnen. "Es geht um die Frage, wie stärke ich meine Widerstandskraft in Zeiten, in denen immer mehr in immer kürzerer Zeit verlangt wird", erläutert die 31-Jährige. "Hier arbeiten wir an der inneren Einstellung zu Stress."

"Biologisch läuft in unserem Körper bei Stress immer der gleiche Prozess ab", sagt Anna Gründer. Ob wir uns von stressigen Situationen überfordert fühlen oder ob wir sie spannend finden, sei eine Frage der individuellen Bewertung. Und da unser Körper stets den Weg des geringsten Widerstands gehe, bewertet er nach klassischen Mustern.

Kunden positives Denken vermitteln

"Wenn wir eher negativ eingestellt sind, ist das Muster problemfokussiert", sagt die Wirtschaftspsychologin. Aber das lasse sich durch Training ändern. Jeder könne lernen, sich auf Chancen zu konzentrieren, statt automatisch Probleme zu sehen.

"Alternativ gibt es die Technik der Entkatastrophisierung. Das ist die gedankliche Auseinandersetzung mit einer angstbesetzten Situation", ergänzt sie. Wer also aus Angst vor einem Blackout ungern vor vielen Menschen spricht, könnte die Situation gedanklich durchspielen und zum Ergebnis kommen: Ja, ein Blackout ist peinlich, aber keine Katastrophe.

Individuelle Ansätze sind gefragt

So sei je nach Kunde oder Mitarbeiter im Kundenunternehmen ein individueller Ansatz gefragt. Wichtig ist, als Erstes eine Beziehung zu demjenigen aufzubauen, der gecoacht oder beraten wird. Wie offen Kunden ihr gegenüber sind, sei unterschiedlich, erzählt die Wirtschaftspsychologin. "Es kommt vor, dass wir vom Chef gerufen werden, weil er meint, die Kommunikation im Team stimme nicht, während das Team sagt: Alles gut!"

Dann überprüft sie, ob das Problem vom Vorgesetzten falsch diagnostiziert wurde "und wir – nach Absprache mit dem Auftraggeber – ganz anders ansetzen müssen". Das sei aber selten. Häufiger habe sie es in ihrer Arbeit mit Vorurteilen gegenüber Psychologen zu tun, à la: Analysiert sie jetzt alles, was ich sage? "Aber auch hier ist ein Wandel spürbar. Psychologen werden nicht mehr nur mit psychischen Krankheiten verbunden, sondern als hilfreich im Alltag verstanden."

Ein Praktikum gab den Ausschlag

Diese Hilfe kann Anna Gründer dank ihres Bachelor- und Masterstudiums in klassischer Psychologie bieten. Früh stand für sie fest, dass sie nicht mit erkrankten Menschen arbeiten wollte. "Ein Praktikum bei einer Unternehmensberatung mit Spezialisierung auf Personalauswahl und -entwicklung gab den Ausschlag für die Wirtschaftspsychologie", erzählt sie.

Wie Johannes Riener schätzt auch sie das Zusammenspiel von zahlenbasierter BWL und dem Verständnis vom Funktionieren der Menschen. "Wir verstehen beide Bereiche und gehen einen Schritt weiter: Wir konzentrieren uns auf die Rolle des Menschen in der Prozessoptimierung", sagt sie.

Anna Gründer ist sehr zufrieden mit ihrer Entscheidung für die Wirtschaftspsychologie. "Wenn mir am Ende eines Einsatzes ein Kunde sagt: 'Toll, jetzt gehe ich mit neuem Schwung an die Arbeit', ist das einfach fantastisch."

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.