Justizfachangestellte

Justizberufe: Mit Leidenschaft für alles, was Recht ist

Wer sich zum Justizfachangestellten ausbilden lässt, hat einen wichtigen und ziemlich krisenfesten Beruf gewählt. Der Bedarf ist groß.

Nach dem Abitur wollte Jennifer Knaack eigentlich studieren, entschied sich dann jedoch für die Ausbildung zur Justizfachangestellten. Swen Schumacher ist verbeamteter Justizsekretär.

Nach dem Abitur wollte Jennifer Knaack eigentlich studieren, entschied sich dann jedoch für die Ausbildung zur Justizfachangestellten. Swen Schumacher ist verbeamteter Justizsekretär.

Foto: Sven Lambert

Es gibt nur wenige Ausbildungen, die später eine so große berufliche Sicherheit bieten, wie die zum Justizfachangestellten. Denn die Gerichte und Staatsanwaltschaften bilden nur so viel Nachwuchs aus, wie sie tatsächlich benötigen. Eine spätere Übernahme ist damit so gut wie garantiert.

In Amtsdeutsch heißt das "bedarfsgerechte Ausbildung". Ein sicherer Arbeitsplatz, familienfreundliche Arbeitszeiten und die Aussicht auf Verbeamtung lassen vermuten, dass sich die Justiz vor Bewerbungen nicht retten kann. Doch ist das wirklich so?

"Wir haben in der Regel schwankende Bewerberzahlen", sagt die Ausbildungsleiterin Anne Scherwaß. "Manchmal sind es jedoch zu wenig, um genug geeignete Auszubildende zu finden." Seit Jahren gebe es einen hohen Bedarf an Auszubildenden, sagt die 39-Jährige, die in der Berliner Justiz für die Ausbildung von Rechtspflegern, Gerichtsvollziehern und Justizfachangestellten zuständig ist.

"Das wird auch so bleiben, denn viele Kollegen gehen in den nächsten Jahren in Rente", erklärt sie. Ein Blick auf die Jobangebote zeigt, dass allein in der Dienststelle des Präsidenten des Kammergerichts noch in diesem Jahr 20 Stellen zu besetzen sind.

Mancher denkt zunächst an das Gefängnis

Seit 2014 wirbt die Berliner Justiz mit ihrer Kampagne "Rechthaber gesucht" verstärkt um Auszubildende. Doch vielen ist der Beruf des Justizfachangestellten noch unbekannt. Oder er wird mit der Tätigkeit ei­nes Justizvollzugsbeamten verwechselt. Das ist auch Jennifer Knaack schon passiert: "Als ich im Freundeskreis erzählt habe, dass ich eine Ausbildung als Justizfachangestellte beginne, haben einige gedacht, ich würde später im Gefängnis arbeiten", sagt sie und schmunzelt.

Dabei ist ihr Beruf in Wirklichkeit eine klassische Bürotätigkeit: Akten anlegen, führen und archivieren, Fristen berechnen und überwachen, Urteile, Beschlüsse und Ladungen im Auftrag von Richtern, Staatsanwälten und Rechtspflegern erstellen und – je nach Einsatzbereich – viel Kontakt mit ratsuchenden Bürgern.

Man muss gut kommunizieren können

Die Richterin und Pressesprecherin des Berliner Kammergerichtes Annette Gabriel weiß, worauf es in diesem Beruf außerdem ankommt: "Kommunikationsfähigkeit und Ausdruckvermögen sind von großer Bedeutung. Justizfachangestellte sind schließlich der Kontaktpunkt zwischen dem ratsuchenden Publikum und der Richterschaft oder Rechtspflegern und Rechtspflegerinnen. Als Mitarbeitende einer öffentlichen Behörde erbringen sie immer auch eine Dienstleistung."

Jennifer Knaack, die ihre Ausbildung vor einem Jahr abschloss, arbeitet seitdem in der Zivilprozess-Abteilung. Wenn sie mindestens einmal pro Woche als Protokollantin im Gerichtssaal ist, wird es für sie besonders spannend. "Dann bekommen die von mir bearbeiteten Akten plötzlich ein Gesicht und eine Geschichte", erzählt die 24-Jährige.

Man könne den Verlauf eines Rechtsstreits in Gänze miterleben – von der Klageerhebung bis zum Urteil. "Das ist das pralle Leben. Die Justiz spielt in vielen Lebensbereichen eine Rolle. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger", ergänzt Richterin Annette Gabriel.

Ausbildung statt Studium

Nach dem Abitur wollte Jennifer Knaack eigentlich studieren, entschied sich dann jedoch für die Ausbildung als Justizfachangestellte. "Während der Ausbildung durchläuft man viele verschiedene Fachabteilungen und beschäftigt sich dort mit Fällen wie Erbstreitigkeiten, Familiensachen und Strafverfahren. Aber auch um Zwangs­vollstreckungen sowie Register- und Verwaltungsangelegenheiten kümmern wir uns während unserer praktischen Phase", erklärt sie.

Während der Ausbildung könne man Wünsche äußern, in welchem Bereich man später gern arbeiten würde. "Nach Möglichkeit wird dem dann auch entsprochen", sagt sie. "Ich habe Glück gehabt, denn ich bin dort gelandet, wohin ich wollte – in eine Zivilprozess-Abteilung."

Drei Tage pro Woche werden Justizfachangestellte bei Gericht sowie Staatsanwaltschaft durch Lehrgänge und in der Praxis ausgebildet. Den Rest der Woche geht es an die Hans-Litten-Schule – Oberstufenzentrum für Recht und Wirtschaft. Themen dort sind: Arbeits- und Büroorganisation, Textverarbeitung, Datenschutz und die Anwendung von Recht.

Lernen für ein umfangreiches Fachwissen

Wer als Justizfachangestellter tätig ist, braucht ein umfangreiches juristisches Fachwissen und muss fleißig lernen. So werden Justizfachangestellte während der dreijährigen Ausbildung zu Generalisten. Sie können also später an allen Gerichten oder der Staatsanwaltschaft eingesetzt werden und jederzeit problemlos die Abteilung wechseln.

Ingo Baum, Aus- und Fortbildungsbeauftragter der Staatsanwaltschaft, ist Justizhauptsekretär und verbeamtet. Der 49-Jährige hat noch die klassische Beamtenlaufbahn des mittleren Dienstes durchlaufen. Er begann seine Karriere als Justizassistent – ein Berufsweg, den es heute nicht mehr gibt. Die letzten Beamtenanwärter beendeten 2003 ihre Ausbildung.

Das Berufsbild von Justizfachangestellten habe sich sehr verändert, betont Ingo Baum. "Wir haben früher eher sternförmig gearbeitet. Man gab Akten zum Beispiel zur Reinschrift an andere Kollegen und bekam sie zurück." Jetzt sei die Arbeitsweise innerhalb der Behörde effektiver.

Die weitere Bearbeitung erfolge aus einer Hand. Das läge auch an der Digitalisierung, sagt er, denn die Akten würden ganzheitlich und von den Kollegen eigenständig bearbeitet. Flottes Schreiben am PC und die umfassende Verwaltung der Akten gehört längst zum alltäglichen Handwerk dieses Berufs.

Fehler können große Auswirkungen haben

Ausbildungsleiterin Anne Scherwaß bestätigt: "Die Aufgabenbereiche von Justizfachangestellten sind umfangreicher geworden. Sie müssen ihren Arbeitsablauf selbst strukturieren und immer den Überblick behalten." Ist der Beruf besonders verantwortungsvoll? "Ja", bestätigt sie, "denn Fehler können eine große Auswirkung haben. Werden zum Beispiel Akten nicht an den richtigen Platz zurückgelegt, kann das zu zeitlichen Verzögerungen führen. Das hört sich vielleicht lapidar an, ist es aber nicht, wenn man an die Folgen denkt."

Das Berufsbild werde sich weiter ändern, sagt sie. "Nicht zuletzt, weil 2022 die elektronische, papierlose, Akte eingeführt werden soll." Sie habe anfangs zu den Skeptikern der zunehmenden Digitalisierung gehört und lieber in "Akten geblättert". Mittlerweile wisse sie die Funktionen jedoch zu schätzen, etwa bei der Stichwortsuche. Schwerwaß: "Ich bin mir sicher, die junge Generation wird alle Entwicklungen bewältigen."

Wunsch nach einer "handfesten" Tätigkeit

Als Paula-Inez Kleinschmidt ihre Ausbildung begann, hatte sie bereits ein Anglistikstudium abgeschlossen. "Ich wollte jedoch etwas Handfestes machen", erklärt die 26-Jährige ihren beruflichen Richtungswechsel. "Mir macht es Spaß, in Gesetzen zu lesen. Ich bin überhaupt ein sehr organisierter Mensch und es ist unglaublich interessant, die Entwicklung eines Verfahrens mitzuerleben."

Der Beruf sei überhaupt nicht eintönig. "Wer zum Beispiel im Nachlass tätig ist, hat viel Publikumsverkehr. Das ist sehr abwechslungsreich. Da braucht man mitunter auch ein wenig Fingerspitzengefühlt, denn die Leute sind oft aufgewühlt." Für die Ausbildung sei die Hessin extra nach Berlin gezogen. Mit ihrem Gehalt komme sie gut aus.

Beamtenstatus bietet Sicherheit

Über eine 18-monatige Zusatzausbildung können Justizfachangestellte sogar Beamte werden. Swen Schumacher hat es über einen anderen, jedoch derzeit nicht angebotenen Weg in die Beamtenlaufbahn geschafft. Er ist seitdem Justizsekretär. "Dafür habe ich mich auf eine bestimmte Stelle beworben. Es gab ein Auswahlverfahren, und ich wurde berufen."

Die Arbeit sei im Prinzip die Gleiche geblieben, doch böte der Beamtenstatus noch mehr Sicherheit und die Möglichkeit weiterer Beförderungen. Seine Arbeit mache ihm großen Spaß. Er habe in seinem Bereich vor allem Kontakt mit Rechtspflegern. Fragt man den 36-Jährigen, welche Eigenschaft er für Justizfachangestellte für besonders wichtig hält, antwortet er: "Sorgfalt, ganz viel Sorgfalt."

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