Betreuung

Erzieher: "Es ist ein Beruf, in dem man viel geben muss"

Erzieher sind nicht nur in Kitas gefragt. Sie arbeiten auch in der Jugendfürsorge und in Flüchtlingsheimen. Berufstätige berichten.

Mark Fillies ist Erzieher im SOS-Kinderdorf Moabit. Hier kickert er gerade mit der 14-jährigen Sina.

Mark Fillies ist Erzieher im SOS-Kinderdorf Moabit. Hier kickert er gerade mit der 14-jährigen Sina.

Foto: Dagmar Trüpschuch

Noch ist es ruhig in der Wohngruppe des SOS-Kinderdorfs in Moabit. Die Kinder und Jugendlichen sind in der Schule, die Sozialarbeiter haben Zeit, Entwicklungsberichte für das Jugendamt zu schreiben. Erzieher Mark Fillies kickert mit der 14-jährigen Sina im Aufenthaltsraum. Für ihn ist es kurz vor Feierabend, das Ende einer langen Schicht.

Seit 22 Jahren ist Fillies Erzieher. "Ich wollte immer Heimerzieher werden", sagt der 44-Jährige. "Ich fand und finde es spannend, mit den Kindern zu leben und nicht wie in einer Kita nur für einen begrenzten Zeitraum zusammen zu sein."

Seine Ausbildung bereitete ihn darauf vor. Er besuchte die Katholische Fachschule für Sozialpädagogik in Saarbrücken mit dem Schwerpunkt Jugend- und Heimerziehung. Eine Zusatzausbildung zum Facherzieher für Integration machte er in Berlin.

Abitur oder Realschule plus Berufsausbildung

Die Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher ist in jedem Bundesland anders geregelt. Die dreijährige Vollzeitausbildung in Berlin bereitet die Absolventen auf die Arbeit in Kindertagesstätten, Grundschulen und in der Jugendfürsorge vor. In drei Block-Praktika lernen die Studierenden die Arbeitsbedingungen in Kita und Jugendeinrichtungen kennen. Voraussetzung: Abitur, Fachhochschulreife im Bereich Sozialwesen oder ein Mittlerer Bildungsabschluss plus Berufsausbildung.

Fillies arbeitet seit neun Jahren im SOS-Kinderdorf. In seiner Wohngruppe leben sieben Mädchen und Jungen im Alter von neun bis 18 Jahren. In der gut 250 Quadratmeter großen Wohnung leben Flüchtlingskinder, die unbegleitet nach Deutschland gekommen sind, zusammen mit Kindern und Jugendlichen aus dem Bezirk, die aufgrund von familiären Schwierigkeiten nicht mehr bei ihren Eltern sein können.

Til Schweiger eröffnet Kita für Flüchtlingskinder

Danke - sagten die Kinder der Erstaufnahmeeinrichtung Osnabrück. Der Schauspieler Til Schweiger eröffnete am Mittwoch dort eine Kita für Flüchtlinge. Die Til-Schweiger-Foundation hatte für den Bau nach eigenen Angaben 500.000 Euro gespendet. Die restlichen 400.000 Euro kamen vom Bundesland Niedersachsen. Zu der Eröffnung kam auch Innenminister Boris Pistorius. Til Schweiger zeigte sich über die Einrichtung froh. "Na also, was wir leisten, ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ich mache da gerne eine Vorbildrolle, das soll jetzt nicht heißen, dass es nicht andere Menschen gibt, die helfen. Es gibt sehr viele, viele unbekannte Menschen, viele viele viele Menschen aber es gibt glaube ich sehr viele wohlhabende Menschen, es gibt auch Menschen, die eine Stimme haben, weil sie medial bekannt sind, und da wünschte ich mir schon, Vorreiter zu sein, dass die auch ein bisschen mehr Gas geben." Auf dem ehemaligen Bundeswehr-Gelände in Osnabrück sind derzeit hauptsächlich Familien mit Kindern untergebracht. Gebaut wurde knapp drei Monate.
Til Schweiger eröffnet Kita für Flüchtlingskinder

Jugendliche bekommen die Chance, zur Ruhe zu kommen

"Sie sind teilweise schwer traumatisiert", sagt Fillies. Im SOS-Kinderdorf haben sie die Chance, zur Ruhe zu kommen. Sie bleiben in ihrem vertrauten Umfeld und können weiterhin Kontakt zu Freunden, Eltern und Verwandten halten. "Ziel ist, wenn möglich, immer eine Rückführung in die Familie", sagt Mark Fillies. Deshalb ist der Kontakt und der Austausch mit den Eltern ein wichtiges Detail in seinem Beruf.

In der Wohngruppe geht es zu wie in einer Familie – mit allen Höhen und Tiefen. Wenn Mark Fillies im Nachtdienst ist, weckt er ab sechs Uhr die Kinder, dann frühstücken sie gemeinsam. Sind alle aus dem Haus, erledigen die Mitarbeiter Bürotätigkeiten. Um 13 Uhr ist Schichtwechsel, dabei sprechen die sich ablösenden Kollegen über jedes Kind und darüber, welche Termine und therapeutischen Maßnahmen für den Nachmittag anstehen.

Gemeinsam essen, bei den Hausaufgaben helfen

Arbeitet Mark Fillies am Nachmittag, nimmt er das Mittagessen gemeinsam mit den Kindern ein, betreut sie bei den Hausaufgaben, geht mit ihnen hinaus zum Spielen oder ins Freibad. Am Abend decken sie gemeinsam den Tisch, essen, gucken fern, machen Gesellschaftsspiele. Sind alle im Bett, kann auch Fillies schlafen gehen – jedoch immer mit einem offenen Ohr für das, was um ihn herum passiert.

Nicht selten kommt es in der Wohngruppe zu heftigen Konflikten. "Aufgrund ihrer schweren Geschichte liegt die Toleranzschwelle teilweise sehr niedrig", sagt Fillies. Das müsse man aushalten können, deeskalierend eingreifen, und man dürfe sich niemals persönlich angegriffen fühlen. "Ich bin für die Kids Vater, Mutter, Freund – und manchmal auch Feind."

Seine Strategie? Die Jugendlichen ernst nehmen, zuhören und ihnen Grenzen aufzeigen. "Denn die fordern sie oft ein, weil sie die vorher nicht kannten." Fillies hat schon eine Generation junger Menschen großgezogen und gehen sehen. Oft bleiben die Kontakte. "Es ist ein Beruf, in dem man ganz viel geben muss", sagt er. Kommt dann ein "Danke, lieber Mark, dass du für uns gekocht hast" geht ihm das Herz auf, erzählt der Erzieher.

Wohngruppe mit 20 jugendlichen Flüchtlingen

Ähnliches berichtet Paul Müller von seiner Arbeit in der Clearingstelle für minderjährige Geflüchtete beim Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) Berlin. Dort ist er seit dem Jahr 2015 tätig. In der Wohngruppe leben bis zu 20 Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren, die unter anderem aus Afrika, Syrien und Afghanistan unbegleitet nach Deutschland gekommen sind.

Hier warten sie darauf, dass die Behörden über ihre Zukunft entscheiden. Betreut werden sie von einem interdisziplinären Team, in dem Sozialpädagogen und Erzieher, Sprach­mittler und Hauswirtschafter eng zusammenarbeiten. In der Regel bleiben die Jugendlichen zwischen drei und sechs Monaten in der Clearingstelle.

Boxtraining und Begleitung zur Ausländerbehörde

Müller ist Ansprechpartner für die Jugendlichen, auch für die, die kein Deutsch sprechen. "Ich versuche, sie über die sportliche Ebene zu erreichen", sagt Müller. Zweimal pro Woche bietet er Boxtraining an. "Meine vorrangige Aufgabe ist es, ihnen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu bieten", sagt der 25-Jährige.

Er begleitet die Jugendlichen aber auch zur Ausländerbehörde, geht mit ihnen zum Arzt, betreut die Hausaufgaben, bereitet gemeinsam mit ihnen Frühstück, Mittag- oder Abendessen zu. Hier lernen sie Verantwortung und kleine Aufgaben zu übernehmen, beim gemeinsamen Essen tauschen sie sich über den Tag aus.

"Wir arbeiten niederschwellig", sagt Paul Müller. Das bedeutet, dass es seinen Schützlingen leicht gemacht wird, an den Angeboten teilzunehmen. "Die Jugendlichen kommen in eine neue Kultur, lernen neue Menschen kennen, müssen eine neue Sprache und Schrift lernen." Wenn dann jemand nach sechs Wochen sage: "Tschüss Paul, ich gehe jetzt zur Schule", sei das ein großes Erfolgserlebnis, erzählt Müller. Das bestätige ihn in seiner Arbeit.

Der Musiker schätzt 24-Stunden-Schichten

Der Erzieher arbeitet oft in 24-Stunden-Schichten. "Ich finde das Modell super," sagt er. Es lasse ihm viel Freiraum für seine Freizeit und sein zweites Leben als Musiker.

Obwohl Paul Müller erst 25 Jahre alt ist, blickt er schon auf fünf Jahre Berufserfahrung zurück. Seine berufsbegleitende Ausbildung zum Erzieher machte er am Oberstufenzentrum Uckermark an der Fachschule Sozialwesen in Templin. Sein Arbeitgeber war damals schon das EJF.

Über Stationen in Kita und Behindertenhilfe hat er nun einen Aufgabenbereich gefunden, wo er aktuell sehr großen Handlungsbedarf sieht. "Ich will Jugendlichen in einer schwierigen Phase in ihrem Leben so viel wie möglich mitgeben, damit sie später möglichst selbstständig handeln können", beschreibt er das Ziel seiner pädagogischen Arbeit. "Ich will ihnen einen guten Start in Deutschland ermöglichen."

Von der Architektur in die Pädagogik

Anna Gabrielli steht noch ganz am Anfang ihrer Berufswegs als Pädagogin. Die 47-jährige Architektin beginnt bald ihre Ausbildung zur Erzieherin. Damit erfüllt sie sich einen lang gehegten Berufswunsch. "Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, einen neuen Weg einzuschlagen", erzählt die Berlinerin. "Ich möchte nicht mehr vorm Rechner sitzen, ich möchte praktisch arbeiten und kleine Leute in ihrem kreativen Entwicklungsprozess fördern."

Entschieden hat sie sich für die dreijährige berufsbegleitende Ausbildung an der Euro Akademie. Berufsbegleitend sollte die Ausbildung sein, weil Gabrielli schon währenddessen Geld verdienen möchte. "Das Profil unserer Ausbildung an der Euro Akademie ist auf den künstlerisch-kreativen Bereich ausgerichtet", erläutert Heike Gäßler, Leiterin der Fachschule für Sozialpädagogik an der Euro Akademie, die die Ausbildung in Voll- und in Teilzeit anbietet.

Kunstformen in die Arbeit einbinden

Dort lernen die Studierenden, wie sie verschiedene künstlerische Genres, darunter Theater, Tanz und Musik, in ihre pädagogische Arbeit einbinden. Auch psychologische Inhalte werden in der Ausbildung vermittelt. Ergänzend gibt es auch Unterricht in den Bereichen Sprache, Kommunikation, rechtliche Grundlagen und Naturwissenschaften.

Jetzt muss Anna Gabrielli nur noch einen Arbeitsplatz finden, mit dem sie ihre Ausbildung kombinieren kann. Die Aussichten sind gut, in drei Kindertagesstätten hat sie bereits hospitiert. "Ich hätte gerne einen Arbeitsplatz, an dem ich mich gut aufgehoben fühle und entsprechend bezahlt werde," sagt Gabrielli.

Sie freut sich auf die kommenden drei Jahre, auf die Arbeit mit den Kindern und auf das Studium. "Wenn alles gut geht, habe ich die Ausbildung fertig, wenn ich 50 bin", sagt sie. Die staatliche Anerkennung als Erzieherin werde dann ihr schönstes Geburtstagsgeschenk sein, weiß sie schon heute.

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