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Digitale Krankenakte verbessert Abläufe in Krankenhäusern

Marc Tiedemann ist einer der Gründer von Heartbeat Medical. Die Firma mit Sitz in Berlin und Köln entwickelt Software für Kliniken.

Marc Tiedemann ist Teil des Gründungsteams von Heartbeat Medical.

Marc Tiedemann ist Teil des Gründungsteams von Heartbeat Medical.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  „Hast du nicht mal Lust, was Vernünftiges zu machen?“ Diese Frage traf einen Nerv bei Marc Tiedemann. Gestellt hatte sie Yannik Schreckenberger auf einer Veranstaltung der Kultur- und Kreativpiloten. Im Jahr 2011 wurden beide dort für ihre Arbeit ausgezeichnet und lernten sich beim anschließenden Netzwerken kennen. Schreckenberger führte zu dem Zeitpunkt eine Agentur für Medizin-Marketing, Tiedemann eine Firma, die Software für Musiker entwickelte.

Das „Vernünftige“, was Schreckenberger damals im Sinn hatte, kam bei Marc Tiedemann gut an. Es ging um Software für Krankenhäuser, eine Art digitaler Krankenakte mit zahlreichen Zusatzfunktionen. Sie würde den Dokumentationsaufwand für Ärzte und Pfleger verringern, die Qualität der Nachsorge verbessern und es Medizinern ermöglichen, aus den Daten Statistiken abzuleiten. „So erfährt man zum Beispiel, welche Therapie am besten wirkt.“ Gemeinsam mit zwei weiteren Kompagnons, Yunus Uyargil und Sebastian Tilch, machten sich Tiedemann und Schreckenberger an die Arbeit.

Bei der Startfinanzierung halfen Business Angels

„Ein Türöffner war für uns die Tatsache, dass ein Mediziner aus Köln an Yannik herangetreten war und ihm geschildert hatte, was für eine Art Software er für seine Arbeit idealerweise bräuchte“, erzählt Marc Tiedemann. Quasi ihr erster Auftrag: Im Zusammenspiel mit dem Arzt konnte das Team von Heartbeat Medical – 2014 dann offiziell als GmbH gegründet – sein Programm entwickeln und testen.

„2013 hatten wir den ersten Prototypen fertig“, erinnert sich Tiedemann. Nicht nur der Kölner Mediziner war angetan: Frühzeitig konnten sie zwei Business Angels (Geldgeber und Mentoren in einem) von ihrer Idee begeistern. Die Startfinanzierung war damit gesichert.

Seitdem hat sich viel getan. In einer zweiten Finanzierungsrunde kamen Anfang 2016 weitere Geldgeber hinzu. „Das ist zum einen der Hightech-Gründerfonds, der in junge aussichtsreiche Technologie-Unternehmen investiert“, erzählt Tiedemann. „Und zum anderen der Kapitalgeber Guano.“ Der gehört zur Medizin-Plattform DocCheck und fördert Gründer im Gesundheitsbereich. Für Heartbeat Medical bedeutete das außer der Finanzspritze auch Anerkennung: Die Branche sieht Potenzial in ihrer Software für Ärzte und Patienten.

Programm fragt Patienten nach ihrem Befinden

Vor allem in der Chirurgie und in der Onkologie – der Behandlung von Krebs – kommt Heartbeat Medical zurzeit schon zum Einsatz. Über die sogenannte digitale Krankenakte hinaus, an der auch andere Software-Unternehmen arbeiten, kann das Programm die Patienten befragen. „Wir erfassen, wie sich ihre Lebensqualität nach der Operation entwickelt“, erklärt Marc Tiedemann.

In festgelegten Abständen erhält der Patient eine E-Mail, die ihn bittet, online Fragen zu seinem Gesundheitszustand zu beantworten. „Das macht der Patient zu Hause, ganz in Ruhe und stressfrei“, sagt Tiedemann. Mit dem Programm könnten auch Senioren gut umgehen. Nach orthopädischen Eingriffen wird beispielsweise erhoben, wie gut der Patient wieder sitzen, laufen oder sich bücken kann. Kommt der Patient dann zur Nachsorge zum Arzt, ist dieser im Großen und Ganzen schon im Bilde.

Inzwischen besteht Heartbeat Medical aus sieben festen Mitarbeitern und einigen freien Programmierern. Zu den zahlreichen Aufgaben von Marc Tiedemann gehört es unter anderem, Konzepte zu schreiben, die Software und ihr Design weiterzuentwickeln, Marketing zu machen. Demnächst wird die Arbeit aber auf mehr Schultern verteilt werden: Ein weiterer Programmierer soll fest ins Team kommen, und fürs Marketing wird ebenfalls Unterstützung gesucht.

Implementiert im laufenden Betrieb

Marc Tiedemann ist auch vor Ort in den Kliniken im Einsatz, um Ärzten und Pflegern die Software zu erklären. „Wir laufen da am Anfang ein bis zwei Tage im Arbeitsalltag mit“, erzählt er. Workshops würden sie auf Wunsch natürlich machen, aber auf den wenigsten Stationen sei Zeit dafür. Also muss die Software im laufenden Prozess implementiert werden. Da das Programm weitgehend selbsterklärend sei, gebe es wenig Probleme.

„Oft sind die Schwestern richtiggehend begeistert, zum Beispiel wenn sie sehen, dass sie statt einer Datumseingabe nur noch auf ,Jetzt‘ klicken müssen.“ Zehn Krankenhäuser arbeiten heute schon mit Heartbeat Medical. „Darunter sind so namhafte Häuser wie die Charité, eine Helios und zwei Sana Kliniken“, zählt Tiedemann auf. „Meist starten wir in einer Abteilung, und wenn es dort läuft, folgen die anderen Stationen.“

Den Hochschulabschluss macht er nebenberuflich

Ein kleines bisschen medizinisch vorbelastet ist Marc Tiedemann: Seine Mutter und seine Schwester sind beide Ärztinnen. „Aber ich selbst wollte nie Medizin studieren“, sagt der gebürtige Berliner. Er ist im niedersächsischen Oldenburg aufgewachsen und mit 20 in die Hauptstadt zurückgekehrt. Eigentlich, um Kameramann zu werden: „Aber das war mir dann doch zu einseitig.“ Er sattelte um und belegte an der Fachhochschule Potsdam Interfacedesign. Gerade macht er nebenberuflich seinen Bachelorabschluss. „Bislang hatte ich einfach noch nicht die Zeit dazu“, sagt er.

Bald wird er allerdings noch weniger Muße haben: In ein paar Tagen bekommt seine „typische Kreuzberger Patchwork-Familie“, bestehend aus Tiedemann, seiner Freundin und seiner 13-jährigen Tochter, Nachwuchs. Wenn das Baby da ist, will der 32-Jährige mit einer Vier-Tage-Woche vorübergehend kürzer treten.

Und wie ist das jetzt mit der vernünftigen Aufgabe, mit der Yannik Schreckenberger ihn anfangs geködert hatte? „Ich habe wirklich das Gefühl, etwas Sinnvolles zu machen“, sagt Marc Tiedemann. „Etwas, das sogar das Gesundheitssystem verändern kann. Die Branche kommt in Bewegung, und wir sind dabei.“