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Wie aus einem Diplom-Projekt eine marktreife Brille wurde

| Lesedauer: 6 Minuten
Andrea Pawlik
Julian Gerau ist Produktmanager beim Brillenhersteller My Very Own Mykita.

Julian Gerau ist Produktmanager beim Brillenhersteller My Very Own Mykita.

Foto: Christian Kielmann

Julian Gerau produziert Brillengestelle per 3-D-Druck. In Mykita hat der Designer einen Arbeitgeber gefunden, der seine Idee umsetzt.

Berlin.  „Ich habe die Möglichkeit, einem Produkt bei der Geburt zu helfen“, sagt Julian Gerau. Genau das gefällt ihm an seiner Aufgabe als Produktmanager beim Brillenhersteller „My Very Own Mykita“. Von der Konzeption bis zur Markteinführung steuert er alle Schritte, erzählt der 31-Jährige. Das sei eine Herausforderung, ja, aber im positiven Sinne, findet er.

Julian Gerau hat an der Kunsthochschule Weißensee Produktdesign studiert. Ursprünglich habe er ja an eine Universität in London gewollt, erzählt er. An beiden Kunstakademien absolvierte er im Jahr 2008 die Aufnahmeprüfung. „Und in Weißensee war sie so schwer und nervenaufreibend, dass ich mir gesagt habe: Wenn ich das schaffe, bleibe ich auch in Berlin.“

So kam es. Julian Gerau bewährte sich in einem dreitägigen Auswahlverfahren und begann das Studium in seiner Heimatstadt. Der Londoner Akademie, die ihn ebenfalls angenommen hatte, sagte er ab.

Viel Freiraum an der Kunsthochschule

„An der Kunsthochschule ist man sehr privilegiert“, findet Julian Gerau. „Es ist nicht überlaufen, man hat extrem viel Freiraum und wird dabei unterstützt, seine eigenen Ideen umzusetzen.“ Das habe ihm sehr dabei geholfen, seinen Weg zu finden. Auch ein Auslandsjahr an der niederländischen Design Academy brachte Gerau voran.

„Generell ist es für jeden gut, mal im Ausland gewesen zu sein“, findet er. Gerau selbst – kommunikativ und gut im Kontaktemachen, wie er ist – schätzt vor allem die Erfahrung, wie unterschiedlich Designer und Designakademien in den verschiedenen Ländern arbeiten. „Mein Studium in den Niederlanden war sehr viel strukturierter und weniger frei als in Weißensee“, erzählt er.

Doch auch dort habe er viel gelernt und Dozenten getroffen, die für seine kreative Entwicklung wichtig waren. „Nicht zuletzt habe ich in einem Designbüro in Amsterdam auch die klassische Praktikantenerfahrung gemacht: viel Arbeit und eine schlechte Bezahlung“, erzählt der 31-Jährige und lacht. „Nie wieder!“ An diesen Vorsatz habe er sich von da an immer gehalten.

Das Diplom-Projekt sollte marktrelevant werden

Überspannte Objekte sind schon im Studium nicht Geraus Ding gewesen: „Es war mir immer wichtig, meine Projekte in die Wirklichkeit zu bringen“, erzählt er. „Ich habe mir jedes Mal genau die Professoren gesucht, die das unterstützt haben.“ Dementsprechend war es Geraus Ziel, dass auch sein Diplom-Projekt umsetzbar sein würde. „Von Anfang an hatte ich dabei die Marktrelevanz im Fokus“, sagt er.

Mit 3-D-Druck sollte das designte Produkt zu tun haben, so die Grundidee. „Da gab es schon viel im Industriebereich“, erzählt Julian Gerau. „Aber für Konsumenten existierten kaum ernst zu nehmende Produkte.“ Individualisierte Figuren oder Tassen waren auf dem Markt, erinnert sich der 31-Jährige. Doch gerade im Premium-Bereich habe es nichts Interessantes für Konsumenten gegeben.

Julian Gerau, seit Kindheit selbst Brillenträger, kam drauf: eine Brille, im 3-D-Druck produziert, auf Basis eines individuellen Scans des jeweiligen Kopfes. „Wie ein maßgeschneiderter Anzug“ sollte die Brille passen. Ein gutes Jahr lang habe er an seinem Diplom-Projekt gearbeitet, erzählt Gerau. Dann stand das Konzept, und die ersten Prototypen waren produziert.

Aufbau eines Designernetzwerks

Parallel zum Studium engagierte sich Gerau mit rund 30 weiteren Kreativen beim Aufbau eines Designernetzwerks. „Verein der Gestaltung“ nannten sie ihr Gemeinschaftsbüro. Die Kontakte und der gemeinsame Auftritt seien „zum Sprungbrett für viele“ geworden, erzählt Gerau. Fünf Jahre gab es den Verein. „Dann ist jeder in seine eigene Richtung gegangen.“

So auch Julian Gerau. Noch bevor er sein Hochschuldiplom in den Händen hielt, fuhr er mit seinem Brillenkonzept auf eine internationale Messe in Paris – und traf dort mit Mykita auf ein Unternehmen, das ähnliche Produktideen wie er verfolgt. Gerau stieg dort zunächst als freier Projekt- und Designberater ein. Seit Dezember 2015 arbeitet er fest angestellt in seiner jetzigen Position als Produktmanager bei Mykita.

Ende des Jahres soll seine Brille auf dem Markt sein

Ende dieses Jahres soll es dann so weit sein: Geraus Produkt, die für jeden Kopf individuell gefertigte Brille, wird auf den Markt kommen. Bis dahin liegt aber noch viel Arbeit an. „Wir haben nicht nur den europäischen Markt im Blick“, sagt Gerau. Auch Messebesuche in den USA stehen auf seinem Programm.

Wie es danach weitergehen soll, ist noch offen. „Ich habe einen spannenden neuen Geschäftsbereich geschaffen“, sagt der gebürtige Berliner. Aber es gibt auch andere Branchen und Produkte, die ihn ansprechen, allen voran Mobilität und Energie.

Ob sein Weg überhaupt als Angestellter in einem Unternehmen weitergehen soll, hat er noch nicht entschieden. „Ich könnte mir auch vorstellen, meine Erfahrungen in einem Start-up einzubringen“, sagt Julian Gerau. Beides hat seine Vor- und Nachteile, findet er. „Im Konzern zum Beispiel hat man mehr PS, aber gleichzeitig muss man zwischen mehr Interessengruppen vermitteln.“

Doch mit der Frage, was im Jahr 2018 auf ihn zukommen könnte, will Julian Gerau sich jetzt noch gar nicht beschäftigen. „Ich interessiere mich für viele Themen, aber erst einmal schließe ich ein Projekt ab, bevor ich das nächste plane“, betont er. Die Brille, die der Designer selbst trägt, ist selbstverständlich ein eigenes Produkt. „Im Idealfall sieht man mit seiner Brille besser aus als ohne“, sagt Julian Gerau.