Ausbildungssuche

Umgangsformen sind Ausbildern so wichtig wie gute Noten

Elektro, Sanitär und Hotellerie sind nur einige der Branchen, die aktuell Azubis suchen. Ausbilder erklären, womit Bewerber punkten.

Ausbilder Jens Reißberger (l.) von der Firma B.I.N.S.S. mit Sascha Lüttig, einem seiner Auszubildenden zum Elektroniker

Ausbilder Jens Reißberger (l.) von der Firma B.I.N.S.S. mit Sascha Lüttig, einem seiner Auszubildenden zum Elektroniker

Foto: Christian Kielmann

Berlin.  Auf dem Gang wimmelt es von Arbeitern: Maler in ihren weißen Overalls tragen Farbeimer, Elek­troniker in signalroten Arbeitshosen haben Leitern an die Wand gestellt und verlegen Kabel. Die Handwerker sanieren die Zimmer in der 22. Etage des Hotels Park Inn am Alexanderplatz.

Auch Auszubildende zum Elektroniker in der Fachrichtung Informations- und Telekommunikationstechnik sind dort am Werk. Unter Anleitung ihres Lehrmeisters bei der Firma B.I.N.S.S., Jens Reißberger, installieren sie 1000 Lautsprecher im Hotel, damit die Gäste später bei Notfällen informiert werden können. 20 Kilometer Kabel werden die zehn Azubis im ersten Lehrjahr dort in den kommenden Wochen verlegen.

Die Ausbildung in dem Unternehmen für Sicherheitstechnik zeichnet sich durch Arbeiten auf echten Baustellen aus. Dort lernen die Azubis das Handwerk außerhalb der Lehrwerkstatt kennen und machen Erfahrungen, wie es ist, in einem großen Team zu arbeiten.

Azubis zwischen 18 und 29 Jahren

Ausbilder Jens Reißberger versucht, seine Lehrlinge im ersten Ausbildungsjahr immer zusammen auf einer Großbaustelle einzusetzen. „Hier kann ich dann schon sehen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen und dies bei der Ausbildung berücksichtigen.“ Sein jüngster Lehrling ist mit 18 Jahren Jeffrey Förster, sein ältester Sascha Lüttig. Der 29-Jährige hat sein Studium abgebrochen und sucht seine Zukunft nun in einem handwerklichen Beruf.

3,5 Jahre dauert die Ausbildung zum Elektroniker. In dieser Zeit lernen die Azubis Brandmeldeanlagen, Alarmanlagen, Videotechnik und Netzwerke zu installieren. Nach der Ausbildung werden sie in der Lage sein, Managementsysteme für Großobjekte zu planen, sodass Videotechnik und Sicherheitssystem optimal ineinandergreifen.

„Es ist ein sehr komplexer Beruf“, sagt Reißberger, der in Sachen Mathe und Physik hohe Anforderungen an seine Auszubildenden stellt. Zudem seien in dem Beruf logisches Denken und handwerkliches Geschick gefragt. Den Beruf kann man zwar mit einem mittleren Bildungsabschluss ergreifen, doch Jens Reißberger erwartet gerade von Realschülern einen sehr guten Notendurchschnitt. Aktuell sieht es so aus, dass seine Auszubildenden – bis auf wenige Ausnahmen – Abiturienten und Studienabbrecher sind.

Einstellungstest prüft die Allgemeinbildung

Mehr als 50 Bewerbungen landen jedes Jahr auf dem Tisch des Ausbilders. Dementsprechend kann er sich die besten Azubis aussuchen. Alle müssen an einem Einstellungstest teilnehmen, in dem Allgemeinwissen, logisches Denken und handwerkliche Fähigkeiten abgefragt werden.

„Ich achte aber auch auf gute Umgangsformen“, sagt Reißberger. Dem 45-Jährigen ist ein positives Arbeitsklima wichtig. Nur mit Spaß an der Arbeit könne man Jugendliche motivieren – und sie dazu anregen, später im Betrieb zu bleiben. Die Übernahmechancen bei B.I.N.S.S. sind gut. „Wir haben bislang 45 Elektroniker ausgebildet, von denen 22 noch bei uns arbeiten“, sagt Reißberger.

Die Elektrotechnik ist nur einer von mehreren Bereichen, in denen Schulabgänger gute Aussichten haben. „Wie schon in den Jahren zuvor werden in den Branchen Elektro, Sanitär, Heizung, Klima sowie Gebäudereinigung und Friseur dringend Auszubildende und Fachkräfte gesucht“, sagt Katharina Schumann, Leiterin der Bildungsberatung bei der Handwerkskammer Berlin. Die Chancen auf einen Ausbildungsplatz seien in diesen Bereichen nach wie vor ausgesprochen gut.

Jugendliche unterschätzen die Anforderungen

Bei den Jugendlichen besonders beliebt sei nach wie vor der Kfz-Mechatroniker, erklärt Schumann. Allerdings unterschätzten die zumeist männlichen Bewerber, dass dieser Beruf inzwischen sehr anspruchsvoll geworden ist und nichts mehr mit dem früheren „Schrauber am Auto“ zu tun hat. „Der Fokus in diesem Beruf liegt verstärkt auf der Elektronik, wie zum Beispiel beim E-Auto“, sagt Schumann.

Auch die Hotel- und Gaststättenbranche wirbt um interessierte Jugendliche. „Wir bilden derzeit 51 Auszubildende in unterschiedlichsten Berufen aus“, sagt Amanda Zerban, Personalreferentin im andel’s by Vienna House Berlin. Außer den klassischen gastronomischen Berufen wie Hotelfachleute, Köche, Restaurantfachleute und Fachkräfte im Gastgewerbe bietet das Hotel auch Ausbildungsplätze für Hotelkaufleute, Kaufleute für Büromanagement und für Veranstaltungskaufleute an.

Es kommt auf die Begeisterungsfähigkeit an

„Wir sind immer auf der Suche nach Auszubildenden, die Freude am Umgang mit Gästen haben und die die Hotelwelt fasziniert.“ Die Abschlussnoten spielten bei der Bewerbung eine untergeordnete Rolle, sagt die Personalreferentin. Auf Begeisterungsfähigkeit, gesunde Neugier und Leidenschaft käme es ihnen an.

„Ginge es nur nach den Wünschen der Jugendlichen, stünden Medienberufe, kaufmännische Berufe und einige Berufe im Umgang mit Tieren sehr hoch im Kurs“, sagt Joachim Gerd Ulrich vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). In Berufen wie Mediengestalter Digital und Print, Gestalter für visuelles Marketing, Veranstaltungskaufleute, Sport- und Fitnesskaufleute, Biologielaborant und Tierpfleger sei dementsprechend der Bewerberandrang im Verhältnis zur Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze besonders groß.

Kaufmännische Berufe werden häufig gewählt

Da aber die Zahl der Plätze begrenzt ist, sind es letztlich andere Berufe, die von den Jugendlichen am häufigsten gewählt werden: Kaufleute für Büromanagement, Kraftfahrzeugmechatroniker, Kaufleute im Einzelhandel, Industriekaufleute und Industriemechaniker sind laut BIBB die fünf Berufe, in denen zurzeit die meisten Auszubildenden gezählt werden.

Schwerer mit der Suche nach Lehrlingen tun sich Betriebe, die in weniger populären Berufen ausbilden. Sandra Trommsdorf, wissenschaftliche Mitarbeiterin für das Thema Bildungspolitik bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin, nennt hier den Flachglasmechaniker, den beispielsweise das Unternehmen Berlin Glas ausbildet. „Das ist ein Beruf mit Zukunftsaussicht und Übernahmegarantie bei einem der weltweit führenden Unternehmen für die Herstellung hochwertig veredelter technischer Gläser“, sagt sie. Flachglasmechaniker fertigen Glasscheiben für Tische, Türen und Vitrinen an, aber auch für Autos, Fenster und Solaranlagen.

Wenig bekannt aber aussichtsreich: der Mikrotechnologe

Auch für die Ausbildung zum Feinoptiker suchen Betriebe interessierte Jugendliche. Sie lernen Linsen oder Prismen für Fernrohre, Mikroskope und medizinische Diagnosegeräte herzustellen. Sandra Trommsdorf zählt zudem den Beruf des Mikrotechnologen zu den wenig bekannten, aber aussichtsreichen. Der Mikrotechnologe stellt etwa Computerchips her.

Im Jahr 2018 soll ein neuer Beruf den Ausbildungsmarkt noch bunter machen. Dann können Jugendliche eine auf drei Jahre angelegte Ausbildung im Bereich Onlinehandel machen. Kaufmann für E-Commerce heißt der neue Beruf, der ergänzend zu den Berufen Kaufleute im Einzelhandel und Verkäufer etabliert wird.

Doch wie kommt man nun von der beruflichen Idee in den Job? „Wenn ein Jugendlicher die ungefähre Richtung weiß, in die er gehen möchte, kann er sich durch die Lehrstellenbörsen der IHK oder der Handwerkskammer klicken“, sagt Trommsdorf. Sie weist auch auf die Beratungen der Kammern hin, die Jugendlichen dabei helfen, einen geeigneten Betrieb kennenzulernen.

„Dating-Problem“ zwischen Betrieben und Jugendlichen

Denn in den ver­gangenen Jahren gab es ein „Dating-Problem“ auf dem Ausbildungsmarkt. „Unternehmen und Jugendliche fanden häufig nicht zusammen“, sagt Sandra Trommsdorf. Das belegen auch die Zahlen: 1211 Ausbildungsplätze blieben im vergangenen Jahr (Ende September 2016) unbesetzt. Zur gleichen Zeit hatten aber 1700 Jugendliche noch keinen Ausbildungsplatz.

„Die Besetzung von Ausbildungsplätzen muss 2017 besser gelingen“, sagt Trommsdorf. Potenzial haben dafür die noch relativ neuen Jugendberufsagenturen. In jedem Stadtteil ist eine Filiale angesiedelt. „Diese soll ihren Fokus noch stärker auf das Matching richten“, sagt Trommsdorf. So könne es gelingen, die unversorgten Jugendlichen für mögliche Vermittlungen zu erreichen, hofft sie.