Veterinäre

Tiermedizin bietet Perspektiven jenseits der Kleintierpraxis

Die Veterinärmedizin ermöglicht viele Berufswege. Absolventen können in der Forschung, Industrie, im Zoo oder bei Behörden arbeiten.

Hanna Prüter ist Doktorandin am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung IZW. Sie untersucht Krankheiten bei Wasservögeln.

Hanna Prüter ist Doktorandin am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung IZW. Sie untersucht Krankheiten bei Wasservögeln.

Foto: Massimo Rodari

Berlin.  Wenn Andreas Pauly nach seinen Patienten sieht, hat er immer ein Blasrohr dabei. Das braucht der Veterinärmediziner im Tierpark Berlin, um gefährliche oder scheue Zootiere zu impfen, ihnen Medikamente zu verabreichen oder auch, um sie vor einer Untersuchung zu betäuben.

Der 44-Jährige ist einer von zwei fest angestellten Tierärzten im Tierpark. „Einem Tiger können Sie nicht mal eben kurz Blut abnehmen oder einen Verband anlegen“, sagt er. „Das Blasrohr ist tatsächlich eines meiner Hauptwerkzeuge.“

Zur richtigen Zeit um Stelle beworben

Schon als kleiner Junge wusste der gebürtige Saarländer, dass er später einmal im Zoo arbeiten wollte. Nach dem Abitur studierte er zunächst einige Semester Biologie. „Nur um festzustellen, dass die meisten Absolventen später als Pharmavertreter arbeiten“, erzählt er. Nach dem Vordiplom stieg Pauly deshalb von Zoologie auf Tiermedizin um.

Seinen Abschluss hat er an der Freien Universität Berlin (FU) gemacht. Auch seine Doktorarbeit schrieb er dort. Darin ging es um Katzenleberegel. Parallel zur Arbeit im Labor half Andreas Pauly unentgeltlich zwei Jahre lang im Tierpark aus – und gelangte so schließlich an seinen Traumjob. „Ich hatte Glück, weil zur richtigen Zeit eine Stelle frei wurde“, sagt er.

Nur fünf von 1300 Berliner Tierärzten arbeiten im Zoo

Wen es in den Zoo zieht, dem empfiehlt Pauly ein Praktikum – und viel Geduld. Bewerben können sich Studierende ab dem neunten Semester. Der Andrang ist allerdings groß. Zoo und Tierpark nehmen jeweils pro Jahr nur ein bis zwei Praktikanten an. Und selbst die haben dadurch kaum bessere Chancen auf den Exoten-Job, denn Zootierärzte sind eine seltene Spezies. Gerade einmal fünf der rund 1300 berufstätigen Berliner Tierärzte arbeiten im Zoo, einer davon ist der Berliner Zoo- und Tierparkdirektor An­dreas Knieriem selbst.

Die Fluktuation ist zudem sehr gering. Andreas Pauly hat seinen Vorgänger beerbt, als der in den Ruhestand ging. Inzwischen ist er selbst schon 13 Jahre auf dem Posten und will bleiben: „Als niedergelassener Tierarzt mit einer gut gehenden Praxis kann man zwar deutlich mehr verdienen, dafür habe ich hier feste Arbeitszeiten, geregelten Urlaub und einen tollen Arbeitsplatz.“

460 Tierarztpraxen hat die Hauptstadt

Statt Tiger zu impfen, gebissene Affen zu versorgen oder Dromedarkälber per Kaiserschnitt zu entbinden, kümmert sich die Mehrzahl der Berliner Tierärzte in einer der rund 460 hiesigen Tierarztpraxen um kranke Kleintiere. So wie Elisabeth Huber. „Dass ich einmal Tierärztin werden will, stand schon in meinem allerersten Poesiealbum“, sagt sie lachend. Die 29-jährige Münchnerin hat in ihrer Heimatstadt Tiermedizin studiert und kam anschließend gemeinsam mit ihrem Freund nach Berlin, wo sie an der Charité promoviert hat.

„Ich wollte gerne die Forschung kennenlernen und mich etwas orientieren, bevor ich in die Praxis gehe“, sagt sie. Seit 2016 arbeitet sie als Assistenzärztin bei den Kleintierspezialisten, einer großen, sehr gut ausgestatteten Fach- und Überweisungspraxis in Tegel. Hierher können Haustierärzte ihre komplizierteren Fälle schicken, denn die Kleintierspezialisten verfügen über leistungsfähige medizinische Großgeräte für die Diagnose und über moderne OP-Säle, die sich nur bei entsprechender Auslastung rechnen.

Dort sind hoch qualifizierte Spezialisten tätig, beispielsweise für Innere Medizin, Kardiologie und Chirurgie. Elisabeth Huber wollte gern auf klinischem Niveau arbeiten. „Dafür gibt es in Berlin nicht so viele Möglichkeiten.“ Die Lernkurve sei entsprechend steil, erklärt die Assistenzärztin, die in der großen Spezialpraxis die Option hat, zusätzlich zu ihrem Doktor einen Fachtierarzttitel zu erwerben. „Ich rotiere hier durch die verschiedenen Abteilungen und habe mich noch nicht endgültig auf ein Fachgebiet festgelegt“, sagt sie.

Auch für Tierarzte wichtig: der Doktortitel

Eine Zusatzqualifikation wie Doktor- oder Facharzttitel verbessert die beruflichen Chancen enorm. „Die fachliche Spezialisierung ist in jedem Berufsfeld der Veterinärmedizin von außerordentlicher Bedeutung“, betont Professor Martin Kramer, Präsident der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft (DVG) und Mitglied im Präsidium der Bundestierärztekammer in Berlin. Spezialisten, ob mit einem nationalen Fachtierarzttitel oder einem internationalen Diplom, seien in der Praxis gefragt und könnten sich ihre Stellen oft aussuchen.

Eine Dissertation als Nachweis des wissenschaftlichen Arbeitens sei dagegen wichtig bei einer Karriere an der Hochschule, an wissenschaftlichen Instituten und Laboren, in der forschenden Industrie oder bei der öffentlichen Hand. Denn auch dort gibt es interessante berufliche Möglichkeiten für Veterinärmediziner. Tatsächlich arbeiten in Berlin sogar fast ebenso viele Tierärzte im öffentlichen Dienst oder in der Pharmaindustrie wie in einer Kleintierpraxis.

Beruf verlangt viel Zeit

Constance McDaniel kennt beide Seiten. Die gebürtige Berlinerin mit amerikanischen Wurzeln hat in den 80er-Jahren an der FU Tiermedizin studiert und anschließend viele Jahre lang als angestellte Tierärztin in einer Berliner Kleintierpraxis gearbeitet: „Ich habe den Beruf immer geliebt, nur leider war er zeitlich sehr fordernd“, sagt sie.

Die langen Arbeitszeiten – Sprechstunde bis 19 Uhr, dazu regelmäßige Nacht- und Wochenenddienste – wurden zum Problem, als ihre beiden Kinder auf die Welt kamen. Nach ihrer Promotion sah sich McDaniel darum nach einem Job um, der besser zu einem Familienleben passte.

Bundesamt sort für Sicherheit der Tiermedikamente

Seit dem Jahr 2000 arbeitet sie nun beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Die Bundesoberbehörde mit Sitz in Berlin und Braunschweig ist unter anderem für Zulassung und Überwachung von Tierarzneimitteln zuständig. Treten unerwünschte Wirkungen bei bereits zugelassenen Medikamenten auf, so sind Tierärzte angehalten und pharmazeutische Unternehmen verpflichtet, diese dem BVL zu melden.

Als tierärztliche Referentin ist Constance McDaniel für sogenannte Pharmakovigilanz-Prüfungen zuständig. Das heißt, sie wertet die eingehenden Meldungen aus und kontrolliert bei Inspektionen vor Ort, ob die Pharmahersteller angemessene Vorkehrungen treffen.

Regelmäßig ist McDaniel auch auf Dienstreisen im In- und Ausland unterwegs. Die Arbeit beim BVL sei wie ein Sechser im Lotto, findet sie: Teilzeit, Home-Office und flexible Arbeitszeiten gehören zu den Vorzügen, die eine private Praxis kaum bieten kann.

Ärztin prüft die Qualität der Tiermedikamente

Zu bewirken, dass pharmazeutische Unternehmen ein Medikament im Krisenfall tatsächlich zurückrufen, erfordere zwar ein gewisses Durchsetzungsvermögen, sagt sie. Jedoch sei der Umgang mit schwierigen Tierhaltern in der Veterinärpraxis auch nicht immer angenehm, so McDaniel.

Als Tierärztin sieht sie sich damals wie heute: „Ohne das Studium und entsprechende Berufserfahrung wäre es nicht möglich, Berichte über Nebenwirkungen richtig einzuschätzen“, sagt sie.

Auch Hanna Prüter hat eher ganze Tierbestände als einzelne Patienten im Blick. Kranke Haustiere zu verarzten interessiert sie weniger, stattdessen zieht es die 27-jährige Doktorandin in die Forschung. Am Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung IZW wird sie im Mai 2017 ihre Promotion über Wildtierkrankheiten abschließen. Für ihre Doktorarbeit hat sie den Parasitenbefall von Nilgänsen untersucht und mit heimischen Stockenten verglichen.

Forschungsarbeit am Leibniz-Institut IZW

Der Wasservogel lebt eigentlich in Afrika, hat sich aber als „Gefangenschaftsflüchtling“ in den vergangenen 200 Jahren in deutschen Parks verbreitet. Die Feldphase ihrer Arbeit führte Prüter bis nach Namibia, wo sie Blutproben von dort heimischen Nilgänsen genommen hat. „So eine Forschungsarbeit hat sehr unterschiedliche Phasen“, erklärt sie.

Auf die konzeptionellen Arbeiten und die Feldphase folgen ausgiebige Untersuchungen im Labor und statistische Auswertungen. „Nicht wirklich ein Schwerpunkt in meinem Studium“, bekennt sie lachend. Dann schon eher das Einfangen und Beringen von Wasservögeln, das die gebürtige Lüneburgerin bereits nach dem Abitur im Rahmen eines freiwilligen Ökologischen Jahrs in Vogelschutzgebieten geübt hat.

Am Schluss steht dann noch einmal ausgiebige Literaturrecherche, um die eigenen Ergebnisse mit dem aktuellen Forschungsstand abzugleichen. „Mir gefällt es, mit Wissenschaftlern aus anderen Disziplinen zusammenzuarbeiten“, sagt Hanna Prüter, die nach dem Abschluss ihrer Doktorarbeit im Mai eine kleine Familienpause einlegen wird – und sich dabei schon einmal ein interessantes Folgeprojekt überlegen will.