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Gesine Herrmann gibt Jobtipps für „Arbeit mit Sinn“

Die Politologin hat aus einer Leidenschaft einen Job gemacht. Für Abonnenten ihrer Dienstleistung recherchiert sie Stellenangebote.

Gesine Herrmann arbeitet im Home-Office. 2017 will sie ihre Dienstleistung für Jobsuchende und Personaler weiter ausbauen.

Gesine Herrmann arbeitet im Home-Office. 2017 will sie ihre Dienstleistung für Jobsuchende und Personaler weiter ausbauen.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Gesine Herrmann ist die geborene Netzwerkerin. „Ich liebe es, Informationen zu sammeln und weiterzugeben“, sagt die 34-Jährige. Das hat die Berlinerin zu ihrem Beruf gemacht: Sie recherchiert Stellenangebote für Geisteswissenschaftler. „Jobs, die potenziell Sinn und Spaß machen, müssen es sein“, sagt sie. Die Angebote stellt sie auf ihre Internetseite und verteilt sie per Newsletter. „Ich weise meine Abonnenten drei Mal wöchentlich auf etwa 20 Jobs hin“, erzählt Gesine Herrmann.

Eigentlich findet sie noch viel mehr. „Aber ich habe mir selbst diese Beschränkung auferlegt.“ Sonst käme sie vermutlich kaum zu etwas anderem. „Ich weiß, dass es die meisten Leute anstrengend finden, nach Jobs zu suchen“, sagt Gesine Herrmann. „Aber mir fällt das leicht.“ Mehr noch: Es macht ihr riesigen Spaß. Nebenbei räumt sie mit typischen Vorurteilen in Bezug auf die Geisteswissenschaften auf: „Es gibt wahnsinnig viele tolle Stellen, man muss sie nur entdecken.“

Die 34-Jährige recherchiert in Jobbörsen und auf den Internetseiten von Unternehmen und Institutionen. Auch kleinste Organisationen hat sie inzwischen auf ihrer Linkliste. „Wenn ich durch die Straßen laufe und irgendwo ein Schild am Haus sehe, das auf eine soziale oder kulturelle Institution hinweist, die ich noch nicht kenne, googel ich die sofort“, erzählt sie. Das macht sie schon lange so, nicht erst seit sie vor knapp drei Jahren „Gesines Jobtipps“ online stellte.

Persönliche Kriterien für die Auswahl der Jobs

Dementsprechend gut kennt sich Herrmann auf dem Arbeitsmarkt in Berlin und Umgebung aus. „Ich weise aber auch auf Stellenangebote in Potsdam und Frankfurt/Oder hin“, sagt sie. „Mein Kriterium ist: Wohin würde ich selbst noch für einen Job pendeln? Was darüber hinaus liegt, will ich nicht vertreten.“

Ihre Auswahl sei eine sehr persönliche, erzählt sie. Das sei das Markenzeichen von „Gesines Jobtipps“. Die Automobilbranche beispielsweise schließt sie per se aus, auch wenn Jobs in deren Öffentlichkeitsarbeit durchaus für Geisteswissenschaftler infrage kämen. Ein Erfolgserlebnis ist für sie, gerade die nicht gut sichtbaren Offerten zu finden. „Das sind für mich persönlich die Perlen“, sagt Gesine Herrmann. Ein interessanter Nebeneffekt: „Auf dem Jobmarkt spiegelt sich, was gesellschaftlich abgeht“, erzählt die 34-Jährige.

Jahrelang selbst auf befristeten Stellen

„Ich mache heute das für andere, was ich mir selbst gewünscht hätte, als ich auf Jobsuche war“, sagt Gesine Herrmann. Sie hat Politikwissenschaft und Interkulturelle Kommunikation in Chemnitz, Berlin und Estland studiert, war jahrelang selbst als Praktikantin oder auf befristeten Stellen beschäftigt. Unter anderem unterrichtete sie Deutsch beim Deutschen Akademischen Austauschdienst im russischen Novosibirsk, war als Studiengangskoordinatorin an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht angestellt und als Beraterin im Weiterbildungscenter der Humboldt-Uni tätig.

Die Befristungen brachten es mit sich, dass sie immer wieder selbst auf Jobsuche war. „Jedes Mal, wenn ich dabei ein Angebot gesehen habe, dass Freunde interessieren könnte, habe ich sie darauf hingewiesen“, erzählt Gesine Herrmann. „Irgendwann nahm das überhand. Einige Leute haben täglich fünf Mails mit Jobangeboten von mir bekommen“, erinnert sie sich lachend.

Die Zahl der Abonnenten stieg schnell

Das war der Moment, als ihr die Idee zu „Gesines Jobtipps“ kam. Ende 2013, während ihrer ersten Elternzeit, entwickelte sie das Konzept, 2014 stellte sie die Seite online. „Anfangs lief das nur über Mundpropaganda“, erzählt Herrmann. „Aber die Zahl der Nutzer stieg schnell.“ Schon bald schickten Arbeitgeber ihr Infos zu offenen Stellen, um sie über den Newsletter verbreiten zu lassen.

Nach einer weiteren befristeten Stelle und ihrer zweiten Elternzeit fiel die Entscheidung: Im Juni 2016 machte Gesine Herrmann aus ihrem Neben- einen Vollzeitjob. In einem halben Jahr stieg die Zahl ihrer Abonnenten von 800 auf 1600. Monatlich zählt ihre Seite 150.000 Klicks. Mit den Zahlen geht Herrmann offen um, ebenso mit dem Thema Geld verdienen. „Die Leute haben mir früh signalisiert, dass sie für meinen Service zahlen würden“, erzählt sie. „Und jetzt in der Selbstständigkeit brauche ich natürlich einen Lohn dafür.“

Nutzer zahlen freiwillig für die Dienstleistung

Gesine Herrmann setzt darauf, dass ihre Nutzer freiwillig etwas überweisen. Wer bei der Höhe des Betrags unsicher ist, findet auf ihrer Seite Empfehlungen. „Schon im ersten Monat habe ich so 560 Euro erhalten“, sagt sie. „Da war klar: Das kann funktionieren.“ Inzwischen verdient Herrmann um die 1800 Euro pro Monat. Über ihr Einkommen spricht sie ganz freimütig: „Ich habe mich für absolute Transparenz entschieden.“

Pläne für den Ausbau von „Gesines Jobtipps“ hat die 34-Jährige zur Genüge. Obwohl sie „eigentlich ja gar kein Gründungstyp“ sei, wie sie sagt. Herrmann hatte einfach das Glück, aus einer Lieblingsbeschäftigung ein Geschäftsmodell zu entwickeln, das am Markt auf Gegenliebe stößt. Inzwischen nimmt sie auch individuelle Suchaufträge an. „Ich fuchse mich gern in die Situation der Leute hinein“, sagt sie.

Und sie intensiviert den Kontakt zu den potenziellen Arbeitgebern ihrer Klientel, den Nichtregierungsorganisationen (NGOs), kulturellen und und sozialen Einrichtungen. Sie will sie beraten und in der Personalarbeit unterstützen. „Wen immer die Organisationen retten wollen“, sagt Gesine Herrmann, „das schaffen sie nur bedingt, weil sie gute Mitarbeiter nicht weiterentwickeln und nicht halten können. Da sehe ich noch unglaublich viel Verbesserungsbedarf.“