Sozialberuf

Arbeit in der Heilpädagogik ist mehr als ein Gelderwerb

Die zweijährige Ausbildung richtet sich an Menschen, die schon einen sozialen Beruf erlernt haben. Die Aufgaben im Job sind komplex.

Sarah Hänsch arbeitet in der Berliner Kita Windspiel. Nebenberuflich absolviert sie eine Ausbildung zur Heilpädagogin.

Sarah Hänsch arbeitet in der Berliner Kita Windspiel. Nebenberuflich absolviert sie eine Ausbildung zur Heilpädagogin.

Foto: Sven Lambert

Wie hilft man Menschen, die nach einem Missbrauch oder anderen Gewalterfahrungen aus dem seelischen Gleichgewicht gekippt sind? Auf welche Weise lassen sich Kinder und Erwachsene mit geistiger oder körperlicher Behinderung fördern? Heilpädagoge heißt der Beruf, bei dem diese Themen im Mittelpunkt stehen.

"Dazu muss man genau hinschauen, denjenigen gut kennen, um ihn richtig begleiten und ihm sinnvoll assistieren zu können", erklärt Sarah Hänsch. Die Erzieherin arbeitet vier Tage pro Woche in einer integrativen Kindertagesstätte in Friedrichshain. Daneben macht sie am Wochenende eine Ausbildung zur Heilpädagogin. Der Beruf sei genau ihr Ding, sagt die 31-Jährige.

Gleich nach Abschluss ihrer Ausbildung zur Erzieherin vor rund zehn Jahren hatte sich Hänsch der Arbeit mit behinderten Kindern zugewandt. Wie sich die Behinderung auswirkt, welche Stärken die Kinder haben, was die bestmögliche Förderung ist – um solche Themen geht es dabei. Für jeden Schützling müssen die Betreuer eine individuelle Lösung finden.

Sarah Hänsch spricht energisch. Gleichzeitig hört man in ihrer Stimme eine mitfühlende Wärme. Zum Beispiel, als sie von einem Kind erzählt, dessen Gesicht nach dem Angriff eines Frettchens entstellt war. "Das Kind war sonst völlig altersgerecht entwickelt. Doch seine Umwelt kam mit so einem Anderssein nicht klar."

Nach einem Trauma wird oft das Verhalten auffällig

Oft geht es bei der Arbeit der Heilpädagogen um Verhaltensauffälligkeiten, die sich nach einem Trauma zeigen. "Da gab es zum Beispiel ein Mädchen, das aus einem Pädophilen-Ring herausgeholt worden ist", erzählt Sarah Hänsch. "Man musste ständig aufpassen, dass es sich nicht selbst oder andere verletzte." In solchen Fällen sei sie an ihre emotionalen Grenzen gestoßen, sagt Hänsch.

Doch nicht nur das. Ihr sei auch bewusst geworden, dass sie sich fachlich noch weiter verbessern wollte. Darum absolviert Sarah Hänsch die Ausbildung zur Heilpädagogin. Eine Frage treibt sie besonders an: "Inwieweit kann ich mich weiterentwickeln, um solchen Kindern zu ermöglichen, nach ihren Möglichkeiten selbstbestimmt zu leben?" Sie möchte ihnen helfen, anders sein zu können, erklärt Hänsch.

Lena Becker absolviert ebenso wie Sarah Hänsch ihre Ausbildung zur Heilpädagogin nebenberuflich. Und es gibt noch eine weitere Parallele: Auch Heilerziehungspflegerin Becker arbeitet hauptberuflich in einer Integrations-Kita. Nach ihrem Abschluss möchte sie in einem Beratungszentrum für Familien arbeiten.

Die Fachschule für Heilpädagogik im Sozialpädagogischen Institut Berlin "Walter May" (SPI), an der sie lernt, bietet sowohl die Ausbildung in Vollzeit mit anderthalb Jahren Dauer an als auch eine zweijährige berufsbegleitende Ausbildung.

Die meisten lassen sich nebenberuflich ausbilden

"Für die heilpädagogische Ausbildung ist eine abgeschlossene Erzieherausbildung oder eine andere gleichwertige berufliche Qualifikation sowie eine mindestens zweijährige hauptberufliche sozialpädagogische Tätigkeit erforderlich", sagt SPI-Direktorin Birgit Hoppe. "Deshalb sind unsere Bewerber immer bereits berufstätig." Somit sei es folgerichtig, die Ausbildung berufsbegleitend anzubieten, erklärt sie. Für die Vollzeitausbildung gebe es dagegen kaum eine Nachfrage.

Lena Becker sieht in dem Fachschulangebot eine gute Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Die 28-Jährige hat bereits in einem Heim mit Erwachsenen, die mehrfach schwerstbehindert waren, und im ambulanten Bereich gearbeitet. Von Bekannten oder Freunden wird ihr Beruf oft zu gering geschätzt, findet sie. "Nach deren Meinung beschäftigen wir Behinderte, basteln mit ihnen", sagt die Heilerziehungspflegerin und künftige Heilpädagogin mit Bedauern.

Auch die Arbeit mit den Eltern sei nicht zu unterschätzen, findet sie. Mit ihnen hat sie häufig zu tun. "Zumal bei allen Fragen der Betreuung immer deren Einwilligung vorliegen muss." Viele Mütter und Väter würden jedoch keine Empfehlungen annehmen, seien verletzt oder enttäuscht über den aus der Norm fallenden Nachwuchs, so ihre Erfahrung. "Die Arbeit mit Andersartigkeit geht oft an die Substanz", sagt Becker. Man müsse viel Herzblut einbringen, aber auch professionelle Distanz wahren.

Methoden und Mittel für den beruflichen Alltag

Wie generell die sozialen Berufe ist die Heilpädagogik ein von Frauen dominiertes Feld. "Nur zwei unserer insgesamt 21 Kursteilnehmer sind Männer", erzählt Rebekka Lukas. Die Mutter dreier Kinder, ebenfalls ausgebildet als Heil­erziehungs­­pflegerin, arbeitete früher in einer Wohngemeinschaft für geistig behinderte Erwachsene. Jetzt ist sie nach sechs Jahren Elternzeit in einem heilpädagogischen Kinder- und Jugendheim tätig und macht parallel ihre Fachschulausbildung. Sie hofft, Methoden und Mittel für ihren beruflichen Alltag an die Hand zu bekommen.

Die Arbeit im Heim empfindet sie als "vielseitig und schön". Manche Kinder kämen sehr jung ins Heim, erzählt Rebekka Lukas. "Man baut eine enge Beziehung auf. Viele Kollegen übernehmen Patenschaften und halten den Kontakt, nachdem sie mit 18 oder 21 Jahren ausziehen."

In die Heilpädagogik kann man über die Fachschulausbildung, aber auch über das gleichnamige Studium einsteigen. Das ist oft sogar die Voraussetzung, um eine Leitungsfunktion zu übernehmen. Diesen Weg hat Marie-Louise Büchner gewählt. Nach ihrem Studienabschluss entschied sie sich für die Arbeit mit Erwachsenen.

Seit zwei Jahren unterstützt die 25-Jährige nun sechs geistig behinderte Bewohner eines ambulanten Wohnprojekts der Lebenshilfe. Später, in einem Führungsjob, möchte sie das Umdenken in der Arbeit mit Behinderten vorantreiben. Es gehe darum, ganzheitlich zu denken, statt die Defizite im Blick zu haben. Büchner bedauert, dass ihr Berufsstand in Berlin nur wenig bekannt sei.

Ziel ist, sich wieder entbehrlich zu machen

"Heilpädagogik ist das Beste, was mir passieren konnte", schwärmt Birgit Finkeisen. Sie arbeitet seit mehreren Jahren in der Heilpädagogischen Ambulanz Berlin. In einem Team von etwa 60 Heil- und Sozialpädagogen begleitet sie Menschen mit geistiger Behinderung und schweren Verhaltensauffälligkeiten. Das können beispielsweise Störungen der Angst- und Impulskontrolle sein oder auch Depressionen. "Das ist ganz unterschiedlich", erzählt die 56-Jährige.

"Grundsätzlich muss man die Vielfalt, die unterschiedlichen Verhaltensweisen zulassen und ertragen können", umreißt Finkeisen, welche Herausforderung ihr Beruf mit sich bringt. Ursprünglich war sie Rehabilitationslehrerin für Blinde und Sehbehinderte, landete dann in der Heilpädagogik.

"Ziel ist, dass wir wieder entbehrlich werden", bringt sie ihre Arbeit auf den Punkt. Kommunikation sei im Beruf ganz wichtig. Das reiche von der fachlichen Rücksprache mit Ärzten bis hin zu Gesprächen mit dem gesamten sozialen Umfeld der Klienten.

Menschen Selbstvertrauen vermitteln

Man dürfe sich "nicht auf eine höhere Stufe stellen", sagt Birgit Finkeisen. Für eine Selbstverständlichkeit hält sie es zum Beispiel, dass jeder Erwachsene mit geistiger Behinderung gesiezt werde. "Denn genau darin liegt das Problem: Diese Menschen lernen von Anfang an, dass sie nicht richtig sind, wie sie sind", kritisiert Finkeisen.

Ihre Glücksmomente? Das sind kleine Erfolge – wenn zum Beispiel ein Klient mit sprachlicher Beeinträchtigung einen Weg findet, sich mitzuteilen. "Mich am Ärmel zu zupfen, mich an eine Stelle zu ziehen und ,Daxi' zu rufen – das ist doch für denjenigen, der sich nicht sprachlich ausdrücken kann, super", sagt die Heilpädagogin. "Da wollte mir jemand sagen, dass dort das Taxi zur Werkstatt abfährt."

Heilpädagogik könne künftig verstärkt auch ein Betätigungsfeld bei der Betreuung für geflüchtete Menschen und Migranten sein, glaubt Sarah Hänsch. "Man muss irgendwie die Welt retten, damit man selbst so sein kann, wie man sein will", philosophiert sie.

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