Arbeitsmarkt

Technik-Experte: „Die Nachfragelücke ist kein Phantom“

Dem Arbeitsmarkt fehlen Ingenieure und Techniker. Zu wem diese Berufe und die Branche passen, erklärt ein Experte der acatech-Akademie.

Bei „Girls make Games“, einer Veranstaltung des Berliner Spiele-Herstellers Wooga, entwickeln Schülerinnen eigene Handyspiele.

Bei „Girls make Games“, einer Veranstaltung des Berliner Spiele-Herstellers Wooga, entwickeln Schülerinnen eigene Handyspiele.

Foto: Nina Harwick

Berlin.  Professor Ortwin Renn gehört zum Präsidium der acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. Er leitet das Projekt „MINT Nachwuchsbarometer“. Das ist ein Trendreport von der acatech und der Körber-Stiftung, der jährlich das Interesse an Mathe, IT, Naturwissenschaften und Technik (MINT) bei Schülern, Auszubildenden und Studenten erfasst. Mit ihm sprach Kirstin von Elm.

Berliner Morgenpost: Herr Professor Renn, wie wird sich die Nachfrage nach Absolventen der MINT-Fächer auf dem Arbeitsmarkt in Zukunft entwickeln?

Ortwin Renn: Die Nachfragelücke ist kein Phantom. Obwohl die Zahlen streuen, gehen die meisten Schätzungen von einer Lücke zwischen 40.000 und 120.000 Fachkräften in den nächsten zehn Jahren aus. Und das, obwohl die Anfängerzahlen bei den technischen Studienfächern ansteigen. Besonders begehrt sind Absolventen der klassischen Fächer Maschinenbau und Elektrotechnik, aber auch Informatiker und Bauingenieure bleiben gefragt.

Gilt das auch für technische Ausbildungsberufe?

Renn: Ja, sogar im noch stärkeren Maße. Während die Zahl der Ingenieurstudierenden in Deutschland ansteigt, erleben wir bei den technischen Ausbildungsberufen im besten Fall Stagnation, in einigen Ausbildungsberufen auch einen Rückgang. Mehr noch als bei den technischen Studiengängen ist in technischen Ausbildungsberufen ein dramatischer Mangel an jungen Frauen zu beobachten.

Wie stellt sich die Situation denn speziell für Mädchen dar? Müssen sie nicht damit rechnen, im Studium oder im Job immer die Exotin zu sein?

Renn: Unsere Umfragen für den jährlichen Trendreport „MINT Nachwuchsbarometer“ bestätigen, dass heute junge Ingenieurinnen von allen Unternehmen mit Kusshand genommen werden, sie aber im Berufsalltag durchaus noch mit Vorurteilen und Diskriminierungen rechnen können. Es ist wichtig, junge Frauen darauf vorzubereiten, damit sie nicht resignieren oder sogar den Beruf aufgeben.

Die gute Nachricht: In nahezu allen Betrieben werden diskriminierende Handlungen gegenüber Frauen nicht länger achselzuckend ignoriert. Betroffene Frauen können also mit Unterstützung des Managements rechnen.

Hohe Abbruchquoten, jede Menge Mathe: Was, wenn man sich ein technisches oder naturwissenschaftliches Studium nicht zutraut?

Renn: Ein duales Studium kann eine sehr sinnvolle Alternative sein: Es ist auf der einen Seite bereits sehr praktisch ausgerichtet, was sich auf die Karrierechancen positiv auswirkt, schafft auf der anderen Seite aber auch finanzielle Sicherheit, was vor allem für Studierende aus Familien mit geringem Einkommen attraktiv ist.

Wie finden Schüler heraus, ob sie sich für einen technischen Beruf eignen?

Renn: Wesentlich ist: Habe ich Interesse und Freude an technischen Zusammenhängen? Will ich wissen, wie Technik funktioniert? Möchte ich die von Technik geprägte Lebens- und Arbeitswelt mitgestalten? Wenn ich diese Fragen bejahe, gilt es zusätzlich herauszufinden, ob ich auch Talent dafür habe. Eine gute bis befriedigende Note in den Naturwissenschaften ist schon ein guter Beleg dafür.

Daneben gibt es auch Eignungstests der Berufsberatungsstellen. In vielen Schulen werden auch Nachmittags-AGs zu technischen Themen angeboten, oder man kann die vielfältigen Angebote externer MINT-Förderer vom Kindergarten bis hin zur Oberstufe nutzen, zum Beispiel Schülerlabore an Universitäten und Science-Zentren.