Technikbranche

Vorurteile halten Frauen oft von Jobs in der Technik ab

Mit Projekten wie MINTgrün versuchen die Berliner Hochschulen das Interesse für Technikstudiengänge zu wecken – gerade auch bei Frauen.

Hivanu Ince studiert Physikalische Ingenieurwissenschaft an der Technischen Universität Berlin.

Hivanu Ince studiert Physikalische Ingenieurwissenschaft an der Technischen Universität Berlin.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Sprachen oder Modedesign, so lauteten kurz vor dem Abi noch die Studienwünsche von Hivanu Ince. In der Oberstufe belegte sie Französisch und Spanisch als Schwerpunktfächer, privat liebt sie kreative Beschäftigungen wie Fotografieren, Zeichnen und Nähen. Inzwischen studiert die 20 Jahre alte Berlinerin im dritten Semester Physikalische Ingenieurwissenschaft an der Technischen Universität (TU).

Den ersten Anstoß zum Kurswechsel gaben ihre Mathe- und Physiklehrerinnen: „Beide waren sehr enttäuscht von meinen Studienplänen und meinten, mit einem technischen Fach hätte ich viel bessere Karrierechancen“, erzählt Ince, die stets gute Noten in Physik hatte und das Fach mochte.

MINToring-Programm an der FU

Nachdenklich geworden entschied sie sich 2015, das MINToring-Programm der Freien Universität (FU) zu nutzen (MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Das 2011 gestartete Förderprojekt zielt darauf ab, den Frauenanteil in technischen Studiengängen zu steigern.

Denn der ist trotz guter Karrierechancen nach wie vor gering: Auf drei männliche Erstsemester in den Ingenieurwissenschaften kommt bundesweit nur eine Frau. „Mädchen schöpfen ihre beruflichen Möglichkeiten häufig nicht aus, obwohl sie oft gute Voraussetzungen mitbringen,“ sagt Jenny Schlüpmann. Die promovierte Physikerin koordiniert die Schulkooperationen an der FU.

Workshops informieren über den Studienalltag

Schon in der Schule seien es meist Jungen, die Informatik oder Physik als Leistungskurse wählen. Nicht selten werde Mädchen im privaten Umfeld sogar vom Mathe-, Physik- oder Informatikstudium abgeraten, sagt Schlüpmann. Das MINToring-Programm soll ihnen Brücken bauen, etwa indem die Schülerinnen bei Workshops Studentinnen und Absolventinnen technischer Studiengänge kennenlernen, sich über den Studienalltag und potenzielle Berufsbilder informieren oder selbst im Uni-Labor experimentieren.

Für Hivanu Ince räumte so ein Workshop mit diversen Klischees auf: „Da waren coole, junge Frauen dabei, eine hatte gerade ihren Master in Oxford gemacht und sah überhaupt nicht aus, wie ich mir eine Physikerin vorgestellt habe“, gibt sie zu.

Das erste Studienjahr war anstrengend

Dazu kamen Erfahrungsberichte aus dem Freundeskreis, die sie das angestrebte Modestudium kritischer sehen ließen: „In der Modebranche muss man sich sehr gut präsentieren können, das fängt schon bei der teuren Bewerbungsmappe an. In den technischen Fächern zählt dagegen nur die Leistung.“

Die zu bringen, sei zwar gerade im ersten Jahr oft hart für sie gewesen, erzählt Hivanu Ince. Aber mittlerweile entspanne sich die Lage bereits etwas. Ihre kreativen Hobbys betreibt sie zum Ausgleich in der Freizeit, den beruflichen Bogen zur Mode will sie später vielleicht trotzdem schlagen: „Auch in der Bekleidungsindustrie gibt es interessante Einsatzfelder für Ingenieure.“

Keine Vorbilder in der Familie

Irem Yolas kann Web- und Strickmaschinen dagegen nicht viel abgewinnen, sie interessiert sich für alles, was fliegt. An der TU studiert sie im fünften Semester Verkehrswesen mit Schwerpunkt Luft- und Raumfahrt: „Ich habe mich schon in der Schule für Technik interessiert“, erzählt sie. „Trotzdem war ich nach dem Abitur nicht sicher, ob ein technisches Studium wirklich das Richtige für mich ist“, sagt die 21-jährige Berlinerin.

Ähnlich wie bei Hivanu Ince gab es niemanden in der Familie, den sie hätte fragen können. Auch ihre Schulfreundinnen reagierten eher skeptisch auf ihre Pläne. Ein typisches Problem, vor allem für Mädchen: Eine Umfrage der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech belegt, dass Eltern und Bekannte jungen Frauen fünfmal so oft von einem technischen Beruf abraten wie jungen Männern.

Gemeinnütziges Programm ProTechnicale

Fast 40 Prozent der Schülerinnen, die sich gegen eine technische Ausbildung entschieden, gaben negative Empfehlungen als Grund an. Zu schwer, zu trocken, kaum Perspektiven für Frauen lauten typische Warnungen – von denen Irem Yolas sich aber nicht abschrecken ließ.

Auf der Suche nach positiven Entscheidungshilfen bewarb sich die Berlinerin nach der Schule bei ProTechnicale in Hamburg. Das gemeinnützige Programm organisiert mit Industriepartnern wie Airbus und Lufthansa Technik ein technisches Jahr für Abiturientinnen. Die Teilnehmerinnen absolvieren drei Praktika im In- und Ausland, belegen Module an technischen Fakultäten und erproben ihr Geschick im Rahmen einer Projektarbeit, bei der sie selbst ein Fluggerät bauen.

Orientierungsjahr brachte wichtige Kontakte

„Ich habe das Programm auf einem Portal für Stipendien entdeckt, es passte einfach perfekt“, sagt Yolas. Sie bekam einen der rund 15 Plätze, die pro Jahr vergeben werden, und ein Stipendium über die vollen Programmkosten noch dazu. Die liegen eigentlich bei etwa 760 Euro pro Monat, doch dank öffentlicher Fördermittel und Sponsoren aus der Industrie musste bisher noch niemand den vollen Betrag zahlen.

Von ihrem Orientierungsjahr und den Kontakten profitiert Irem Yolas bis heute: „Ich kenne jetzt mein Berufsbild und weiß, in welchem Umfeld ich später arbeiten werde“, sagt sie. Als Frau relativ allein unter Männern zu sein, macht ihr nichts aus. „Ich definiere mich über meine Leistungen und nicht über mein Geschlecht“, sagt Yolas, die als Werkstudentin bei Rolls-Royce arbeitet und sich ehrenamtlich beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI) für den Nachwuchs engagiert. Denn an dem mangelt es in Deutschland. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (iw) Köln fehlen aktuell 212.000 MINT-Fachkräfte – und die Lücke wird größer.

Auch junge Männer haben Vorurteile

Die beruflichen Aussichten sind also hervorragend, dennoch schrecken nicht nur Mädchen, sondern auch viele Jungen vor einem technischen Studium zurück. Mit Kursen zur Orientierung, Mentoring-Programmen, Vorträgen und Projekten für Schüler versuchen die Berliner Hochschulen, potenzielle Studienanwärter zu motivieren.

Die TU bietet Unentschlossenen unter dem Namen MINTgrün sogar ein einjähriges Orientierungsstudium an. Die Studierenden „auf Probe“ besuchen reguläre Vorlesungen aus verschiedenen MINT-Fächern, nehmen an Prüfungen teil und probieren die praktische Anwendung in Laborprojekten aus, beispielsweise beim Bau eines Roboters oder der Herstellung von Recyclingpapier. Wer dabei bleibt, kann sich die Studienleistungen anschließend sogar anrechnen lassen.

Rekord-Teilnahme beim Girls Day

Ein tolles Konzept, findet Florian Wätzold, der das Programm gerade abgeschlossen hat. „Ich habe vorher ein duales Studium in Dienstleistungsmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Recht und bei der Deutschen Bahn absolviert und wollte gerne die technische Seite vertiefen“, sagt der 24-jährige Berliner. Ermutigt durch MINTgrün hat er sich jetzt für Maschinenbau eingeschrieben.

Nicht nur die Hochschulen, auch immer mehr Arbeitgeber engagieren sich für den Technik-Nachwuchs. So erreichte die Zahl der Angebote sowohl beim Berufsorientierungstag für Mädchen, „Girls’Day“, als auch beim 2011 eingeführten „Boys’Day“ 2016 einen neuen Rekord: 225 Berliner Unternehmen und Institutionen boten mehr als 1600 Plätze für interessierte Jungen an, die Mädchen konnten sogar aus 522 Veranstaltungen mit mehr als 7000 Plätzen wählen.

Programmieren ist etwas für Kreative

Darunter war auch der Handy-Spieleentwickler Wooga. Obwohl in Deutschland mehr Frauen als Männer mobil spielen, sind nur 30 Prozent der jungen, internationalen Belegschaft bei Wooga weiblich. Bezogen auf reine Programmierjobs kommt sogar nur eine Code-Expertin auf neun männliche Kollegen.

Um mehr Mädchen für den Beruf zu begeistern, hat das Unternehmen unter dem Motto „Girls make Games“ im November erstmals einen Programmier-Workshop für 12- bis 16-jährige Mädchen veranstaltet. „Mädchen und Jungen gleichermaßen bereits früh zu zeigen, dass Programmieren nicht nur aus Nullen und Einsen besteht, sondern dahinter eine unglaublich kreative Tätigkeit steckt, finde ich sehr wichtig“, sagt Firmengründer Jens Begemann.

In dualen Ausbildungen nur zehn Prozent weiblich

Das gilt erst recht für technische Ausbildungsberufe wie Anlagen-, Industrie- oder Kfz-Mechatroniker, die nach Blaumann, Ölflecken und schwerem Gerät klingen und damit vor allem bei Mädchen Skepsis auslösen.

Nur jeder zehnte Azubi in einem MINT-Beruf ist eine Frau. Zum Beispiel Rijke Ahlers: Die 20-jährige Abiturientin macht seit 2015 im Mercedes-Benz-Werk in Berlin eine Ausbildung zur Anlagenmechatronikerin. Für sich entdeckt hat sie ihren Beruf durch das Orientierungsprogramm EnterTechnik. Noch während ihres Praktikums bot der Automobilkonzern Ahlers eine Lehrstelle an.

Projekte finden bei „Komm mach MINT“

„Der Wechsel von der Schule mit vielen anderen Mädchen in den Berufsalltag ist schon eine Umstellung“, sagt sie. Aber sie könne anderen Frauen nur zu dem Beruf raten. „Ich würde mich jederzeit wieder so entscheiden,“ sagt die angehende Mechatronikerin.

Mehr Infos für Schüler, Lehrer, Studieninteressierte und Studenten unter www.komm-mach-mint.de.