Junge Profis

Puppenspieler: „Es ist toll, von Beruf Kind zu sein“

Mathias Becker hat an der Schauspielschule „Ernst Busch“ gelernt, Puppen und Regie zu führen. Nun ist er Puppenspieler mit Diplom.

Puppenspieler Mathias Becker mit einem der zahlreichen Charaktere, die er für die Bühne entwickelt hat: Herr Schmelzer.

Puppenspieler Mathias Becker mit einem der zahlreichen Charaktere, die er für die Bühne entwickelt hat: Herr Schmelzer.

Foto: Christian Kielmann

Herr Schmelzer nickt mit dem Kopf. Er scheint zu überlegen, was er sagen soll. „Hallo, wie geht es?“, fragt er dann zur Begrüßung. „Wie heißt du?“ Herr Schmelzer ist eine Puppe, der Mathias Becker Sprache, Leben und eine Persönlichkeit einhaucht.

Der 32-Jährige ist Puppenspieler. Mit dem älteren und grüblerischen Herrn Schmelzer tritt er in der Schaubude auf, einem Puppenspieltheater für Erwachsene in Prenzlauer Berg. Wenn er nicht gerade auf Tournee ist: Der Puppenspieler kommt viel herum. Häufig hat er Engagements in auswärtigen Theatern.

Studium bildet zum Spieler und Regisseur aus

Seit zwei Jahren arbeitet Ma­thias Becker als freier Puppenspieler. Er tritt mit verschiedensten Figuren auf, für die er eigene Stücke schreibt oder bekannte neu inszeniert. Darunter sind Marionetten, Handpuppen wie Herr Schmelzer und Klappmaulpuppen wie Nina. Mit ihr hält er beispielsweise einen Puppenmonolog in Tschechows „Die Möwe“. Nina spricht mit hoher Stimme, Beckers eigene Stimme ist um einiges tiefer.

Seine Ausbildung absolvierte der 32-Jährige an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Der Studiengang heißt Zeitgenössische Puppenspielkunst. Nach vier Jahren Studium und einem Diplomabschluss hätte Becker auch als fest angestellter Puppenspieler in einem Ensemble anfangen können. Viele seiner Kommilitonen haben das gemacht.

Vielseitige Ausbildung

„Aber mir gefällt das freie Arbeiten“, sagt Becker. Nur so könne er all seine Ideen verwirklichen. Denn Ma­thias Becker ist nicht nur Puppenspieler, sondern gleichzeitig Regisseur und Produzent seiner Aufführungen. „Das ist, was mich am Puppenspiel reizt“, erklärt er, „dass ich hier in allen Disziplinen arbeiten kann.“

Das Studium an der „Ernst Busch“ ist genau darauf angelegt. Nicht nur Darsteller werden dort ausgebildet, die Studierenden sollen auch lernen, künstlerische Projekte zu organisieren und ihre eigene Theaterform zu finden. Im Zusammenspiel mit den anderen Studiengängen der ­Hochschule wie Regie, Dramaturgie, Choreographie und Schauspiel lernen sie bereits während des Studiums, interdisziplinär zu arbeiten.

Weitere Unterrichtsinhalte an der „Ernst Busch“ sind unter anderem Animation, Pantomime, Stimmtraining, Theater- und Kulturgeschichte, Musik sowie die Technik des Puppenführens.

Handpuppen, Marionetten und Masken

Die Studierenden lernen das Spiel mit der Handpuppe ebenso wie das Spiel mit der Marionette und anderen Utensilien. „Ich arbeite zum Beispiel gerne mit Masken“, erzählt Mathias Becker. „Sie verwandeln Menschen in eine andere Figur, mit der man ebenso spielen kann wie mit einer Puppe.“

Zeitgenössisches Puppenspiel ist weit mehr als das klassische Kasperletheater, das viele herkömmlicherweise mit dem Begriff „Puppenspiel“ verbinden. Digitale Medien, Performance, Schauspiel und Storytelling haben darin eine gleichberechtigte Stellung.

„Wir wurden auch körperlich gut trainiert“

Auch Kulturmanagement steht auf dem Lehrplan der Hochschule, damit Freiberufler wie Mathias Becker lernen, wie sie Projekte managen und welche Marketingstrategien es gibt. „Wir wurden auch körperlich gut trainiert“, erzählt Becker. „Mit Aikido und Fechten.“ Kräftig und fit zu sein ist Voraussetzung. Denn während einer Aufführung lässt Becker den Schmelzer niemals „von der Hand“, wie Profispieler es nennen. Und eine Puppe wie Herr Schmelzer wiegt an die vier Kilogramm.

Mathias Becker versteckt sich nicht hinter seinen Puppen, etwa indem er nur Herrn Schmelzer ausleuchten lässt. Der Zuschauer kann verfolgen, wie sich seine Lippen synchron zu denen der Puppen bewegen. „Ich mag es, wenn man mich als Puppenspieler sieht“, sagt Becker. Spaß an der Selbstinszenierung gehört beim Bühnenberuf dazu.

Förderanträge sind Teil der Arbeit

Der Puppenspieler, der vorher schon ein Studium in Theater-und Medienwissenschaften abgeschlossen hat, arbeitet nicht nur als Solokünstler, sondern hat gemeinsam mit drei Kommilitonen von der „Ernst Busch“ das Ensemble Manufaktor gegründet. Gerade entwickeln sie das Stück „Pinocchio 2.0“. „Wir verbringen viel Zeit damit, Förderanträge zu schreiben“, erzählt Mathias Becker.

Einen Erfolg haben sie schon verbucht: Für „Pinocchio 2.0“ konnte das Ensemble eine stattliche Fördersumme akquirieren. Im Januar gehen die Proben los, und ab Mai 2017 erweckt Manufaktor in der Schaubude die Puppen zum Leben.

Honorare aushandeln und Termine koordinieren

Gerade ist Mathias Becker dabei, die anschließende Tournee durch andere Städte zu planen. Denn auch für den organisatorischen Teil sind freiberufliche Puppenspieler selbst zuständig – solange sie sich keinen Manager leisten können oder wollen. Becker organisiert für sich und das Ensemble die Proben, spricht Termine ab, organisiert Auftritte, plant das Budget, handelt Honorare aus, schreibt Konzepte.

Mathias Becker ist bereits in der glücklichen Lage, ein gefragter Spieler und Regisseur zu sein. Er spielte an der Deutschen Oper in Berlin und hatte Engagements in Karlsruhe, Göttingen, Chemnitz, Boston und Peking. „Man braucht sehr viel Eigeninitiative, um Erfolg zu haben“, sagt Becker.

Netzwerke sind wichtig

Schon während des Studiums war er an vielen Projekten beteiligt, ist als Spieler aufgetreten, hat eigene Stücke konzipiert – und sich ein Netzwerk aufgebaut. Die Selbstständigkeit schloss sich dem Studium quasi nahtlos an. Mathias Becker sagt, er spüre jeden Tag die Freude, mit seinem Berufsweg die richtige Entscheidung getroffen zu haben. „Es ist toll, von Beruf Kind sein zu dürfen“, sagt er.