Meisterschulung

Karriere im Handwerk: Darum wollen wir Meister werden!

Die Meisterschulung ist anspruchsvoll, geht ins Geld und verlangt viel Motivation. Drei Berliner Gesellen erzählen, was sie antreibt.

Möbeltischlerin Karoline Bickel will sich selbstständig machen. Darum hat sie sich beim BTZ der Handwerkskammer Berlin zur Meisterschulung angemeldet

Möbeltischlerin Karoline Bickel will sich selbstständig machen. Darum hat sie sich beim BTZ der Handwerkskammer Berlin zur Meisterschulung angemeldet

Foto: Sven Lambert

Berlin.  „Die Idee, den Meister zu machen, stand eigentlich immer im Raum“, sagt Karoline Bickel. Als Gesellin sei ihr Wunsch nach Weiterbildung beständig stärker geworden, erzählt die Möbeltischlerin. „Denn ich würde mich eines Tages gern selbstständig machen und als Ausbilderin arbeiten.“

Als Geselle sei man die ausführende Kraft, sagt die 33-Jährige. Als solche müsse man zwar durchaus kreativ sein, doch ohne den Meisterbrief seien ihre Ziele nun einmal nicht erreichbar. Ein Beratungsgespräch zum Thema Selbstständigkeit bei der Handwerkskammer Berlin gab ihr den entscheidenden Kick.

So begann Karoline Bickel vor zwei Monaten am Bildungs- und Technologiezentrum (BTZ) der Handwerkskammer ihre Meisterausbildung. Gesellen können dort zwischen drei verschiedenen Varianten wählen: Es gibt sowohl Vollzeitlehrgänge, die nach etwa eineinhalb Jahren zum Abschluss führen, als auch Teilzeit- und Abendschulausbildungen, die über einen längeren Zeitraum laufen.

Karoline Bickel entschloss sich für die Vollzeit-Variante. Die Abendschulausbildung wäre ihr zu langwierig gewesen, sagt sie. „Sie dauert immerhin drei Jahre. Ich brauche den Zeitdruck.“ Außerdem wäre ihr kaum Zeit für Freunde und Familie geblieben. „Ich hätte das kräftemäßig vermutlich nicht geschafft und habe großen Respekt vor Leuten, die die anderen Ausbildungsmöglichkeiten wählen“, sagt sie.

Ohne Meisterbafög wäre die Finanzierung schwierig

Die Kosten in Höhe von 12.000 Euro für die Meisterausbildung nimmt Bickel in Kauf. Die Lehrgangs- und Prüfungsgebühren beliefen sich bei der Vollzeitausbildung auf etwa 9500 Euro, rechnet sie vor. Und man müsse ja auch noch die Lebenshaltungskosten dazurechnen, gibt sie zu bedenken. Ohne das sogenannte Meisterbafög wäre der Schritt zur Meisterausbildung jedoch noch schwieriger gewesen.

Auch von ihrer Familie bekommt sie Rückendeckung. „Dennoch werde ich mir nach dem Meisterabschluss eventuell wieder eine Stelle suchen müssen, um mich finanziell zu sanieren“, sagt die Meisterschülerin. Dann würde sie weitersehen. Dass erst zwei Jahre nach Abschluss der Ausbildung die ersten Rückzahlungen fällig seien, entlaste sie sehr.

Den Entschluss, Möbeltischlerin zu werden, hat Karoline Bickel noch nie bereut. „Tischlerin ist ein spannender Beruf“, sagt die 33-Jährige, die schon als Kind gern mit Holz gearbeitet hat. Nach dem Abitur führte ihre berufliche Laufbahn aber erst einmal in eine ganz andere Richtung.

Studium war der falsche Weg

„Ich habe mit 18 ein geisteswissenschaftliches Studium angefangen“, erzählt die gebürtige Thüringerin. Aber dann habe sie gemerkt, dass ihr das zu theoretisch war. „Ich hatte damals das Gefühl, familiären Erwartungen entsprechen zu müssen“, erinnert sie sich. „Es war ein Blitzgedanke, der mich davon frei machte: Ich begriff, dass man auch als Abiturientin eine Ausbildung machen kann.“

Mit mehreren Praktika in Tischlereien beseitigte sie letzte Reste von Selbstzweifel. „Man traute mir diesen Beruf zu“, sagt Karoline Bickel. „Und ich war mir sicher: Ich schaffe das.“ Ob sie den Sprung in die Selbstständigkeit wagt oder sich künftig als Angestellte der Ausbildung von jungen Möbeltischlern zuwendet, hält sie sich offen. Durch den Meisterbrief ist sie für jeden Weg qualifiziert.

BTZ-Ausbilder Sebastian Neuhaus weiß, wie viel Entwicklungsmöglichkeiten der Meister bietet. Egal, ob die Absolventen ein eigenes Unternehmen gründen, einen eingesessenen Betrieb als Nachfolger übernehmen oder als Ausbilder bei einem Arbeitgeber tätig sind. „Manche studieren danach sogar, denn der Meister erwirkt den Hochschulzugang für ein fachspezifisches Studium“, sagt Neuhaus. „Ehrlich gesagt gibt es aber einfachere Wege zum Studium“, ergänzt er lachend.

Abitur auf dem zweiten Bildungsweg

Sebastian Neuhaus selbst hat sein Abitur im Anschluss an eine Tischlerlehre auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt. Nach dem Holztechnikstudium, einem Ableger des Maschinenbaus arbeitete der Diplom-Ingenieur als Projektplaner im Innenausbau. Eine Zeit lang war er für den Möbelhersteller Vitra in Basel tätig und sammelte als Projektleiter Erfahrungen.

Vor zweieinhalb Jahren kam er nach Berlin. „Ich hatte die spontane Idee, mich in der Weiterbildung zu bewerben“, erzählt er. Aufgrund seines jungen Alters – damals 27 – rechnete er sich keine großen Chancen aus, doch er wurde genommen.

Heute, als Koordinator für Holztechnik am BTZ, sieht er sein junges Alter als Chance. „So mancher Schüler ist um einiges älter als ich. Aber ich bin zum Beispiel den neuen Medien und technischen Neuerungen gegenüber offener“, erzählt er. „So sorge ich als jüngster Ausbilder im BTZ für frischen Wind im recht konservativen Handwerk“, sagt der 30-Jährige lachend.

Das Ausbildungszentrum hat sich auf neue Anforderungen im Handwerk eingestellt. „Wir haben hier wirklich tolle Maschinen“, sagt Neuhaus. Demnächst soll auch ein 3-D-Drucker angeschafft werden. Die Technisierung und Digitalisierung macht zwar so manche handwerkliche Arbeit leichter, doch die Anschaffung hoch entwickelter Spezialmaschinen ist besonders für kleinere Unternehmen finanziell kaum zu stemmen.

Im BTZ lernen die Gesellen neue Techniken kennen

Umso wertvoller sei die Meisterausbildung, findet Neuhaus. Die Meisterschüler könnten hier aus dem Vollen schöpfen. So aufwendig würden sie später vermutlich nie wieder arbeiten können. „Wir geben den künftigen Meistern die Bausteine in die Hand. Jeder Einzelne muss selbst etwas daraus machen.“

Oliver Jung bildet sich in einem ganz anderen Bereich weiter. Der 30-Jährige ist Zahntechniker und will hierin seinen Meister machen. Er habe neue Gebiete der Zahntechnik kennenlernen wollen. „Auch die betriebswirtschaftlichen und rechtlichen Themen der Meisterausbildung haben mich interessiert“, sagt er.

Und nicht zuletzt sei der soziale Aspekt, das höhere Ansehen und die beruflichen Perspektiven, Motivation gewesen, noch einmal zur Schule zu gehen. „Ich habe zwar keine Selbstständigkeit geplant, aber ich wollte noch mal was schaffen“, berichtet Jung, der aus einem kleinen Ort zwischen Lübeck und Fehmarn stammt.

Nebenberuflich ist die Ausbildung ein Kraftakt

Zwei Abschnitte der insgesamt vierteiligen Meisterschulung hat der Zahntechniker nebenberuflich in seiner schleswig-holsteinischen Heimat absolviert. Ein Kraftakt: „Das hieß für mich, von Montag bis Freitag normal arbeiten und teilweise noch Überstunden machen, damit ich an zwei Abenden pünktlich zur Meisterschule komme.“ Sonnabends hatte er den ganzen Tag Schule. „Und Sonntag war ich einfach nur platt.“ Dazu habe er noch Hausarbeiten schreiben müssen. Eine aufreibende und schlauchende Zeit, erinnert er sich.

Die zweite Hälfte der Meisterschulung wollte Jung lieber in Vollzeit absolvieren. In Schleswig-Holstein war das nicht möglich. „Meine Wahl fiel schnell auf Berlin, denn hier bin ich geboren und bis zu meinem zehnten Lebensjahr aufgewachsen“, erklärt Jung. Die Beantragung des Meisterbafögs und die Wohnungssuche seien problemlos gewesen. Außerdem habe er private Rücklagen und die Unterstützung seiner Familie, die ihm die Vollzeitausbildung ermögliche.

Schon als Kind gern gebastelt

Was ihn an seinem Beruf begeistert: „Zahntechnik wird nie monoton. Jeder Fall von Zahnersatz oder Prothetik braucht seine optimale Lösung und soll auch ästhetisch, also unauffällig, sein“, erklärt Jung. Schon als Kind habe er gern getüftelt, gebastelt und Modelle gebaut.

Die Idee, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen, kam von seiner Mutter: „Die meinte, ich könnte doch ein Praktikum in einem Zahntechniklabor machen. Auf diese Idee wäre ich selbst vermutlich nie gekommen.“ Der Realschüler machte dort Eindruck. „Man bot mir einen Ausbildungsplatz an und so kam ich zu meinem Traumberuf.“