Abschlussarbeiten

Mit der Masterthesis nahtlos in die Berufswelt einsteigen

Kontakte, praktische Erfahrung, eventuell eine Prämie – was es Studenten bringt, ihre Abschlussarbeit in einer Firma zu entwickeln.

Wirtschaftsinformatikerin Carmen Eisenacher schreibt ihre Masterthesis bei einer IT-Unternehmensberatung

Wirtschaftsinformatikerin Carmen Eisenacher schreibt ihre Masterthesis bei einer IT-Unternehmensberatung

Foto: Sven Lambert

An der Hochschule oder in einem Unternehmen? Wo schreibt man am besten seine Abschlussarbeit? Maximilian Geißler fiel die Entscheidung leicht. Seinen Bachelorabschluss im Fach Wirtschaftsingenieurwesen machte er noch „ganz klassisch“ an der Technischen Universität in Cottbus. „Die Vertiefungsrichtung Energieversorgung hat mich hier besonders interessiert“, sagt der 27-Jährige.

Fürs Masterstudium wünschte sich Maximilian Geißler eine Kombination der wirtschaftlichen und technischen Aspekte in der Energiewirtschaft. Parallel wurde der Wunsch, in seine Heimatstadt Berlin zurückzukehren, immer stärker.

Zum Glück bot die Technische Universität (TU) Berlin ein Masterprogramm an, das genau seinen Vorstellungen entsprach. Der Wechsel nach Berlin gelang. „Schon während der Bachelor-Endphase hatte ich als Werksstudent beim Energieversorger Gasag in Berlin angefangen“, erzählt der Wirtschaftsingenieur.

Viel Koordination gehört zu dem Vorhaben dazu

Zu Anfang seiner Tätigkeit als Werkstudent, während er parallel seine Bachelorarbeit schrieb, habe er viel Unterstützung erfahren. So hätten ihm seine Kollegen beispielsweise flexible Arbeitszeiten ermöglicht. „Nebenbei erhielt ich einen Einblick, wie intensiv hier Studierende betreut und gefördert werden“, sagt Geißler. „Als ich die Möglichkeit erhielt, ein theoretisches Modell der Berliner Energiewirtschaft zu erstellen, war klar, dass ich meine Masterarbeit bei der Gasag schreiben werde.“

Dass diese Form des Abschlusses mehr Zeit beansprucht, als eine Arbeit in der Bibliothek zu schreiben, sei ihm bewusst gewesen. „Schließlich musste ich mich ja nicht nur mit dem betreffenden Lehrstuhl abstimmen, sondern auch mit dem Betreuer im Betrieb“, sagt Geißler.

Die Mühe hat sich offensichtlich gelohnt. Nur einen Tag nach der Verteidigung seiner Masterarbeit – der Präsentation der Ergebnisse vor dem Prüfungsausschuss – begann der Absolvent seine Arbeit bei der internationalen Unternehmensberatung Ernst & Young. „Das war nun wirklich ein nahtloser Übergang in die Arbeitswelt“, sagt Maximilian Geißler lachend. Seit Mitte Juli dieses Jahres ist er dort als Berater für Unternehmen im Bereich Energiewirtschaft tätig.

Interesse an einer Entsendung ins Ausland

Aus dem neunten Stock des Bürohauses, in dem seine Firma sitzt, hat Geißler einen weiten Blick über Berlin. Genießen kann er ihn nicht immer: Oft ist er geschäftlich im Ausland unterwegs. Er könne sich sogar vorstellen, Berlin für einige Zeit ganz zu verlassen. „Die USA oder die Schweiz wären interessant“, sagt Geißler.

Ernst & Young hat er sich schließlich ganz bewusst „wegen der weltweiten Tätigkeit“ ausgesucht. Zukunftsängste kennt er nicht: „Ich weiß nicht immer genau, was ich will, aber ich nähere mich meinem Weg per Ausschlussverfahren. Das ist meine Philosophie“, sagt er. „Auf jeden Fall mag ich keinen Stillstand.“

Wer sich wie Maximilian Geißler dafür entscheidet, seine Abschlussarbeit in einem Unternehmen zu schreiben, muss vieles beachten. Denn sowohl für den Absolventen, als auch für die Hochschule muss die Kooperation einen Mehrwert haben. Heißt: Das Thema darf nicht nur den Studierenden interessieren, sondern sollte auch eine fachliche Innovation oder einen Nutzwert für das betreuende Unternehmen versprechen.

Nicht immer geben Unternehmen die Themen vor

Manche Unternehmen bieten auf ihren Internetseiten gezielt Bachelor- und Masterthemen an, von denen sie sich neue Erkenntnisse und Innovationen erhoffen. Studenten können aber auch eigene Themen anbieten, oder es ergibt sich während eines Praktikums oder einer Arbeit als Werkstudent ein interessantes Problem. Je wertvoller die Ergebnisse einer Abschlussarbeit für eine Firma sind, desto höher kann eine eventuelle Entlohnung oder Prämie ausfallen.

Es gibt jedoch keine feste Regel, ob und wenn ja, wie viel das Unternehmen für die Bachelor- oder Masterarbeit eines Studenten zahlt. Ob es möglicherweise eine Prämie gibt, sollte man daher vorab im Unternehmen besprechen. Ebenso muss die Frage geklärt sein, welche Rechte der Betrieb an der Arbeit hat. Nicht selten sind die Ergebnisse fürs Unternehmen durchaus wirtschaftlich relevant.

Gespräche mit Professor und Betreuer

Grundlage für den erfolgreichen Abschluss einer Arbeit ist, dass Student und Unternehmen die Aufgabe, die gelöst werden soll, klar formulieren. Sowohl mit dem Professor als auch mit dem Betreuer im Betrieb muss das Thema genau abgestimmt sein.

Weitere Fragen, die man sich als Student vorab stellen muss, sind: Ist mein Betreuer im Betrieb fachlich kompetent genug für mein Thema? Kann ich davon ausgehen, dass ich regelmäßig betreut werde und ein ausführliches Feedback bekomme? Und nicht zuletzt: Kann ich die Aufgabe in der Zeit, die ich zur Verfügung habe, bewältigen?

Im Masterstudium das Wirtschaftswissen vertiefen

Wie wichtig eine gute Zeitplanung ist, hat Sina Nölle-Wolff erlebt. Nach ihrem Bachelorabschluss mit 21 Jahren fühlte sie sich noch zu jung, um ins Berufsleben einzusteigen. „Mich hätte vermutlich keiner ernst genommen“, sagt sie schmunzelnd. Die Suche nach einem Masterprogramm, mit dem sie ihr Wirtschaftswissen vertiefen könnte, führte die Bachelorabsolventin aus Iserlohn an die private BSP Business School Berlin. Dort begann sie das zweijährige Studium „Business Administration“.

Parallel arbeitete Sina Nölle-Wolff als Werkstudentin bei Mercedes am Salzufer. „Dann kam noch über einen Professor das Angebot, für ein Drittmittel-Projekt des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie als wissenschaftliche Mitarbeiterin zu arbeiten und parallel meine Masterarbeit zu schreiben“, erzählt die heute 24-Jährige.

Nach ein paar Wochen habe sie festgestellt, dass sie sich übernommen hatte. 20 Stunden Projektarbeit, dazu noch 15 Stunden als Werkstudentin und die Abschlussarbeit – zu viel, um mit einem „sehr gut“ abzuschließen, wie sie es sich wünschte.

Den Job wegen Überlastung gekündigt

Nölle-Wolff zog Konsequenzen: Sie kündigte die Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Ihren Job als Werkstudentin behielt sie. Zum Glück konnte sie ihr Abschlussthema „Digitalisierung in mittelständischen Betrieben“ dennoch weiter im Rahmen des Projekts schreiben.

Der Dreh: Als Tochter mittelständischer Unternehmer schrieb sie ihre Abschlussarbeit im elterlichen Betrieb. „Ich kenne die Probleme von Mittelständlern“, sagt Sina Nölle-Wolff. „Ich weiß, wie groß die Hemmungen vor Veränderungen sind.“ So hat sie sich im theoretischen Teil ihrer Arbeit auch mit psychologischen Aspekten beschäftigt, zum Beispiel den Hemmschwellen, die Unternehmer davon abhalten, Veränderungen einzuführen.

Team-Tag für Angestellte der Mittelständler

Das Ergebnis ihrer Arbeit ist das Konzept für eine Art „Team-Tag“ für Angestellte. Im elterlichen Betrieb kommt es schon zum Einsatz. Über die Hochschule soll das Konzept demnächst weiter verbreitet werden. „Dafür kürze und überarbeite ich gerade meine Abschlussarbeit“, erzählt Nölle-Wolff. „Sie wird ein Leitfaden zum Thema Digitalisierung.“

Ihr Ziel, eine Eins als Abschlussnote, hat sie erreicht. Wo sie in Zukunft gern arbeiten würde? „Eine Trainee-Stelle bei der Daimler AG wäre toll“, sagt die Absolventin. Doch sie könne sich auch vorstellen, in einem Start-up oder Mittelstandsunternehmen zu arbeiten. „Hauptsache, ich kann mein Können zeigen und bin mit Herzblut dabei“, sagt Sina Nölle-Wolff.

Zukunftsängste plagen auch sie nicht. Mit ihrem praxisnahen Wissen und den während der Masterthesis gemachten Erfahrungen in Unternehmen ist sie gut gerüstet für den Arbeitsmarkt.

Werkstudentin entwickelt sichere Datenübertragung

So wie Carmen Eisenacher: Die Wirtschaftsinformatikerin steckt zurzeit mitten in ihrer Masterarbeit. Auch sie hat ihr Thema „während der Arbeit“ gefunden. „Ich bin Werkstudentin bei einer Unternehmensberatung im IT-Bereich“, erzählt die 25-Jährige. „Hier konnte ich schon einiges ausprobieren, und prüfen, ob mein Thema funktioniert.“

In ihrer Abschussarbeit befasste sie sich mit der sogenannten Block-Chain-Technologie. Dabei geht es um die Entwicklung dezentraler Netzwerke, die künftig Datenübermittlung sicherer machen könnten.

Als klar war, dass ihr Arbeitgeber Interesse an dem Thema hatte, habe sie sich in der Firma auf die Suche nach einem Betreuer gemacht. „Von Seiten der Uni war klar, welcher Professor mich begleiten würde“, sagt Carmen Eisenacher. An ihrer Uni, der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), sei es normal, die Masterarbeit in einem Unternehmen zu schreiben.

„Die HTW legt großen Wert auf die Nähe zur Wirtschaft. Und mir ist das auch wichtig“, sagt die Informatikerin. Schließlich seien ihre Erfahrungen als Werkstudentin in der Arbeitswelt und das Schreiben ihrer Arbeit in einer Firma ein großer Vorteil. Mit etwas Glück sei das ein „smoother“ Einstieg ins Berufsleben.