Junge Profis

„The Pitch Doctor“ Christoph Sollich coacht Gründer

Beim Pitch, der Präsentation vor Investoren, werben Gründer um Kapital. Damit das auch funktioniert, bereitet dieser Berliner sie vor.

Christoph Sollich ist „The Pitch Doctor“.

Christoph Sollich ist „The Pitch Doctor“.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  „Der mit der Jacke“ – das ist Christoph Sollich. Konsequent trägt der 36-Jährige Oberbekleidung von Adidas. Es ist sein Erkennungsmerkmal, „mein Personal Branding“, wie er es nennt. Inmitten von Firmengründern in ihren schwarzen Shirts und Pullis und Investoren in Anzug und Sakko fällt er auf.

Das ist das Ziel: Man soll sich an ihn erinnern. Dass man über ihn spricht, ist Christoph Sollichs Kapital. Seine Kunden erfahren per Mundpropaganda von ihm oder haben ihn auf einer Gründerveranstaltung als witzigen Redner erlebt.

Der gebürtige Berliner ist „The Pitch Doctor“. Als solcher bereitet er Start-ups auf ihren Pitch vor, also auf ihre meist ein- bis dreiminütige Präsentation, die sie vor einer Gruppe von Investoren halten – und von der es abhängt, ob sie künftig von einem der anwesenden Geldgeber unterstützt werden. Sollich arbeitet in ganz Europa und darüber hinaus. „Auch in Ägypten und Marokko habe ich schon Gründer gecoacht“, erzählt der Vielflieger.

Auftraggeber sind auch die Betreiber von Inkubatoren

Meist trifft er sich mit seinen Kunden in der ruhigen Ecke eines Restaurants, im Meetingraum eines Büros, oder er coacht sie per Skype oder Google Hangouts. „Die Kunden zeigen mir ihre Präsentation, und ich quatsche einfach nur“, sagt Christoph Sollich.

Gut 1200 Start-ups habe er in den vergangenen viereinhalb Jahren schon geholfen, besser zu pitchen, erzählt Sollich. Seine Auftraggeber sind die Gründer selbst oder die Anbieter von Accelerator-Programmen, also Institutionen, die Gründer finanziell und ideell unterstützen, um die Umsetzung ihrer Ideen zu beschleunigen.

Wenn Christoph Sollich ein Start-up coacht, geht es beim ersten Treffen immer erst einmal darum, was das junge Unternehmen schon an Präsentationen zusammengestellt hat, und um die Frage: Warum habt ihr was wie gemacht? „Das soll das Bewusstsein schärfen“, sagt Sollich. Im Durchschnitt trifft er sich viermal mit einem Gründerteam. „Bei manchen reicht ein einziges Hangout, mit anderen spreche ich achtmal.“

Ein Modell, das sich schnell umsetzen lässt

Die meisten Gründer seien sehr schlau, sagt Sollich. „Die können viel mit meinen Tipps anfangen.“ Sein Modell funktioniere, „weil die Leute das schnell umsetzen können“, glaubt er. „Ich baue ihnen nicht den einen Pitch, sondern bringe ihnen bei, was sie präsentieren können.“

Auch Ideen, an die er selbst nicht glaubt, unterstützt er. Voraussagen, was funktioniert, könne man ohnehin nicht. „Manchmal denkt man, die Idee ist gut, aber es ist einfach noch nicht der richtige Moment.“ Fünf Jahre später könne dieselbe Idee bei Investoren hervorragend ankommen. „Aber ich sage es den Gründern, wenn sie zu naiv sind, sich lächerlich machen würden oder wirtschaftlich ruinieren.“ Für Samthandschuhe sei er nicht bekannt.

Seine Überzeugung: „Man lernt beim Gründen mehr als irgendwo anders im Berufsleben.“ Und zu pitchen sei ohnehin eine Fähigkeit, die man überall brauche. „Wenn man zu fünft ins Kino geht, sieht man den Film, den sich derjenige ausgesucht hat, der am besten pitcht.“

BWL-Studium in Berlin und Australien

Der Pitch Doctor kommt ursprünglich aus dem Marketing. Er hat in Berlin und Australien BWL studiert und seinen Schwerpunkt auf Werbethemen gesetzt. Auf der Suche nach einem Thema für seine Diplomarbeit geriet er an einen Professor, der im Nebenberuf eine Unternehmensberatung hatte. Dort schrieb er im Rahmen eines Projekts für die Telekom seine Abschlussarbeit über „Was virtuelle Communitys erfolgreich macht“. Das war 2004. „Es ging gerade mit Facebook, studiVZ und solchen Netzwerken los.“

An einem Freitag gab er seine Arbeit ab, am Montag darauf fing er in München bei einer Agentur ein Praktikum als Texter an. „Das fand ich lustig“, sagt Sollich. Das Praktikum hatte er bei einem Talentwettbewerb gewonnen: „Gesucht wurde der beste Fußballkommentator.“ Sollich, der einen trockenen Humor hat und den man auch als Comedian buchen kann – er parodiert das Gründer-Dasein –, machte den ersten Platz. Aus dem Praktikum in München wurde ein Job. Aber sich immer wieder nur witzige Headlines auszudenken, reichte ihm nicht.

Kaum zurück in Berlin, 2007, warb ihn ein Hamburger Start-up an und lotste ihn an die Elbe. „Sie hatten auf Xing von meiner Di­plomarbeit gelesen und wollten eine Recruiting-Seite für Studenten aufziehen.“ Ein Investor war schon an Bord, Sollich brachte das Unternehmen zusammen mit den zwei Inhabern an den Start.

Der Wunsch entstand, Wissen weiterzugeben

Ein Gespräch mit seinem ehemaligen Professor führte ihn schließlich wieder nach Berlin: Eine Ausgründung aus dessen Unternehmensberatung stand an. Wieder ging es um eine Online-Community, wieder half Christoph Sollich dem Start-up auf den Weg. „Nach anderthalb Jahren habe ich mich dann selbstständig gemacht“, erzählt er. „Das ganze Wissen, das ich angesammelt habe, kann ich doch auch weitergeben und nur noch Start-ups beraten“, habe er sich gedacht.

Um das Jahr 2011 herum wurde so aus dem Unternehmensberater „The Pitch Doctor“. Nebenbei gibt Sollich Workshops an Hochschulen, in denen er angehenden Selbstständigen zeigt, wie sie sich selbst vermarkten. „Es gibt wenig, das mir mehr Spaß macht, als über Start-up-Ideen zu reden“, sagt er. Seine 16 Monate alte Tochter ausgenommen.

Und wo will er in fünf Jahren sein? Einige eigene Gründungsideen hat Christoph Sollich noch in petto. Und dann wäre da ja noch die Karriere als Start-up-Comedian. „Es ist nicht mein Ziel, aber ich sehe mich mit Mario Barth im Olympiastadion“, sagt er – und guckt unglaublich ernst dabei.