Engagement

Im sozialen Einsatz für andere – bezahlt vom Arbeitgeber

Immer mehr Firmen fördern soziales Engagement der Mitarbeiter. Das nennt sich „Corporate Volunteering“. Davon profitieren alle Seiten.

Frieder Ciolek studiert „Nachhaltige Unternehmensführung“ und arbeitet Teilzeit bei Capgemini.

Frieder Ciolek studiert „Nachhaltige Unternehmensführung“ und arbeitet Teilzeit bei Capgemini.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Das war kein gewöhnlicher Arbeitstag für André Zelmer (34). Statt in seinem aufgeräumten Büro die Finanzströme des Onlinehändlers Zalando zu managen, stand der Controller Mitte Juli in einem Flüchtlingscamp in Spandau. Er blies Luftballons auf, spielte mit Flüchtlingskindern und baute Möbel aus alten Lattenrosten. Er half dabei, die kargen Räume der Halle zu verschönern, in der die Menschen untergebracht waren, und arbeitete in der Kleiderkammer mit.

„Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die eine große Wirkung entfalten“, hat der Finanzcontroller dort festgestellt. „Etwa, wenn man den Menschen die deutschen Kleidergrößen und Waschetiketten erklärt.“

Zwei Tage im Jahr freigestellt

Das Besondere an André Zelmers Engagement: Er macht es während seiner normalen Arbeitszeit und zwar im Rahmen eines betrieblichen Freiwilligenprogramms: Beschäftigte arbeiten für gemeinnützige Zwecke und werden von ihren Arbeitgebern dafür freigestellt. Corporate Volunteering (CV) heißt der in den 80er-Jahren in Großbritannien und den USA entstandene Trend.

Bei André Zelmers Arbeitgeber Zalando können sich Mitarbeiter an zwei Arbeitstagen im Jahr freistellen lassen, um Gutes zu tun. Was sie tun, entscheiden sie selbst, ebenso den Zeitpunkt. Damit das Engagement dort ankommt, wo es benötigt wird, kooperiert Zalando mit der darauf spezialisierten Agentur Vostel, die einen Überblick über Hilfsprojekte hat und interessierte Freiwillige vermittelt.

„Mein Tag im Flüchtlingscamp war absolut bereichernd“, sagt Zelmer. Auch privat engagiert er sich seither für Flüchtlinge. Seinen zweiten Freiwilligentag für dieses Jahr hat er ebenfalls schon absolviert. Anfang September, während der Einschulung der Erstklässler, bastelte er Zuckertüten mit den Kindern in der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof.

Warum Zelmer das macht? Der Controller lächelt und spricht über positives Karma, darüber, dass er der Gesellschaft etwas zurückgeben möchte. Die Erfahrung mit den Flüchtlingen beeinflusst auch seinen Arbeitsalltag. „Die Lebensläufe in Bewerbungen sehe ich inzwischen mit anderen Augen“, erzählt er. „Hat jemand eine Lücke von zwei Jahren, steckt manchmal ein Schicksal dahinter.“

Win-win-Situation für alle Beteiligten

Im Idealfall entsteht durch die Freiwilligenprogramme eine Win-win-Situation für alle Beteiligten: Bedürftigen wird geholfen, der Mitarbeiter sammelt Erfahrungen, die seine Persönlichkeit positiv beeinflussen, und entwickelt oft Fähigkeiten, die er für seinen Berufsalltag nutzen kann. Das Unternehmen wiederum, das die Freiwilligenarbeit der Mitarbeiter unterstützt, verbessert sein Image und vergrößert die Zufriedenheit der Mitarbeiter.

Viele junge Menschen möchten heute nicht nur irgendeinen Job, sondern am besten einen, der sie bereichert. So geht es auch Frieder Ciolek, der gerade in Eberswalde sein Masterstudium „Nachhaltige Unternehmensführung“ absolviert.

Vor einem Jahr, noch im Bachelorprogramm, suchte er nach einem Nebenjob, mit dem er sein Studium finanzieren konnte. Heute arbeitet er als Werkstudent bei dem internationalen IT-Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen Capgemini. Unter seiner Mitwirkung sind mehrere freiwillige Aktionstage entstanden, bei denen er und seine Kollegen sich eingebracht haben.

Mehr als Gewinnmaximierung

Frieder Ciolek ist ein hilfsbereiter Mensch, der in der Betriebswirtschaft mehr sieht als die Möglichkeit zur Gewinnmaximierung. In seinem Job bei Capgemini fühlt er sich an der richtigen Stelle: Dort organisiert er seit einem Dreivierteljahr in 20 Wochenstunden das gemeinnützige Engagement der Mitarbeiter.

„Wenn ich sehe, was meine Kollegen machen, hat das natürlich zur Folge, dass ich mich selbst auch stärker einbringe“, erzählt er. Gemeinsam waren vor wenigen Wochen ein paar Dutzend Kollegen mit Farbeimern und -rollen in das renovierungsbedürftige Kinderheim des Elisabethstifts gefahren und hatten in der Jugendhilfeeinrichtung des Diakonischen Werks beim Streichen der Wände geholfen.

Partnerschaften für mehr Nachhaltigkeit

In der Regel sind die Aktionstage sehr willkommen – sowohl bei den Mitarbeitern, die sich einen Tag lang außerhalb des Unternehmens engagieren, als auch bei den Nutznießern solcher Aktionen. Aber nachhaltig sind sie nicht immer. „Wir wollen daher dauerhafte Partnerschaften aufbauen“, sagt der Werkstudent. Das Elisabethstift ist inzwischen solch ein fester Partner des Unternehmens geworden. Jetzt helfen Frieder Ciolek und einige Kollegen dabei, die Heimkinder am Computer fit zu machen und sie zu Weihnachten mit Geschenken zu versorgen.

Bereits seit fünf Jahren gibt es die Freiwilligenarbeit bei der europaweit tätigen Unternehmensberatung Capgemini. In Berlin bringen sich im Schnitt 30 bis 40 Mitarbeiter aus vier Geschäftsfeldern gemeinnützig ein. So finden auch innerhalb des Unternehmens Menschen zusammen, die aus unterschiedlichen Hierarchieebenen und Altersgruppen kommen.

Vorangetrieben hat das Sabine Reuss, die deutschlandweit für Marketing und Kommunikation zuständig ist. „Ich habe mich immer schon gemeinnützig engagiert“, sagt sie. Wird für ein Vorhaben Geld gebraucht, veranstaltet sie eine Tombola. Wo tatkräftige Hilfe fehlt, wird angepackt. „Am Ende lag es mir am Herzen, meine private Freiwilligenarbeit auch im Arbeitsumfeld voranzubringen – idealerweise mit den Kompetenzen der Kollegen, um so den größtmöglichen Mehrwert zu schaffen“, sagt Reuss.

Modell für gelegentliche Einsätze

Nicht alle Kollegen können sich regelmäßig in die Aktionen einbringen, etwa, weil sie unter der Woche dienstlich unterwegs sind. Dafür hat Sabine Reuss den Begriff Casual Volunteering geprägt: Gewisse Projekte erlauben den gelegentlichen Einsatz von viel beschäftigten Mitarbeitern – etwa an ausgewählten Wochenenden.

Gemeinsam mit Frieder Ciolek hat Sabine Reuss ein Projekt auf den Weg gebracht, das Geflüchteten dabei helfen soll, sich in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. Frieder Ciolek, inzwischen fester Projektpate, zeigt ihnen, wie eine Bewerbung für den deutschen Arbeitsmarkt aussehen muss. Einigen geflüchteten Langzeitarbeitslosen konnte damit schon geholfen werden, ebenso jungen Leuten, die gerade erst in die Berufswelt eintreten wollen.

Kooperation mit Flüchtlings-Uni Kiron

In Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie der Flüchtlings-Uni Kiron und der Community „Wefugees“ bietet das Team um Reuss außerdem Weiterbildungen an, in denen Ciolek und ein Dutzend Kollegen vermitteln, wie der Einstieg in die deutsche Arbeitswelt gelingen kann.

In der Freiwilligenarbeit setzt idealerweise jeder das ein, was er im Job gelernt hat und gut kann. Der Fachbegriff dafür ist „pro bono“ und meint, dass man berufliche Kompetenzen unentgeltlich zur Verfügung stellt. Seit Anfang Juni ist Linda Zschiegner, die einen Master in Verwaltungswissenschaft abgeschlossen hat, als Beraterin für den öffentlichen Sektor bei Capgemini angestellt.

Gemeinsam mit Kollegen engagiert auch sie sich in der Flüchtlingshilfe. In einem unternehmensübergreifenden Projektteam unterstützt sie die Initiative D21. Das ist ein Netzwerk aus Unternehmen der Digital-Branche und politischen Einrichtungen.

Anlaufstelle für Behörden und Initiativen entwickelt

Mit der Hilfe von Linda Zschiegner und ihrer Mannschaft hat D21 eine Plattform entwickelt, die einen Überblick gibt, welche digitalen Hilfsangebote für Flüchtlinge existieren. „Wir machen Leistungen transparent, sammeln sie und sehen zu, dass Behörden und gemeinnützige Initiativen einen Überblick über die verschiedenen Angebote bekommen“, erklärt Zschiegner. Zu den Angeboten zählen zum Beispiel kostenfreie Apps, mit denen Geflüchtete Deutsch lernen können.

Bei den sogenannten Community-Treffen können Unternehmen und Organisationen außerdem erfahren, wie sie gezielt in puncto Flüchtlingshilfe und Integration aktiv werden können. „Es ist eigentlich ganz simpel. Wenn erst mal klar ist, welcher Bedarf besteht, kann vieles digital gesteuert werden“, sagt Zschiegner. „Bei unseren Community-Treffen waren bereits ein Leiter einer Notunterkunft anwesend, ein Vertreter der Bundesagentur für Arbeit, aber auch zivilgesellschaftliche Initiativen und Vertreter aus der Wirtschaft und einige Geflüchtete“, erzählt sie.

Die IT-Beraterin unterstützt das digitale Flüchtlingsprojekt in ihrer Arbeitszeit, im Rahmen des Pro-bono-Programms von Capgemini. Schon als Werkstudentin floss ihre Arbeitskraft in dieses Projekt. „Ich habe dort Dinge gelernt, die ich auch später im Job gut gebrauchen konnte“, sagt sie. So habe sie sich dabei zum Beispiel Methoden im Projektmanagement aneignen können. „Auch darüber, wie sich Netzwerke bilden, weiß ich jetzt besser Bescheid“, sagt Linda Zschiegner.

Wer sich eigenständig sozial engagieren will, kann dies etwa mit einem sozialen Sabbatical tun.