Projekt

Soziales Start-up Kiron bringt Flüchtlinge an die Uni

Marius Brenzinger studiert Politik und engagiert sich für Flüchtlinge. Seit Kurzem arbeitet er für das Berliner Sozialunternehmen Kiron.

Marius Brenzinger arbeitet bei Kiron, einem sozialen Start-up, das Geflüchteten den Einstieg ins Studium erleichtert.

Marius Brenzinger arbeitet bei Kiron, einem sozialen Start-up, das Geflüchteten den Einstieg ins Studium erleichtert.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  „Ich fand das Projekt unterstützenswert.“ So simpel klingt es, wenn Marius Brenzinger (22) von dem Moment spricht, in dem er die Aufgabe fand, die heute weite Teile seines Lebens bestimmt. Brenzinger arbeitet für Kiron, eine gemeinnützige GmbH. Ganz genau lautet der Name Kiron Open Higher Education.

Gemeinsam mit rund 60 Kollegen, darunter an die 20, die gerade erst in den jüngsten Wochen hinzugekommen sind, engagiert sich Brenzinger für Flüchtlinge. Die Mitarbeiter und zahlreichen Ehrenamtler von Kiron sorgen dafür, dass sie abseits bürokratischer Hürden und trotz auf der Flucht verlorener Abiturzeugnisse ein Studium beginnen können.

Das Kiron-Team ist jung, in den Büroräumen im Palais am Festungsgraben wuseln Akteure und Flüchtlinge herum. Es ist der Tag, an dem offiziell verkündet wird, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung Kiron und zwei seiner Partnerhochschulen 2,1 Millionen Euro Förderung zur Verfügung stellt. Auch Marius Brenzinger ist anzumerken, wie sehr er sich über die Anerkennung freut, die damit verbunden ist. Und natürlich über die Finanzspritze, die das soziale Start-up gut gebrauchen kann.

22 Partnerhochschulen kooperieren mit Kiron

„Für Geflüchtete gibt es vier Hürden, die sie daran hindern, zu studieren“, sagt der 22-Jährige, der selbst kurz vor seinem Bachelorabschluss in Politischer Wissenschaft und Öffentlichem Recht steht. „Ihnen fehlt das Geld dafür, oft sind wichtige Dokumente auf der Flucht verloren gegangen, den Hochschulen mangelt es an Kapazitäten und den Geflüchteten an Sprachkenntnissen.“

Da setzt Kiron mit seinen inzwischen 22 Partnerhochschulen an. Darunter sind beispielsweise die RWTH Aachen, die Fachhochschule Lübeck und das Bath College in Großbritannien. Auch Berliner Hochschulen kooperieren mit Kiron, zum Beispiel die Macromedia – University of Applied Science. Aktuell sind die meisten Partnerunis noch deutsche. „Aber wir sind mit sehr vielen auch im Ausland im Gespräch“, sagt Marius Brenzinger. Kooperationen gibt es zum Beispiel schon mit Hochschulen in Frankreich, Jordanien und Italien.

Einige der Kollegen von Marius Brenzinger stellen in Absprache mit den Partnerhochschulen Lehrpläne zusammen, die aus frei im Internet verfügbaren Onlinekursen bestehen. Diese sogenannten MOOCs („Massive Open Online Courses“) sind Fernlernangebote von namhaften Universitäten und Instituten, etwa von der Harvard University oder vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). Zwei Jahre lang studieren die Flüchtlinge online, lernen parallel die Landessprache und haben Zeit, sich um fehlende Dokumente zu kümmern.

Einschreibung auch ohne Abiturzeugnis

Um bei Kiron zu starten, müssen sie erst einmal keine Schulabschlüsse auf Papier vorweisen können. Das brauchen sie erst, wenn sie anschließend an eine der Partnerhochschulen wechseln. Dort können sie gleich in ein höheres Fachsemester einsteigen, die Teilnahme an den MOOCs wird anerkannt.

3000 Studenten hat Kiron zurzeit, erzählt Marius Brenzinger. „Etwa die Hälfte davon in Deutschland.“ Theoretisch könnten sie in der Onlinephase überall auf der Welt sein. Nur wenn es dann an den stationären Teil des Studiums geht, muss derjenige natürlich in der Nähe seiner Hochschule wohnen.

Kiron ist 2015 mit einer Crowd­funding-Aktion gestartet. „Mehr als eine halbe Million Euro war damals zusammengekommen“, erzählt Brenzinger. Auch größere Förderer, beispielsweise die Schöpflin Stiftung, sind inzwischen dabei.

Aktiv als Teamleiter und Netzwerker

Marius Brenzinger ist seit März 2016 bei Kiron. „Ich bin ein Typ, der gern Verantwortung übernimmt“, sagt er. Schon als Jugendlicher war er Schülersprecher und Kapitän seiner Fußballmannschaft, als kleiner Junge wollte er Bürgermeister werden. Heute leitet der gebürtige Heidelberger ein Team internationaler Mitarbeiter, trifft sich mit namhaften Politikern, geht auf Messen, um Kontakte zu Unternehmensvertretern zu knüpfen.

Er sorgt dafür, dass Kiron bekannter wird, weitere Förderer findet und auch Arbeitgeber, die einen Geflüchteten einstellen, wenn er sein Studium abgeschlossen hat. „Wir glauben, dass Integration vor allem über Arbeit funktioniert“, sagt Brenzinger. Im Oktober 2015 hat der erste Student sein Kiron-Online-Studium begonnen.

Statt in den Bundestag lieber ins soziale Start-up

Nach Berlin war Marius Brenzinger eigentlich gekommen, um im Rahmen seines Politikstudiums in Mannheim ein Praktikum im Bundestag zu machen. Weil er bis zu dessen Start noch ein paar Wochen überbrücken musste, landete er bei Kiron. Ein Zeitungsartikel hatte ihn auf das Projekt aufmerksam gemacht, und der soziale Ansatz gefiel ihm.

„Wir sind mit dem Thema am Puls der Zeit“, sagt der 22-Jährige. Außerdem wollte er nach ersten Arbeitserfahrungen bei SAP in Walldorf und in einer politischen Strategieberatung gern ein Start-up von innen kennenlernen. „Nach vier Wochen haben mir die Gründer angeboten zu bleiben.“ Er sagte Kiron zu – und dem Bundestag ab.

Sein Bachelorstudium will Marius Brenzinger aber trotz des festen Jobs zu Ende bringen. Gern würde er seine Thesis bei und über Kiron schreiben, und er ist zuversichtlich, dass er an seiner Uni einen Betreuer dafür finden kann. Langfristig steht auch ein Masterstudium auf seinem Lebensplan. „Das geht dann wahrscheinlich in Richtung ­Public Policy“, sagt er. „Aber zum jetzigen Zeitpunkt bin ich hier bei Kiron genau richtig.“

kiron.ngo