Handwerksberuf

Augenoptiker sorgen für gutes Sehen und Aussehen

Augenoptikern fehlt es an Nachwuchs. Wer Spaß am Umgang mit Kunden und an handwerklicher Arbeit hat, ist in dieser Branche richtig.

Christin Drabe ist Augenoptikermeisterin. Gemeinsam mit einem Kompagnon hat sie die „Lieblingsbrille“ eröffnet

Christin Drabe ist Augenoptikermeisterin. Gemeinsam mit einem Kompagnon hat sie die „Lieblingsbrille“ eröffnet

Foto: Sven Lambert

Berlin.  „Es ist wie bei Taschen oder Schmuck“, sagt Christin Drabe. Trends bestimmen die Nachfrage. Darauf muss ein Optiker reagieren. Selbst bei den Modellen für Kinder wechseln Farben und Formen. „Ich habe mit zwei Jahren meine erste Brille bekommen“, erzählt Drabe.

So weiß sie aus eigener Erfahrung: Kleine Kinder haben die Sehhilfe gar nicht gern auf der Nase. Sie stört beim Toben und Schmusen, verbiegt sich und geht auch mal kaputt. Hat der frühe Kontakt zur Brille sie geprägt? Lachend antwortet die 26-Jährige: „Zumindest war ich sehr früh im Thema drin.“ Inzwischen kann sie sich ein Leben ohne Brillen gar nicht mehr vorstellen – nicht nur rein persönlich als inzwischen eingefleischte Brillenträgerin, sondern auch beruflich.

Christin Drabe ist Optikermeisterin und betreibt seit einem Vierteljahr mit ihrem gleichaltrigen Geschäftspartner Lars Nagel in Schmargendorf das Geschäft „Lieblingsbrille“. Hat sie selbst ein favorisiertes Modell? Drabe winkt ab: „Derzeit wechsle ich zwischen zwölf verschiedenen Exemplaren – je nachdem, wozu ich Lust habe.“

Stilberatung ist ein wichtiger Teil der Arbeit

Grundsätzlich mag sie es eher ausgefallen, anders als Lars Nagel, der klassischen Modellen den Vorzug gibt. Groß, klein, eckig, rund, dezent oder auffällig – Optiker beraten ihre Kunden bei der Auswahl der passenden Brille. Lars Nagel: „Wenn jemand bei einem anderen eine schöne Brille sieht, heißt das nicht automatisch, dass sie in seinem eigenen Gesicht auch gut aussieht.“ Die Stilberatung ist ein wichtiger Teil ihrer Arbeit.

Aber auch der Einkauf neuer Brillenmodelle für den Laden gehört dazu und natürlich der technische Teil, bei dem die Sehtests im Vordergrund stehen. Das Bestimmen der Glasstärke, das Ausmessen des Augenabstands, die Beratung über die verschiedenen Glas-Typen sowie schließlich das Einschleifen in die gewünschte Brillenfassung inklusive des Anpassens der fertigen Brille.

„Es ist ein Feinhandwerk, bei dem zwei linke Hände ungünstig sind“, sagt Lars Nagel. Es sei oft eine „fummelige Sache“. Wer den Beruf ergreifen möchte, braucht Fingerspitzengefühl und Geduld.

Glashersteller bieten Produktschulungen an

Technisch und handwerklich sollten Optiker immer auf dem neuesten Stand sein. Es gebe zum Beispiel über die Handwerkskammer, den Zentralverband der Augenoptiker oder die Innung Weiterbildungsangebote, sagt Lars Nagel, der die Optiker-Ausbildung nach seinem Fachabitur in Wirtschaft begann. „Aber auch Glashersteller schulen Optiker zu neuen Produkten. Brillengläser werden ja immer individueller.“

Laut des Instituts für Demoskopie Allensbach tragen mehr als 40 Millionen Menschen in Deutschland eine Brille. Die Zahl ist seit zehn Jahren etwa gleich hoch geblieben. Dennoch hat sich der Umsatz der Optiker-Branche 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 3,6 Prozent auf fast sechs Milliarden Euro erhöht. Das geht aus dem Branchenbericht des Zentralverbands der Augenoptiker (ZVA) hervor.

Der Onlinehandel habe aber nur einen geringen Marktanteil, sagt Lars Nagel. Der Umsatz liegt bei etwa vier Prozent des Gesamtumsatzes der Branche – auch wenn Onlinehändler in den vergangenen Jahren Wachstumsraten von knapp 30 Prozent verzeichnen konnten. Inzwischen hat sich der Anstieg allerdings deutlich verlangsamt. 2015 war der Online-Umsatz nur noch um sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen.

Viele lernen bei Fielmann oder Apollo

Der Start in den Beruf beginnt für viele Auszubildende bei einer Filiale einer der großen Optiker-Ketten. Auch bei Christin Drabe und Lars Nagel war das so – sie haben bei Fielmann gelernt. „In der Ausbildung haben wir uns auch kennengelernt“, sagt die Chefin der „Lieblingsbrille“. Die Gründerin hat keine Angst davor, mit ihrem Laden neben den großen Ketten unterzugehen. Sie will mit besonders gutem Service punkten und sich durch eine persönliche Bindung einen treuen Kundenstamm aufbauen.

Die zehn größten Filialisten – die Top Drei sind Fielmann, Apollo und Pro Optik – besitzen laut ZVA gut 17 Prozent aller deutschen augenoptischen Betriebsstätten. Der von diesen Filialisten erzielte Umsatz macht etwa 40 Prozent des Branchenumsatzes aus. Obwohl die Ketten so allgegenwärtig erscheinen, gibt es also keinen Grund, den Traum vom eigenen kleinen Optiker-Laden zu begraben.

Auch Christin Drabe hielt daran fest und musste dafür noch einmal die Schulbank drücken. Als Gesellin absolvierte sie nebenberuflich eine Meisterausbildung. „Ich konnte dadurch weiter Geld verdienen“, erzählt sie. Doch sie habe während der drei Jahre viel Zeit für die Schule geopfert.

Lieber angestellt als selbstständig

Auch Augenoptiker Sven Winkelmann hatte erwogen, sich selbstständig zu machen. Doch heute sagt der 35-Jährige: „Ich sehe mich eher als Angestellten.“ Winkelmann arbeitet in einem der zwei Kladower Läden von Augenoptik B & K. In diesem Geschäft, das er zuvor schon als Kunde kannte, hat er seinen Beruf auch erlernt.

Dass er diese Ausbildung wählte, hat mit seiner Rot-Grün-Sehschwäche zu tun. „Sie hat mir bei meinem Geowissenschaftsstudium einen Strich durch die Rechnung gezogen“, sagt Sven Winkelmann. Denn mit dem fehlenden Sehvermögen konnte er verschiedene Gesteinsarten nicht über deren Farbe identifizieren.

„Da war nichts zu machen“, sagt er. „Doch dadurch habe ich gemerkt, dass der Optiker-Beruf interessant ist.“ Nach einem Praktikum, das er von zwei Wochen auf drei Monate verlängerte, ergriff er die Chance, sich in diesem Beruf ausbilden zu lassen. Dank seines Abiturs und guter Leistungen konnte er die Optiker-Lehre nach zweieinhalb Jahren mit dem Gesellenbrief abschließen.

Ein bisschen Psychologe muss man auch sein

Sven Winkelmann gefällt die Vielseitigkeit seines Berufs. Ein Augenoptiker sei nicht nur als Mode- und Typberater, als Kaufmann und Handwerker gefordert, sondern oft auch ein bisschen als Psychologe, findet er. „Wir haben hier viele Stammkunden. Oft geht es in Gesprächen gar nicht nur um die Brille. Mancher erzählt seine ganze Lebensgeschichte.“ Da sei Einfühlungsvermögen wichtig, sagt der Optiker.

Andere Kunden schauen kurz mal eben rein, wenn sich ein Bügel ihrer Brille gelockert hat. An der Werkbank im hinteren Teil des Geschäfts zieht Sven Winkelmann dann schnell die Schrauben nach. Nicht zuletzt gehören auch Sehtests für die Führerscheinprüfung zum Angebot des Augenoptikers.

Sven Winkelmann trauert dem Geo-Studium, das er aufgrund seiner Sehschwäche nicht absolvieren konnte, nicht nach. Er ist glücklich mit der Wahl, die er getroffen hat. „Den Kundenumgang mag ich am meisten an diesem Beruf“, sagt der 35-Jährige.

Verantwortung vom Arzt an den Optiker

Die Bedeutung des Optikers bei der Versorgung von fehlsichtigen Patienten ist in den vergangenen 20 Jahren deutlich gewachsen. Heute darf er seine Kunden eigenverantwortlich und ohne ärztliche Verordnung mit Sehhilfen versorgen. Im Jahr 1993 wurden noch 60 Prozent der Brillen vom Augenarzt verordnet. Mittlerweile sind es nur noch 20 Prozent.

Fachkräfte für das Optiker-Handwerk werden gesucht. Laut einer ZVA-Umfrage konnten im vergangenen Jahr 61 Prozent der Betriebe ihren Bedarf an Personal nicht decken. Das bietet Schülern auf Ausbildungssuche gute Aussichten.

Noch ein Vorteil: Wer sich für diese Ausbildung entscheidet, braucht keine Angst zu haben, irgendwann einmal ohne Beschäftigung dazustehen. Denn die Arbeitslosigkeit ist in der Optiker-Branche relativ niedrig. Im Jahr 2015 waren keine zwei Prozent der Gesellen und Meister der Branche ohne Arbeit.