Kreative Berufe

Animationsfilmer brauchen viel Fantasie und eine ruhige Hand

Die meisten Animationsfilmer arbeiten freischaffend. In dem Beruf kann man sich mit und ohne Studienabschluss etablieren. Profis berichten.

Die Animationsfilmer Jakob Weyde und Franziska Bachmaier aus der Ateliergemeinschaft „House of Creatures“

Die Animationsfilmer Jakob Weyde und Franziska Bachmaier aus der Ateliergemeinschaft „House of Creatures“

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Ohne Kreativität geht hier gar nichts. Wer sich als Animationsfilmer etablieren will, braucht viel Fantasie und gute Ideen. Doch es gehört auch Handwerk dazu. Deshalb entschied sich Jakob Weyde vor zwölf Jahren, an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf Animation zu studieren. „Es gab damals 200 Bewerber in Potsdam, von denen etwa zehn ausgewählt wurden“, erzählt der gebürtige Oberbayer, der davor zwei Jahre an der Fachoberschule für Gestaltung in München gelernt und dort seine ersten kleinen Trickfilme erstellt hatte.

Beim zweiten Anlauf klappte es mit dem Start ins Studium an der Babelsberger Hochschule. Weyde bestand die mehrere Tage dauernde Aufnahmeprüfung an der renommierten Filmuni und wurde zum Animationsfilmer ausgebildet. Seit 2010 arbeitet der 34-Jährige freischaffend.

Oft sind Projekte sehr umfangreich, oder sie müssen unter großem Zeitdruck fertiggestellt werden. Jakob Weyde ist auch aus diesem Grund froh, dass er gemeinsam mit zwei anderen Animationsfilmern in der Ateliergemeinschaft „House of Creatures“ arbeitet. Beide Kollegen sind ebenfalls den Weg über die Filmuniversität in Potsdam gegangen.

Ateliergemeinschaft teilt sich die Arbeit

Franziska Bachmaier: „Unsere Zusammenarbeit hat sich über das Animationsstudium ergeben. Alleine zu Hause zu arbeiten, das bringt nichts. Hier hat jeder seine Schwerpunkte. Technik ist zum Beispiel nicht ganz so mein Ding.“ Das hätte sie bereits während der zwei Jahre ihres Architekturstudiums in Cottbus gemerkt, erzählt Bachmaier. „Deine Häuser sehen gut aus, aber stehen nicht. Ein Spruch, den ich mir damals anhören musste“, sagt sie lachend. So überlässt sie technisch knifflige Aufgaben gern einmal Jakob Weyde.

Die Studiogemeinschaft hat für alle den Vorteil, sich kreativ austauschen zu können, gemeinsam Arbeiten für verschiedene Auftraggeber zu erledigen und sich dabei in ihren Fähigkeiten zu ergänzen. Viele Projekte sind nur durch Zusammenarbeit und Arbeitsteilung realisierbar, sagen sie. „Wir wissen, wo jeder seine Stärken hat und können darauf zurückgreifen“, so Jakob Weyde. Es sei ohnehin sinnvoll, sich technisch nicht nur auf eine Richtung zu spezialisieren, um verschiedene künstlerische Stile anbieten zu können.

Viele Filmszenen werden digital generiert

Es sei spannend, sich im Rahmen der Aufträge immer wieder mit neuen Themen auseinanderzusetzen. „Es gibt unendlich viele Möglichkeiten. Wer den Fernseher anmacht, merkt beim genauen Hinschauen, wie viel inzwischen digital generiert wird. Da hat sich in den letzten 20 Jahren eine Menge entwickelt“, sagt Jakob Weyde.

Die Animationsfilmer tragen wesentlich zu Filmerfolgen bei. Der Trickfilm hat nach wie vor seinen Platz im Leben großer und kleiner Fans. Filme wie „Ritter Rost“ oder „Der kleine Eisbär“ zeugen vom Erfolg der Trickfilmstudios. Und was wären die Harry-Potter-Filme ohne raffinierte Trick-Sequenzen?

Und nicht nur die Fantasy-Welt, auch Historien-Verfilmungen wie beispielsweise die aufwendige Filmserienproduktion „Borgia“ kommen ohne computergesteuerte Bilder, wie etwa 3D-Modelle des Vatikans und der Sixtinischen Kapelle, nicht aus. Film und Fernsehen, aber auch die Werbe- und Computerspiel-Industrie bedienen sich der Animationskunst. Selbst bei der Vermittlung von Wissen oder der medialen Inszenierung von Museen, Messen, Theater- und Eventbühnen sind Animationsfilmer gefragt.

24 Einzelbilder pro Sekunde

Die breiten Einsatzmöglichkeiten beruhen auch auf der Vielzahl von Formen der Animation, die auf unterschiedliche Weise für den Betrachter Einzelbilder als bewegtes Bild erscheinen lassen. Diese Einzelbilder können gezeichnet, fotografiert oder vom Computer generiert sein. Eine Sequenz von etwa 24 Bildern pro Sekunde lässt die Illusion einer flüssigen Bewegung entstehen. Ein 90 Minuten langer Film besteht aus etwa 129.600 Einzelbildern.

„Der Beruf erfordert viel Geduld, ehe es zum Ergebnis kommt“, sagt Franziska Bachmaier. Diese Erfahrung macht gegenwärtig auch ihr „House of Creatures“-Partner Jost Althoff, der gerade in der Endproduktion eines Trickfilms für das ZDF steckt. „Mein erster richtiger Puppentrickfilm. Ich hätte nicht gedacht, dass es so viel Spaß macht“, sagt er.

Eine ruhige Hand braucht Althoff aber auch dafür. Penibel achtet er darauf, dass jedes Detail in der aufgebauten Szenerie an seinem Platz bleibt, keine der Puppen unabsichtlich verrutscht, schon gar nichts versehentlich umfällt. Die Drahtarm-Gelenke der kleinen Figuren werden immer nur minimal verändert und dann fotografiert.

Hektik und Schusseligkeit rächen sich am Ende

Jedes neue Bild wird sofort in den Computer übertragen. Hunderte von Einzelschritten sind es, bis am Ende einer Filmszene der Eindruck entsteht, als würde eine der Figuren von den anderen Puppen in die Luft geworfen. „Das ist eine Arbeit für Schnecken“, witzelt Jost Althoff. Hektik und Schusseligkeit räche sich am Ende, sagt er. Denn dann steht Nacharbeit an. Ein halbes Jahr arbeitet er bereits an dem ZDF-Auftrag. Das Ergebnis: zwei Kurzfilme von je sechs bis acht Minuten.

Eitelkeit hat im Leben der Animationsfilmer keinen Platz. Dass ihr Name im Abspann genannt wird, ist nie garantiert. Auch darum engagiert sich Althoff (41) in der Arbeitsgemeinschaft (AG) Animationsfilm. Die AG versteht den Animationsfilm als Unterhaltungsmedium und Kunstform. Sie setzt sich für die stärkere Präsenz auf internationalem Parkett und die Vernetzung untereinander ein.

Es fehlt an Förderung für die künstlerische Arbeit

„Solche Lobbyarbeit ist als Freiberufler nicht schlecht. Sonst gibt es ja keine Interessenvertretung in der Branche“, betont Jost Althoff, der über eine Siebdrucklehre und ein Geoökologiestudium auf Umwegen zum Animationsfilm kam. Nur so könne dem Unterbietungswettbewerb ein Riegel vorgeschoben, machtvoll mit TV-Sendern verhandelt oder Einfluss auf die Politik in puncto Förderung ausgeübt werden. In Frankreich gebe es zum Beispiel viel mehr Subventionen. Die freie künstlerische Filmarbeit sei nur mit Hilfe von Förderungen möglich.

Anders als die Animatoren von „House of Creatures“ arbeitet Anna Bergmann. Die Autorenfilmerin, die den Künstlernamen „samo“ trägt, wählte den Weg als Einzelkämpferin. „Das Animationsmedium ist sehr spezifisch, metaphorisch und komprimiert – fast wie Poesie“, sagt die gebürtige Russin. „Es ist ein starkes Medium, um philosophische Gedanken auszudrücken.“ Bergmann hat zwei Jahre lang Architektur studiert und war vier Jahre an der Filmhochschule in Moskau, bevor sie nach weiteren fünf Jahren in Babelsberg dort 2011 ihr Diplom in Animation erhielt.

Anfänger können die Möglichkeiten überfordern

„Es ist wie in jeder Kunst“, sagt sie. „Animation fächert sich unheimlich breit. Das bringt Vorteile, denn es ist eine Welt, in der alles möglich ist.“ Anfänger könnten diese vielfältigen Wege jedoch überfordern, glaubt sie. Als Animator gehe man einen einsamen und langen Weg. Außer Auftragsproduktionen – unter anderem arbeitet Anna Bergmann für den Fernsehsender arte – sind es vor allem persönliche Filme, die der 35-Jährigen am Herzen liegen. Sie erzählt darin Geschichten, die ihre Zuschauer emotional berühren sollen.

Die Animationsfilmerin hat ihre Arbeiten bereits auf zahlreichen Festivals präsentiert, darunter die Berlinale, das Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart und das Internationale Animationsfilmfestival in Annecy – letzteres ist die weltweit bedeutendste Veranstaltung dieser Art. Sich auf Festivals zu zeigen und damit Selbstmarketing zu betreiben ist nicht unwichtig, um sich in der Branche einen guten Ruf zu erarbeiten.