Doktorarbeit

Wer promovieren will, muss vor allem ein guter Manager sein

Planen, organisieren, sich selbst motivieren und forschen – für wen lohnen sich die Strapazen, die eine Promotion mit sich bringt?

Katja Obst erforscht an der Freien Universität Berlin, wie äußere Einflüsse auf die menschliche Haut wirken.

Katja Obst erforscht an der Freien Universität Berlin, wie äußere Einflüsse auf die menschliche Haut wirken.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Katja Obst (28) hatte schon immer ein Faible für Biologie, Chemie und Informatik. „Ich wollte nach dem Abitur unbedingt etwas mit Naturwissenschaften machen“, sagt die Promotionsstudentin der Freien Universität Berlin. Ein einwöchiges Schnupperstudium „JUWEL – JUng WEiblich Lust auf Technik“ an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg gab schließlich die Richtung vor. Für ihre Masterarbeit ging Obst für ein Jahr nach Aus­tralien, wo sie im Bereich der Krebsforschung arbeitete.

Die Frage, die sie sich nach der Rückkehr stellte: Promovieren oder gleich arbeiten? Die Teilnahme an einem Wissenschaftscampus des Fraunhofer Instituts, der Studentinnen und Berufseinsteigerinnen aus Technik und Naturwissenschaften unterstützt, half ihr bei der Entscheidung: „Ich möchte forschen und entwickeln“, sagt Katja Obst. „Und zwar anwendungsorientiert und nicht ausschließlich in der Grundlagenforschung.“

Wie dringt ein Protein in die Haut ein? Welche Rolle spielen Nanopartikel für den menschlichen Organismus? Solchen Fragen geht Katja in ihrem Promotionsprojekt nach. „Es ist mir wichtig, mit meinem Wissen etwas zu verbessern, wie zum Beispiel Hautkrankheiten heilen zu helfen“, sagt sie.

Titel hilft beim Einstieg in die Beratungsbranche

Vor allem in den Naturwissenschaften sind Promotionen hilfreich für den späteren Erwerbsweg. „In der Medizin und der Pharmakologie ist die Doktorarbeit auf jeden Fall ein Muss, ebenso in der Biologie und der Chemie“, sagt Dr. Monika Klinkhammer. Die Berliner Supervisorin und Pädagogin coacht seit 1997 Doktoranden und junge Wissenschaftler. Auch wer, wie sie selbst, später in der Beratungsbranche arbeiten möchte – ob in Politik, Wirtschaft oder als Psychologe – hat es einfacher, wenn vor seinem Namen ein Doktortitel steht.

Doch ein Selbstgänger ist die Promotion nicht. Zwar haben die jungen Wissenschaftler zunächst das Privileg, sich über Jahre mit ihrem Thema zu beschäftigen. Sie sammeln Material, arbeiten Literatur durch, erstellen Pläne. Aber irgendwann kommt doch der große Hänger. „Es gibt keine Promotion ohne Krisen“, sagt Monika Klinkhammer. So hätten viele mit dem Mythos zu kämpfen, sie müssten nach drei Jahren mit ihrer Dissertation fertig sein. „Die Finanzierung ist oft nur auf drei Jahre angelegt, aber die Arbeit dauert viel länger.“

Katja Obst ist hingegen in der komfortablen Situation, dass ihre Promotion wirklich nach drei Jahren abgeschlossen sein wird. Sechs Monate wird sie noch brauchen. Ihr Thema findet Obst nach wie vor interessant, eine Arbeitsgruppe bietet reichlich Austausch, die Betreuung ist gut. Viele Promovierende geraten in eine Krise, weil ihre Dissertation aus dem Ruder läuft: Sie gewinnt immer mehr an Umfang, während die Zeit ihnen davonrennt.

„Das kann mir so nicht passieren“, sagt Katja Obst. „Das Promotionsprogramm ist nach internationalem Standard auf drei Jahre ausgerichtet. Wenn die hauptsächlichen Untersuchungen abgeschlossen sind, kommt auch die Arbeit zu einem Ende.“ Durststrecken kennt die Naturwissenschaftlerin natürlich auch. „Nicht immer ist alles gleich spannend, und man muss natürlich auch experimentell oder methodisch viel wiederholen.“

Politik und Kultur in der Promotion verbinden

Auf ganz anderem Terrain bewegt sich der Nordamerikanist Tobias Jochum. Er arbeitete zunächst eine ganze Weile als Englischlehrer in Spanien, bis er sich fragte: Was liegt mir eigentlich sonst noch? „Amerikanistik verbindet Sozialwissenschaften mit Politik und Kultur“, sagt Jochum. Er interessierte sich vor allem für US-amerikanische Kultur, Literatur und Geschichte. So kam er auf sein Promotionsthema, „Gewalt gegenüber Frauen in der Literatur an der US-mexikanischen Grenze“.

Lückenhafte Finanzierung, Promotionsprojekte, die ausufern, Betreuer, die vor Abschluss der Dissertation in Rente gehen – vor allem für Geisteswissenschaftler, deren Ausbildung selten zu einem bestimmten Berufsbild führt, kann die Doktorarbeit zu einem Desaster werden. All das hat Tobias Jochum nicht abschrecken können.

Dennoch: „Ich bin nicht der Typ, der frei und ohne Struktur an einem so großen Thema arbeiten kann“, sagt er von sich selbst. Also hatte er sich um ein Promotionsstipendium einer Exzellenzinitiative beworben. Die Graduiertenschule für Nordamerikastudien an der Freien Universität Berlin schreibt jedes Jahr zehn Stipendien aus. Dort wollte er hin.

„Einen Plan B hatte ich nicht“, sagt der 33-Jährige heute. „Ich wusste nur, dass ich das gerne machen möchte. Und ohne dieses Programm hätte ich mich vielleicht nicht zur Promotion entschlossen.“ Für die Bewerbung war es wichtig, ein komplettes Projekt mit Struktur, Methodik und Zeitplan zu haben. „Man bewirbt sich mit seinem Projekt. Das ist wichtiger als ein lückenloser Lebenslauf oder gute Noten“, sagt der Doktorand. „Auch wenn sich im Laufe der Zeit noch einiges geändert hat, war die Bewerbung ein ziemlich weit durchdachtes Konzept.“

Graduiertenschulen wollen Teilerfolge sehen

Das Programm bietet einen festen Rahmen, wichtige Fristen für Zwischenergebnisse und einen konkreten Arbeitsplan. Wenn alles gut läuft, steht die Promotion auch hier nach nur drei Jahren. Doch das Stipendium wird nicht gleich für den gesamten Zeitraum bewilligt. Jedes Jahr müssen wichtige Kapitel der Doktorarbeit eingereicht werden – als Voraussetzung, dass sich das Stipendium um ein weiteres Jahr verlängert.

„Das hält mich bei der Stange“, sagt Tobias Jochum. Wie auch das gemeinschaftliche Arbeiten. Drei Betreuer kümmern sich um den Fortgang des Projekts, zwei sitzen in Berlin, einer in den USA. Graduiertenprogramme, die den Promovierenden bis zum Doktortitel betreuen, gelten als ideal.

Die Absolventenstudie der Studienstiftung des deutschen Volkes aus dem Mai dieses Jahres hat ergeben, dass Doktoranden aus Forschungsprojekten gegenüber der Individualpromotion nach ihrer Doktorarbeit häufiger in der Wissenschaft bleiben, nämlich 74 Prozent gegenüber 59 Prozent. Langfristig dreht sich laut Studie das Verhältnis jedoch um. Entscheidend ist dann die Tatsache, ob sie sich ihr Thema selbst ausgesucht hatten. „Viele entscheiden sich für eine Doktorarbeit, weil es gerade keine geeignete Stelle gab“, sagt Monika Klinkhammer. Oder sie schlittern auf anderen Wegen in ihr Thema hinein.

Die Beraterin empfiehlt eine Karriereplanung von Anfang an: „Welche Relevanz hat das Thema für meine Profilierung und meinen Karriereweg? Wie kann mich mein Betreuer auch im Hinblick darauf unterstützen? Möchte ich überhaupt in der Wissenschaft bleiben?“ Denn Chancen böten sich auch im Dienstleistungssektor, in Wirtschaft, Industrie oder als Selbstständiger.

Man ist nie fertig, es geht immer noch besser

Außer eventuell fehlender Selbstbestimmtheit sieht Beraterin Klinkhammer weitere Hindernisse für den erfolgreichen Abschluss. Dank Digitalisierung und Internet wird es immer schwieriger, mit der Flut von Publikationen und Forschungsergebnissen umzugehen. „Dadurch steigt auch der Anspruch an die Doktorarbeit. Das führt zu einer ungesunden Arbeitswut. Man ist schließlich nie fertig, es geht immer noch besser.“

Oder man verfällt der Aufschieberitis. „Welche Krise einen auch befällt – am Ende stehen oft Selbstzweifel“, sagt Klinkhammer. Es fehlt ein aufmunterndes Feedback oder kon­­struktive Kritik. Eine stärkere Bindung zum Doktorvater oder, wenn dies nicht möglich ist, der Austausch mit Kommilitonen in Arbeitsgruppen könne dabei helfen, die Selbstzweifel zu überwinden, sagt Monika Klinkhammer.

„Promovierende müssen, um ihre Arbeit fertig zu bekommen, viel leisten – nicht nur im Hinblick auf die Wissenschaft selbst. Sie müssen sich organisieren können und ein gutes Zeitmanagement haben. Im Grunde sind sie ja Projektmanager ihres eigenen Forschungsprojekts.“

Und was kommt danach? Eine wissenschaftliche Laufbahn an der Uni bedeutet viel Druck. „Es wird eng im Flaschenhals, nur die Besten kommen weiter“, sagt Klinkhammer. „Publish or perish – veröffentliche oder geh’ zugrunde“, heißt es. „Ich würde gerne eine akademische Karriere machen“, sagt Tobias Jochum. „Wenn mir allerdings ein Angebot in der Kulturarbeit in einer interkulturellen Institution oder bei einer NGO, einer Nicht-Regierungsorganisation, über den Weg läuft, dann bin ich durchaus offen.“ Und wo sieht sich Katja Obst? „Ich möchte in der Industrie arbeiten, im pharmazeutischen Bereich und gerne auch weiter im Labor tätig sein.“