Interview

Sozialkompetenz steht in Ausbildungsbetrieben hoch im Kurs

Viele Firmen können ihre Lehrstellen nicht besetzen. Esther Hartwich vom DIHK erklärt, was Schulabgänger bei der Suche beachten müssen.

Foto: imago stock&people / imago/Rainer Unkel

Berlin.  Laut Arbeitsagentur blieb 2015 bundesweit die Rekordzahl von 41.000 Ausbildungsplätzen unbesetzt. Auch für den Ausbildungsstart 2016 sind in Berlin noch viele Stellen frei. Ausbildungsexpertin Esther Hartwich vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) erklärt, worauf Schulabgänger achten sollten.

Bundesweit können 31 Prozent der Betriebe laut aktueller DIHK-Umfrage nicht alle Lehrstellen besetzen. Gilt das auch in Berlin?

Esther Hartwich: Ja, in Berlin haben sogar 37 Prozent der Betriebe angegeben, dass sie nicht alle Plätze besetzen konnten.

Ist jungen Berlinern die Lehrstelle nach der Schule also sicher?

Die Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind deutlich gestiegen. Aber in Sicherheit wiegen kann man sich allein wegen der vielen unbesetzten Lehrstellen nicht. Ob es klappt mit einer Lehrstelle, hängt davon ab, ob die Kompetenzen zu dem gewünschten Ausbildungsberuf passen. Und der Berufswunsch spielt natürlich auch eine Rolle.

Sehr groß ist die Nachfrage für Medienberufe wie zum Beispiel den Mediengestalter, aber auch für den Kfz-Mechatroniker oder für den Chemielaboranten. Hier muss man sich auf große Konkurrenz einstellen. Bewerber gesucht werden dagegen besonders im Handel und in der Gastronomie, aber auch in vielen technischen Berufen in der Industrie.

Mehr als jeder dritte Berliner Azubi bewirbt sich mittlerweile mit Abi oder Fachhochschulreife. Welche Chancen haben Realschüler?

Mit einem guten Realschulabschluss hat man gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Ausbildung. Die berufliche Bildung bietet zudem viele Entwicklungsmöglichkeiten, für die man kein Abitur benötigt und auch gute Einkommensperspektiven.

Und wenn man nicht so tolle Noten hat …?

Drei Viertel aller Ausbildungsbetriebe geben grundsätzlich auch lernschwächeren Jugendlichen Ausbildungschancen. Natürlich sollte man wichtige Grundkompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen beherrschen. Aber wichtig sind vor allem auch die Softskills. Leistungsbereitschaft, Interesse, Belastbarkeit, Durchhaltevermögen und Selbstdisziplin stehen bei Ausbildern hoch im Kurs. Bringt man die mit, ist das eine gute Empfehlung, auch wenn die Schulnoten nicht so überragend sind.

Warum sollten auch Schulabgänger mit Abitur über eine Ausbildung nachdenken?

Die hohen Studienabbruchquoten belegen, dass ein Studium offenbar nicht für jeden Abiturienten die richtige Wahl ist. Jeder sollte für sich ganz genau prüfen, wo seine Stärken und Schwächen liegen. Für leistungsstarke Schulabgänger bietet eine duale Ausbildung viele Optionen: Sie können zum Beispiel Zusatzqualifikationen erwerben, etwa Computerkenntnisse oder Fremdsprachen.

Wenn man sich weiterqualifiziert, zum Beispiel zum Meister oder Fachwirt, sind auch die Verdienstmöglichkeiten später in vielen Fällen gleichwertig oder sogar besser. Laut einer aktuellen Studie, die der DIHK in Auftrag gegeben hat, verdienen 28 Prozent der Fortbildungsabsolventen mehr als ein durchschnittlicher Akademiker. Im Schnitt liegen die Jahresgehälter bei 60.000 Euro.

Und woran erkennt man einen guten Ausbildungsbetrieb?

Fakt ist, die Ausbildungsunternehmen tun viel, um Jugendliche für eine berufliche Ausbildung zu gewinnen. Auch Goodies wie die Mitgliedschaft im Fitnessclub oder ein schickes Smartphone gehören mitunter dazu. Ein guter Ausbildungsbetrieb empfiehlt sich aber vor allem durch eine gute, qualifizierte Ausbildung. Er eröffnet Entwicklungsperspektiven, fördert den Austausch mit den Kollegen und anderen Auszubildenden. Fragen Sie nach Zusatzqualifikationen oder nach Auslandsaufenthalten. Materielle Dinge können bestenfalls einen zusätzlichen Anreiz bieten, sollten aber nicht den Ausschlag geben.