Ausbildung

Sie wollen lieber etwas Praktisches lernen als studieren

Vier Berliner erzählen, warum sie sich trotz Hochschulreife gegen die Universität und für die Lehre in einem Betrieb entschieden haben.

Abiturientin Alexandra Treude wird Kfz-Mechatronikerin bei BMW. Sie lernt im Motorradwerk des Unternehmens in Spandau

Abiturientin Alexandra Treude wird Kfz-Mechatronikerin bei BMW. Sie lernt im Motorradwerk des Unternehmens in Spandau

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Alexandra Treudes Berufswahl ist ein Klassiker – für 16-jährige Jungs. Die 21-jährige Abiturientin macht bei BMW in Berlin eine Ausbildung zur Kfz-Mechatronikerin. Die Lehre für PS-Experten, 2003 hervorgegangen aus den Berufen Kfz-Mechaniker und Kfz-Elektriker, ist noch immer eine Männerdomäne: Von 20.000 Schulabgängern, die sich bundesweit jedes Jahr für diese Ausbildung entscheiden, sind nicht einmal vier Prozent Mädchen. Nur rund jeder zehnte Bewerber hat Abitur oder Fachhochschulreife, der Rest startet mit einem Real- oder Hauptschulabschluss ins Berufsleben.

Für eine Frau mit Studienberechtigung hat Treude also alles andere als den typischen Weg eingeschlagen. Für ihren Traumjob ist sie von Hessen in die Hauptstadt gezogen. Denn ihr Herz schlägt für Motorräder. Im BMW-Motorradwerk in Spandau kann sie ihre Ausbildung statt auf Pkw oder Nutzfahrzeuge ganz auf den Schwerpunkt Motorradtechnik ausrichten.

„In der Berufsschule steht in den ersten beiden Jahren zwar schon das Auto im Mittelpunkt, aber in der Praxis dreht sich hier vom ersten Tag an alles um Motorräder“, erzählt sie. Auch das Zukunftsthema Elektromobilität steht dabei auf dem Stundenplan.

Frau im Männerberuf – noch immer wundern sich einige

Eine berufliche Ausbildung trotz Abitur und dann auch noch in einem „Männerberuf“ – klar, dass es immer mal wieder erstaunte Blicke und Fragen gibt. Doch Alexandra Treude lässt sich davon nicht beirren: „Ich bin ein unabhängiger Mensch und kann für mich allein entscheiden“, sagt sie.

Eine gute Einstellung, findet Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln. Gerade für junge Frauen könne sich ein gesundes Selbstbewusstsein bei der Berufswahl durchaus auszahlen. Bundesweiten Aufklärungskampagnen wie „Girls’ Day“ und „Komm, mach MINT“ zum Trotz sind Mädchen in technischen und handwerklichen Berufen nämlich nach wie vor unterrepräsentiert.

Dabei sind diese Jobs oft besser bezahlt. Auswertungen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) belegen: In Berufen, in denen fast ausschließlich Männer ausgebildet werden, gibt es teilweise sehr hohe Ausbildungsvergütungen. Umgekehrt werden Berufe, in denen weit überwiegend Frauen vertreten sind, oft schlecht vergütet.

So verdienen etwa angehende Mechatroniker oder Industriemechaniker im Schnitt fast 1000 Euro im Monat, Maurer sogar mehr als das. Friseure müssen dagegen selbst in tarifgebundenen Ausbildungsbetrieben mit knapp 500 Euro auskommen, medizinische Fachangestellte und Kaufleute für Büromanagement können mit 720 bis 740 Euro rechnen.

Eigene Vorlieben und Verdienstmöglichkeiten

„Dass Männer und Frauen unterschiedliche Ausbildungsgänge bevorzugen, kann durchaus ein Grund für die viel diskutierte Lohnlücke zwischen den Geschlechtern sein“, sagt Berufsforscher Schäfer. Er rät: „Jugendliche sollten sich vor dem Start ins Berufsleben über ihre Interessen, aber auch über die Verdienstaussichten im angepeilten Metier klar werden.“

Wer wie Alexandra Treude Spaß an Mathe und Motorrädern hat, sollte sich von einem Beruf im Blaumann nicht abschrecken lassen, auch wenn die Freundinnen dafür wenig Verständnis zeigen. Denn der finanzielle Vorsprung, den bestimmte Ausbildungswege gegenüber anderen bieten, zieht sich meist durch das ganze Berufsleben. Für Alexandra Treude stehen die Chancen auf ein attraktives Gehalt jedenfalls sehr gut.

„Grundsätzlich wird bei uns jeder Azubi übernommen, sofern die Prüfung erfolgreich abgeschlossen wurde und keine persönlichen Gründe ausnahmsweise gegen eine Übernahme sprechen“, sagt Harald Tragmann. Er ist Teamleiter Berufsbildung bei BMW. Jedes Jahr bildet das Unternehmen an seinem Berliner Standort 25 junge Leute aus: außer Kfz-Mechatronikern auch Industriemechaniker, Elektroniker und Verfahrenstechniker für Beschichtungstechnik.

Je nach Aufgaben, Einsatzort und Arbeitszeitmodell (Schichtdienst) liegt das Einstiegsgehalt nach der Ausbildung zwischen 2650 und 3000 Euro pro Monat, dazu kommen noch jährliche Sonderzahlungen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld.

Finanziell Schritt halten mit Hochschulabsolventen

Bereits mit Abschluss ihrer auf 3,5 Jahre ausgelegten Berufsausbildung kann Alexandra Treude vom Verdienst her also mit vielen Hochschulabsolventen Schritt halten. Je nach Branche steigen Bachelor bei 32.000 bis 49.000 Euro ein. Mit dem Unterschied, dass Alexandra Treude als Azubi bei einem großen Industrieunternehmen schon während der Ausbildung genug verdient, um sich allein eine eigene Wohnung und ein Motorrad zu leisten. Für sie steht fest, dass sie sich später auf jeden Fall noch weiterbilden will. „BMW bietet dabei sehr gute Unterstützung“, sagt sie.

Wer sich wie Alexandra Treude nach der Schule für eine Berufsausbildung entscheidet, hat später verschiedene Optionen: Als Alternative zum klassischen Präsenzstudium bietet sich etwa ein berufsbegleitendes Weiterbildungsstudium an.

Das kostet zwar Geld, doch dafür brauchen Studierende ihren Job und ihr Gehalt nicht aufzugeben. Viele Hochschulen akzeptieren einen passenden Berufsabschluss plus Berufspraxis als Zulassung für ein Masterstudium. Doch auch ohne Studium bestehen gute Karriereperspektiven.

Später seltener arbeitslos als Akademiker

Wer nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung eine Fortbildung zum Meister, Techniker oder Fachwirt macht, profitiert in vielfacher Hinsicht: Sogenannte Fortbildungsabsolventen sind noch seltener arbeitslos als Akademiker, verdienen ähnlich gut wie viele Hochschulabsolventen und sind am Arbeitsmarkt sehr gefragt, belegt eine aktuelle Studie des IW Köln.

Ohnehin ist der Weg aus dem Klassenzimmer direkt in den Hörsaal nicht immer ein Garant für beruflichen Erfolg: „Ein technisches Studium hätte ich bestimmt nicht durchgestanden, an der Uni ist alles so theoretisch und unpersönlich“, sagt Yannick Sommer. Nach dem Abi hat der 20-jährige Berliner an der Technischen Universität (TU) das einjährige Orientierungsstudium MINT­grün (www.mintgruen.tu-berlin.de) absolviert – und sich dort fehl am Platz gefühlt.

Anstelle eines Bachelors in Informatik macht er seit September 2015 deshalb eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration beim IT-Dienstleister CCVOSSEL. Die Firma mit 30 Mitarbeitern betreut viele große Kunden, darunter Siemens, Daimler, Sony und Vattenfall.

Disziplinierter und erwachsener geworden

Vor allem der Kundenkontakt gefällt Sommer: „Jedes Unternehmen hat eine andere IT-In­frastruktur, und es macht mir viel Spaß, gemeinsam mit dem Kunden Schritt für Schritt die passende Lösung zu erarbeiten“, sagt er. Auch der Praxisbezug und die familiäre Atmosphäre tun ihm gut: „Ich arbeite sehr gern für meinen Betrieb. Durch den Job bin ich heute viel disziplinierter und erwachsener als nach der Schule“, sagt er.

Ähnlich sieht das sein Kollege Vincent Petritz, der in wenigen Wochen seine Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung abschließen wird. „Ich hatte auch eine Zusage von einem großen Telekommunikationsunternehmen, aber ich wollte lieber in ein kleines, familiäres Team, wo es nicht so steif zugeht“, sagt der 18-jährige Realschulabsolvent. Nach seinem Abschluss wird er seinem Ausbildungsbetrieb treu bleiben, auch wenn er noch mehr lernen möchte: Im Juli wird er eine berufsbegleitende Weiterbildung zum Suchmaschinenoptimierer an der Berliner afs-Akademie anfangen.

Selbst Auslandserfahrung lässt sich nicht nur an der Hochschule, sondern auch während einer Berufsausbildung oder einer beruflichen Weiterbildung sammeln. Bei Bianca Bastian aus Kleinmachnow waren neun Monate Afrika sogar fester Bestandteil ihrer Ausbildung. Beim Auswärtigen Amt hat sie im April den zweijährigen Vorbereitungsdienst für den mittleren Auswärtigen Dienst abgeschlossen. Zur Ausbildung gehört ein Auslandeinsatz, den die 30-jährige Berlinerin an der Deutschen Botschaft in Namibia absolviert hat.

„Ich war vorher noch nie längere Zeit im Ausland“, sagt sie, „das war eine tolle Zeit für mich.“ Derzeit ist sie im Büro des Bundesministers eingesetzt und verwaltet die Post an Frank-Walter Steinmeier. Spätestens in zwei Jahren, wenn ihr Freund seine Ausbildung zum Veranstaltungstechniker abgeschlossen hat, wird sie ihren nächsten Auslandsposten antreten. Ihr Traumziel: Japan oder die USA. „Ich hoffe, er kommt mit“, sagt sie. „Wenn es sein muss, reicht mein Gehalt für uns beide.“