Junge Profis

„Die Lernwerkstatt“ will Kinder fit fürs Leben machen

André Brötz ist Ingenieur für Maschinenbau. Aber er engagiert sich lieber – für seinen Verein „Die Lernwerkstatt“ in Alt-Treptow.

André Brötz in seiner Lernwerkstatt in Alt-Treptow: Dahinter steht ein Verein, in dem sich viele ehrenamtlich engagieren

André Brötz in seiner Lernwerkstatt in Alt-Treptow: Dahinter steht ein Verein, in dem sich viele ehrenamtlich engagieren

Foto: Sven Lambert

Berlin.  André Brötz ist ein Traumkandidat für jede Unternehmensberatung. Der 26-Jährige ist zweisprachig aufgewachsen, spricht Deutsch und Englisch perfekt. Er hat mit seiner Familie in Texas, Moskau und Abu Dhabi gelebt, später in Istanbul und Kuala Lumpur bei Sprachinstituten gearbeitet.

Erst zum Studieren kam er zurück nach Deutschland und absolvierte ein Ingenieurprogramm in Karlsruhe. Brötz kann gut mit Menschen umgehen, hat viele Kulturen kennengelernt – und steht dazu noch kurz vor seinem Masterabschluss in Maschinenbau, den er in diesem Sommer an der Technischen Universität Berlin machen wird.

„Das Ausland hat mich als Mensch total geformt“, sagt er. „Auch wenn mir die Umzüge als Kind nicht leicht gefallen sind, heute profitiere ich enorm von den internationalen Erfahrungen.“ Er habe immer versucht, sich in jedem Land zu integrieren, erzählt André Brötz. „Darum bin ich auch gerade nicht in die deutschen Cliquen gegangen, wie es sie zum Beispiel in Abu Dhabi gibt.“

Hoffen auf eine bezahlte Teilzeitstelle im Verein

Dass viele Arbeitgeber ihn gern in ihrem Team hätten und sicher auch ein ordentliches Gehalt dafür zahlen würden, weiß der gebürtige Hannoveraner. Aber er engagiert sich lieber sozial – und jobbt nebenbei, solange der dahinterstehende Verein noch nicht genug abwirft, um ihm zumindest eine Teilzeitstelle zu finanzieren. „Zurzeit ist das noch pures Ehrenamt“, sagt der 26-Jährige.

Das soziale Projekt heißt „Die Lernwerkstatt – Lernen & lernen lassen“. André Brötz hat es vor anderthalb Jahren zusammen mit Bianca Geburek, Politik- und Philologie-Studentin, gegründet. Sie unterrichtet schon seit fünf Jahren Deutsch als Fremdsprache. Auch André Brötz ist seit Jahren in der Vermittlung von Wissen aktiv.

Nachdem er erste Lehrerfahrungen im Ausland gesammelt hat – in Kuala Lumpur brachte er beispielsweise koreanischen Auswanderern Englisch bei –, arbeitet er schon seit Beginn seines Studiums in Deutschland als Nachhilfelehrer. Und das nicht nur im Bereich Sprachen: André Brötz hilft auch Schülern, die in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern ihre Probleme haben.

Nur für die nächste Prüfung zu lernen ist nicht genug

Warum er sich so für das Thema Lernen begeistern kann? Es hat mit seinem eigenen Studium zu tun. „Ich wurde sehr gut darin, kurzfristig für die Prüfungen zu lernen“, erzählt André Brötz. „So funktioniert Uni“, sagt er. „Es geht nicht um nachhaltiges Wissen.“ Das begann ihm mehr und mehr zu missfallen. Parallel stellte er bei seinen Nachhilfeschülern fest, dass es ihnen an der Fähigkeit mangelte, selbstständig zu denken.

„Es fehlt das, was man emotionale Intelligenz nennt, alles, was man später im Leben braucht.“ Stattdessen sei das Lernen oft von Angst geprägt, ist seine Erfahrung. „Ein Beispiel: Ich sollte einem Schüler Nachhilfe in Mathe geben“, erzählt Brötz. „Und habe dabei gemerkt, dass er Mathe eigentlich beherrscht – aber dennoch Fünfen schreibt, weil er aufgrund von emotionalen Problemen in der Schule nicht richtig lernen konnte.“ Das Thema habe ihn nicht mehr losgelassen, sagt der 26-Jährige.

Der Maschinenbau als berufliche Option war da bei ihm schon weit in den Hintergrund gerückt. Natürlich wird André Brötz sein Masterstudium dieses Jahr abschließen, allein aus Vernunftsgründen. Doch schon vor einigen Jahren, als er begann, sein Wissen weiterzugeben, und sich der Frage stellte „Was will ich eigentlich machen?“, entwickelte sich bei ihm das Gefühl: „Vielleicht bis du von Natur aus ein Lehrer.“

Mehrere Ehrenamtler helfen in der Lernwerkstatt mit

Eine etwas andere Art von Lehrer: „Die Lernwerkstatt gibt es, weil ich keine Einrichtung gefunden habe, deren Konzept mir gefällt und für die ich hätte arbeiten wollen“, sagt Brötz. Dementsprechend gibt es in der Lernwerkstatt in Alt-Treptow, in der außer Brötz und Kollegin Bianca Geburek noch mehrere Ehrenamtler mitarbeiten, auch keine klassische Nachhilfe.

„Wir lernen hier selbstbestimmt, gemeinschaftlich und kreativ“, nennt André Brötz die Maxime der Lernwerkstatt. Dazu werden Gruppen für Kinder und Erwachsene angeboten, auf unterschiedlichem Niveau und zu jedem Thema, für das sich Anbieter und Teilnehmer interessieren. Sprachkurse werden veranstaltet, Konversationsrunden, thematisch offene Gruppen, aber auch Kochabende. Eine Nähgruppe und ein Lehrer-Stammtisch haben sich zusammengefunden, einen Programmierkursus gibt es auch.

Für die Schüler in der Umgebung ist vor allem die Lernbegleitung wichtig. „Das ist unsere Antwort auf Nachhilfe“, sagt Initiator André Brötz. Dabei berichtet er den Teilnehmern, beispielsweise in der Lernbegleitung Physik, auch von seinem Maschinenbau-Studium und den beruflichen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Jeder darf alles sagen und auch einmal blöd finden, was der Lernbegleiter erzählt. „Die Schüler merken, das hier ist anders als Schule.“

Das Angebot heißt Begleitung statt Nachhilfe

Brötz möchte, dass sie Fähigkeiten ausbilden, „die wichtig sind, wenn man sich auf neue Dinge, zum Beispiel neue Jobs, einstellen muss“, erklärt er. Wir könnten heute noch überhaupt nicht wissen, wie die Berufswelt in zehn bis 15 Jahren aussehen werde, welche Fähigkeiten gefragt sein könnten, glaubt er. Dann sollen seine ehemaligen Schüler in der Lage sein, offen und flexibel auf Veränderungen reagieren zu können.

Gerade finanziell sind für die Lernwerkstatt noch einige Hürden zu nehmen. „Aber ich möchte diese Arbeit weiterführen“, sagt André Brötz. „Und so langsam kommen wir auch an den Punkt, wo wir uns etablieren.“