Master

Studenten erforschen, wie unsere Denkprozesse funktionieren

Die Berlin School of Mind and Brain bietet ein einzigartiges Masterprogramm. Forscher machen dabei auch Unsichtbares verständlich.

Neurowissenschaftler Richard Schweitzer macht seinen Doktor an der Berlin School of Mind and Brain. Unter anderem forscht er mithilfe eines Eye-Trackers.

Neurowissenschaftler Richard Schweitzer macht seinen Doktor an der Berlin School of Mind and Brain. Unter anderem forscht er mithilfe eines Eye-Trackers.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Draußen strahlt die Sonne auf den Campus Nord der Humboldt-Universität, aber um seine Forschung erklären zu können, muss Richard Schweitzer erst einmal den Frühsommer mit dunklen Fensterrollos aussperren. Auf den ersten Blick sind auf der Leinwand nur zwei Punkte zu sehen, erst durch die Augenbewegung von einem zum anderen zeigen sich wellenartige, horizontale Linien zwischen beiden.

Streng genommen waren die Linien auch vorher schon da – nur aufgrund ihrer eigenen schnellen Bewegung nicht bewusst wahrnehmbar. Schwenkt man seinen Blick jedoch von einem Punkt zum anderen, werden sie erkennbar. „Intrasakkadische Wahrnehmung“ nennt Richard Schweitzer das. Der Doktorand der Berlin School of Mind and Brain untersucht dieses Phänomen.

Die an der Humboldt Universität angesiedelte Graduiertenschule wurde im Jahr 2006 im Zuge der ersten Exzellenzinitiative gegründet und vernetzt universitäre, klinische und außeruniversitäre Geist- und Hirnforschung. In dieser Form ist das Institut deutschlandweit einmalig.

280 Bewerber für 25 Plätze im Masterprogramm

Seit 2013 bietet die School of Mind and Brain zudem einen interdisziplinären, englischsprachigen Master an, der jedes Jahr beliebter wird. So bewarben sich 2015 etwa 280 Studenten auf die 25 Plätze des Programms. Der Master ist offen für Biologen, Neurowissenschaftler, Psychologen, Linguisten und Philosophen, und aus all diesen Disziplinen speist sich auch der Lehrplan.

Richard Schweitzer ist der erste Absolvent des Masterprogramms. Der Berliner hatte zuvor Psychologie in Potsdam studiert und dabei schnell gemerkt, dass er das Fach allein als „unvollständig“ empfand. „Mentale Prozesse lassen sich nur dann richtig verstehen, wenn man die Vorgänge im Gehirn verstehen lernt.“

Im Mind-and-Brain-Programm fand Richard Schweitzer genau die Vielschichtigkeit, die er zuvor vermisst hatte. „Zum Master gehören nicht nur Kurse in Mikrobiologie oder Neurowissenschaft, sondern auch Philosophie und Diskussionen über ethische Fragen.“ Weil das Programm zudem sehr klein sei, habe man es nicht mit typischen Uni-Problemen wie übervollen Seminaren zu tun, sagt Schweitzer. Stattdessen werden neben dem regulären Kursangebot führende Forscher zu abendlichen kleinen Runden eingeladen. „Die Qualität des Studiums ist sehr hoch“, findet Richard Schweitzer.

Auch Philosophen müssen Neuroanatomie belegen

Die Anforderungen sind es mitunter auch, nicht nur, wenn es darum geht, überhaupt einen Platz zu bekommen. Kurse wie Neuroanatomie seien für ihn als Philosophen eine Herausforderung, räumt zum Beispiel Luke Pendergrass ein. „Aber genau deswegen bin ich ja nach Berlin gekommen.“

Der 24-Jährige aus Seattle arbeitete nach seinem Bachelorabschluss zunächst einige Jahre in verschiedenen Jobs, bis er merkte, dass es ihn in die Philosophie zurückzog. „Nur hatte es für mich nie richtig Sinn gemacht, 80.000 Dollar oder mehr in die Ausbildung an einer Graduate School zu investieren, insbesondere wenn die Joblage unsicher ist.“ Dann las er zufällig einen Artikel über das gebührenfreie Studium in Deutschland. Erst war es nur eine fixe Idee, aber beim Recherchieren merkte er, wie spannend er die deutschen Masterprogramme und Universitäten fand.

Im Oktober 2015 zog er nach Berlin. Die Entscheidung bereut er nicht, auch wenn er manchmal das Gefühl vermisst, von der Universität „an die Hand genommen zu werden“, wie es in den USA üblich sei. „Dafür habe ich hier sehr viel mehr Freiheiten, meinen akademischen Interessen nachzugehen.“ An der School of Mind and Brain fühle er sich als Philosoph ernst genommen und bei seinem Forschungsthema, der Wahrnehmung von Kunst, voll unterstützt, „obwohl es kein besonders verbreitetes Feld ist“.

Die Hälfte der Studenten stammt aus dem Ausland

Mehr als die Hälfte seiner Kommilitonen kommt ebenfalls aus dem Ausland, aus allen Teilen der Welt. Er sei noch nie Teil einer so diversen Gruppe gewesen, sagt Luke Pendergrass. Die Unterrichtssprache ist Englisch, auf anderer Ebene müssen die Studenten in den Kursen aber erst zu einer gemeinsamen Sprache finden: Ein Philosoph geht anders an Fragen heran als ein Biologe. So herausfordernd es sei, sich in fremde Fachgebiete einzuarbeiten: Luke Pendergrass findet es großartig, jetzt in der Lage zu sein, Forschungsarbeiten richtig zu lesen und zu verstehen.

Dass auch Philosophen empirisch arbeiten lernen, sei eine zentrale Idee des Masterprogramms, erklärt Isabel Dziobek, Professorin für „Social Cognition“ an der Berlin School of Mind and Brain: „Auch jemand, der genau weiß, dass er später nur theoretisch arbeiten möchte, soll bei uns einmal selbst geforscht haben“, sagt sie. „Denn man kann besser einordnen und kritisieren, wenn man weiß, wie Empirik funktioniert, wie etwa Teil-Entscheidungen ein Ergebnis bestimmen.“

In ihren Kursen zur Sozialen Kognition – einem Teilbereich der Psychologie, der sich auf die mentalen und emotionalen Prozesse bezieht, die bei sozialer Interaktion und Kommunikation stattfinden – lernen ihre Studenten anhand eines eigenen Projekts kennen, wie Forschung funktioniert.

Viele sind Experten in ihrer jeweiligen Nische

Die Aufgabenstellung ist dabei für alle gleich, für die Neurowissenschaftlerin ebenso wie für den Linguisten, aber der Schwierigkeitsgrad hängt vom jeweiligen Vorwissen ab. „Man muss sich wirklich darauf einlassen können, dass in den Kursen immer zur Hälfte gewissermaßen Profis sitzen“, sagt Isabel Dziobek. Das erfordere ein hohes Maß an Selbstsicherheit und Mut. „Ganz ehrlich: Mich hätte das als Studentin verunsichert“, gibt sie zu.

Auch Kerstin Wolf, eine Studentin der ersten Mastergeneration, musste sich an die unterschiedlichen Hintergründe und Herangehensweisen ihrer Kommilitonen erst gewöhnen – und auch an das Gefühl, sich nicht in allen Gebieten gleich gut auszukennen.

„Man wird natürlich im Laufe des Studiums kein Allrounder, aber dafür bekommt man von allem etwas mit: von der Philosophie ebenso wie von der Neurowissenschaft und der Linguistik.“ Eben dieser interdisziplinäre Ansatz des Masters lockte die 24-Jährige nach ihrem Psychologie-Bachelor in München nach Berlin.

Masterarbeit über das Erkennen von Objekten

Aktuell schreibt sie an ihrer Masterarbeit zur „Bewegung von lebendigen Objekten“. „Ich gehe der Frage nach, woher wir wissen, dass am Himmel ein Vogel ist und nicht etwa ein Blatt“, sagt Wolf. „Möglicherweise erkennt unser visuelles System direkt, ob eine Bewegung von einem Lebewesen oder von einem unbelebten Gegenstand stammt. Das hieße dann, dass ‚Belebtheit‘ eine eigene Wahrnehmungskategorie darstellt, so wie etwa Farbe, Form und Bewegungsrichtung.“

Im Herbst wird sie sich erst einmal mit deutlich einfacheren Fragen beschäftigen: Ihr Pflichtpraktikum wird Kerstin Wolf beim Marktforschungsinstitut TNS Infratest absolvieren. „Für mich stand schon früh fest, dass ich nach meinem Studium außerhalb der Forschung arbeiten will.“

Deswegen wählte sie den Studienschwerpunkt „Academic Management“, der auf Tätigkeiten hinter den Kulissen von Wissenschaft und Forschung vorbereitet, wie etwa in der Koordination von Studienangeboten, im Marketing oder in der Kontaktpflege zu möglichen Geldgebern. Karriereoptionen bieten sich für die Mind-and-Brain-Absolventen aber auch in der Wirtschaft, schließlich unterhalten immer mehr Unternehmen eigene Forschungslaboratorien.

Bester Gesprächsstoff für Studentenpartys

Kerstin Wolf ist inzwischen entspannt, was ihren zukünftigen beruflichen Werdegang angeht, aber im Laufe des Studiums hatte sie durchaus Momente des Zweifels, was sie eigentlich mit ihrem Wissen anfangen kann. „Ich vergleiche Mind and Brain jetzt gern mit der Astrophysik: Ein hoch spannendes Feld, aber man sollte nicht die Frage stellen, wem man konkret hilft mit dem, was man macht.“

Dafür sei der Studiengang auf Partys der „beste Eisbrecher“, erzählt die gebürtige Münchnerin. „Fast jeder sagt: ‚Klingt ja super spannend.‘ Und schon ist man in ein längeres Gespräch verwickelt.“ Der Master hat zudem noch mindestens einen weiteren Pluspunkt, findet Kerstin Wolf. „Master of Arts Mind and Brain ist natürlich einfach der beste akademische Titel, den man sich vorstellen kann.“