Junge Profis

Akademiker sattelt um: „Ein Handwerk passt besser zu mir“

Als studierter Prähistoriker saß Johannes Schroeter-Behrens für seinen Geschmack viel zu oft am Computer. Er ließ sich zum Stuckateur ausbilden.

Johannes Schroeter-Behrens hat umgesattelt. Der diplomierte Prähistoriker absolvierte eine Ausbildung zum Stuckateur.

Johannes Schroeter-Behrens hat umgesattelt. Der diplomierte Prähistoriker absolvierte eine Ausbildung zum Stuckateur.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Während viele glauben, ein Studienabschluss adele ihre Ausbildung, hat Johannes Schroeter-Behrens den umgekehrten Weg genommen. „Als diplomierter Prähistoriker habe ich viel zu viel am Computer gesessen“, sagt der 32-Jährige. „Ein Handwerk passt besser zu mir.“ Sprach’s und begann im Alter von 30 Jahren bei der Firma Sebastian Rost – ornament & architektur eine Ausbildung zum Stuckateur.

Als Azubi mit Abitur und dank einer guten Zwischenprüfung konnte Schroeter-Behrens die dreijährige Ausbildung auf anderthalb Jahre verkürzen. Im Januar hat er seinen Abschluss gemacht.

„Man sieht immer schon in der Ausbildung, ob das mit einem Lehrling etwas wird“, sagt Firmeninhaber Sebastian Rost. Bei Schroeter-Behrens hat er es gesehen: „Johannes kann sich hier eine Zukunft aufbauen“, sagt der Chef. „Mein heutiger Bauleiter hat auch als Auszubildender bei mir angefangen.“

Das Team restauriert den Innenstuck der Staatsoper

Johannes Schroeter-Behrens hat zurzeit viel mit der Berliner Staatsoper zu tun – im Speziellen mit deren Innenstuck. Bis Herbst 2017 soll das Mitte des 18. Jahrhunderts erbaute Gebäude umfangreich saniert werden. Aufgabe Schroeter-Behrens’ und seiner Kollegen ist, den Stuck vor Ort oder in ihrer Werkstatt in Pankow zu restaurieren. Für Teile, die zu stark beschädigt sind, bauen sie Formen, die dem historischen Vorbild entsprechen und mit deren Hilfe der originale Stuck nachgebildet werden kann.

„Ich habe zwar meine formale Ausbildung abgeschlossen – bin aber trotzdem noch lange nicht fertig“, sagt Johannes Schroeter-Behrens. „Handwerk ist immer anspruchsvoll, vieles lernt man erst durch eigene Erfahrung.“ Als Stuckateur muss er unter anderem wissen, wie man Baustoffe anmischt. Eine besondere Herausforderung: „Neue Baustoffe entsprechen nicht mehr dem historischen Original“, erklärt der 32-Jährige. „Das verlangt einem dann im denkmalpflegerischen Bereich eine gute Materialkenntnis ab.“

Vieles könne er sich noch bei seinen erfahrenen Kollegen abschauen, sagt Johannes Schroeter-Behrens. Zum Beispiel auch, wie man erkennt, aus welcher Zeit eine bereits erfolgte Ausbesserung stammt.

Archäologiestudium erwies sich als gute Basis

Während in der Ausbildung vorrangig praktische Fähigkeiten vermittelt werden, nimmt die Baustilkunde eher wenig Raum ein, erzählt der Stuckateur. „Das Wissen über Architektur und die Formen verschiedener Epochen habe ich mir vor allem privat angeeignet.“ Sein Archäologiestudium sei dafür eine gute Basis gewesen.

„Auch da hat man viel mit Formen zu tun“, erzählt er. „Wenn man zum Beispiel Scherben findet, braucht man ein Gespür dafür, wie die zusammenhängende Form und die Größe des Objekts ursprünglich gewesen sein könnten.“ Das komme der Restauration von beschädigtem Stuck schon recht nahe.

Johannes Schroeter-Behrens, gebürtiger Neuruppiner, hat in Kiel studiert. „Das Institut dort ist eines der besten für Ur- und Frühgeschichte.“ Er würde das Fach immer wieder wählen, sagt er. Nach dem Abschluss im Jahr 2010 zog er gemeinsam mit seiner Frau, die ebenfalls Archäologin ist, nach Frankfurt am Main, wo beide ihre ersten Jobs gefunden hatten.

Wenig Jobsicherheit in den Geisteswissenschaften

Es folgte eine Projektarbeit für das Deutsche Archäologische Institut, die ihn nach Halle führte. „Und dann habe ich überlegt, ob ich im Anschluss wirklich wieder ein neues Projekt annehmen soll“, erzählt Schroeter-Behrens. „Zum einen war meine Frau beruflich auch viel unterwegs, und ich wollte für die beiden Kinder da sein“, sagt er. „Zum anderen bieten die Geisteswissenschaften generell wenig Jobsicherheit.“

So fiel die Entscheidung sich abzuseilen, wie er sagt. „Rechtzeitig“, findet der 32-Jährige. „Sonst hätte ich mich noch zehn Jahre von Job zu Job gehangelt und immer auf eine feste Stelle gehofft.“ So begann er darüber nachzudenken, eine handwerkliche Ausbildung anzugehen, am besten eine eher traditionelle. Im Praktikum bei seinem jetzigen Arbeitgeber bestätigte sich dann sein Gefühl, bei den Stuckateuren richtig zu sein.

„Durch das Studium kann ich Wissen schnell aufnehmen und weiß, wo ich etwas nachschlagen kann“, sagt Schroeter-Behrens. Das, findet er, sei ein klarer Vorteil für Akademiker, die in einen Handwerksberuf gehen. Er sieht sich als Bindeglied: „Ich verstehe sowohl die Seite der Handwerker als auch die der diplomierten Restauratoren und kann vermitteln.“

Als nächstes steht die Weiterbildung zum Meister an

Für die nächsten Jahre hat Johannes Schroeter-Behrens schon recht konkrete Pläne: „Ich würde gern Restaurator im Handwerk werden“, erzählt er. Er findet es wichtig, alte Gebäude zu erhalten. „Schließlich werden es nicht mehr.“ Für die Weiterbildung muss er zunächst seinen Meister machen.

Vielleicht in zwei Jahren werde er das angehen, sagt er. „Jetzt will ich erst einmal noch weiter Erfahrungen sammeln.“ Er lerne einfach gern, erzählt Johannes Schroeter-Behrens. Nicht so sehr am Schreibtisch, „aber indem ich Sachen tue“.

Privat verfeinert er so auch seine Schmiedekenntnisse, die auf einen Studentenjob in einem Museumsdorf bei Kiel zurückgehen. „Mein aktuelles Projekt ist ein frühmittelalterliches Langmesser“, erzählt der Stuckateur. Gerade arbeitet er die Form der Klinge heraus, dann sind Griff und Schaft dran. Das sei aber nur eines von vielen Hobbys, erzählt Johannes Schroeter-Behrens. Was den meisten gemein ist: Es geht ums Basteln. Denn das liegt ihm. Sonst hätte er sicher auch keinen Trabant-Oldtimer.