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Die App „Offtime“ soll ihren Nutzern mehr Freizeit schenken

| Lesedauer: 5 Minuten
Andrea Pawlik
Alexander Steinhart ist Psychologe. Er ist einer der Gründer des App-Entwicklers Offtime.

Alexander Steinhart ist Psychologe. Er ist einer der Gründer des App-Entwicklers Offtime.

Foto: Sven Lambert

Alexander Steinhart hat mit Co-Gründern die App Offtime entwickelt. Sie regelt das Online-Leben der Nutzer und soll ihnen mehr Freizeit geben.

„Über unsere Vernetzung sollten wir selbst bestimmen“, sagt Alexander Steinhart. Er ist einer der Gründer der Firma Offtime, die eine gleichnamige App entwickelt hat. Damit können Nutzer sehen, in welchem Umfang sie ihr Smartphone gebrauchen – und festlegen, zu welchen Zeiten, für wen und auf welchen Kommunikationswegen sie dort erreichbar sein wollen.

So können Anwender von nur einer Oberfläche aus beispielsweise Tweets von Twitter unterdrücken, gleichzeitig aber Nachrichten von Instagram zulassen. Oder ein User nutzt die Möglichkeit, alle Anrufer zu blocken und nur die Telefonnummer des Kindergartens, in dem der Nachwuchs seine Vormittage verbringt, freizugeben. Oder die Nutzer sperren sich selbst zeitweilig von Facebook aus und bestimmen, dass sie nach Feierabend keine dienstlichen E-Mails mehr erreichen dürfen.

Die angelegten Profile kann man speichern und Routinen einrichten. Sinn des Ganzen: Zeit gewinnen für konzentriertes Arbeiten, für ablenkungsfreies Zusammensein mit wichtigen Menschen oder einfach für sich selbst.

Man schläft schlechter und entspannt nicht mehr

Alexander Steinhart beschäftigt sich schon lange mit der Balance zwischen on- und offline. „Bislang gibt es nur wenige verlässliche Studien zum Umgang mit dem Smartphone“, sagt der Psychologe. Sie würden den positiven Effekt, den Vernetzung auf uns hat, belegen, erzählt er, aber auch, wie wichtig eine digitale Balance sei. „Parallel merken viele an sich selbst, dass ihnen zu viel Onlinekonsum nicht mehr gut tut.“

Steinhart vergleicht das mit Süßigkeiten und Alkohol: Ein bisschen davon mache Spaß, übermäßiger Genuss habe negative Folgen. Beim ständigen Onlinesein seien das zum Beispiel fehlende Entspannung, ein genereller Mangel an Aufmerksamkeit, schlechtere Schlafqualität sowie eine sinkende Arbeitsmotivation.

Dementsprechend hat Offtime auch Firmenkunden im Visier. „Wir sind zurzeit mit einigen Großunternehmen im Gespräch, die Offtime für ihre Mitarbeiter einführen wollen.“ Privat werde die App, die in sieben Sprachen verfügbar ist, bereits von 700.000 Menschen genutzt, sagt Alexander Steinhart.

Gleich im Gründungsjahr 2014 sei Offtime von Google zu den „Besten Apps des Jahres“ gewählt worden. Über diese Auszeichnung habe sich das Team sehr gefreut, erzählt er: „‚App des Jahres‘ werden bei Google immer nur 100 weltweit.“ Steinhart hat Offtime mit drei Mitstreitern und mithilfe einer Crowd­funding-Aktion gegründet. Inzwischen haben sie die Firma auf größere Füße gestellt: Ein Business-Angel unterstützt Offtime mit Wissen und Geld. Rechnerische 2,5 Mitarbeiter konnte das Start-up inzwischen einstellen.

Die App soll wissenschaftlich fundiert sein

Von Anfang an suchte Alexander Steinhart Kontakt zu den psychologischen Instituten der Hochschulen, unter anderem an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) und der Universität Siegen. „Mit der HU beispielsweise forschen wir zusammen an der Nutzung mobiler Technologien und den Auswirkungen davon auf die Produktivität und das Wohlbefinden“, sagt Alexander Steinhart. „So stellen wir unsere Arbeit auf ein wissenschaftliches Fundament.“

Probleme und Lösungen rund um die sogenannte Hyperkonnektivität will er auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen und hält Vorträge zu diesem Thema. Das Publikum sei dafür zunehmend sensibilisiert, ist Steinharts Erfahrung. „Und zunehmend daran interessiert,
digitale Entwicklungen selbst zu gestalten.“

Seit Alexander Steinhart, der aus Süddeutschland stammt, sein Abitur gemacht hat, ist er viel herumgekommen. Zivildienst leistete er in einer Behinderteneinrichtung in Südafrika, sein Bachelorstudium in Psychologie absolvierte er im niederländischen Maastricht und im englischen Brighton. Ein Masterstudium, ebenfalls in Psychologie, schloss er dann im nordirischen Belfast ab.

In der Cafeteria starrten alle nur auf ihr Handy

Dort entstand auch die Idee zu Offtime. „Ich habe in einer Cafeteria gearbeitet“, erzählt er. „Und alle hingen andauernd an ihren Smartphones.“ Das habe ihn an einen Eindruck aus Amsterdam erinnert, wo er vor seinem Bachelorstudium ein halbes Jahr in einem Auffang-Projekt für Drogenabhängige gearbeitet hatte. Auch dort gab es ein Café. Statt aufs Smartphone waren die Besucher auf ihre individuelle Drogensucht konzentriert. Doch die Parallele lag für Steinhart auf der Hand: „Beides zieht enorm viel Energie“, sagt er.

Das habe den Anstoß gegeben zu überlegen, „was wir brauchen, um neue Technologien in unseren Alltag zu integrieren, uns aber nicht abhängig von ihnen zu machen“. Wer infrage stellt, dass man extra eine App braucht, um andere Apps weniger zu nutzen, dem hält er das Beispiel Weight Watchers entgegen: „Warum braucht man Hilfe dabei, weniger zu essen, wenn man es doch einfach sein lassen könnte?“

Für Berlin als Standort hat er sich entschieden, weil die Stadt ideal für ein Start-up sei und auch vom Flair her zu Offtime passe. „Berlin finden viele attraktiv“, sagt Alexander Steinhart. „So ist es relativ leicht, gute Mitarbeiter für unser Unternehmen zu finden.“ Zwei will er in den nächsten drei Monaten noch einstellen. Dennoch hat Offtime den Anspruch, möglichst klein zu bleiben. „Je mehr Leute man in einem Technologieunternehmen braucht, umso weniger hat man seine Prozesse im Griff“, ist seine Überzeugung.