Quereinsteiger

Für diese Berliner war der Weg zum Traumjob kurvenreich

Vom Taxifahrer zum Erzieher, von der Arzthelferin zur Unternehmerin: Was hat diese Quereinsteiger zu ihrem beruflichen Wechsel motiviert?

Erdem Nane macht in der Kita Eisvögel eine Ausbildung zum Erzieher – zuvor war er Taxifahrer.

Erdem Nane macht in der Kita Eisvögel eine Ausbildung zum Erzieher – zuvor war er Taxifahrer.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Der Spielplatz ist kinderleer. Essenszeit in der Kita Eisvögel. So kann Erdem Nane sich ein bisschen Zeit nehmen, um zu erzählen, was ihn dazu bewogen hat, mit 26 Jahren eine Ausbildung zum Erzieher anzutreten. „Eigentlich wollte ich schon immer was mit Sozialpädagogik machen“, sagt er. „Deswegen habe ich auch mein Fachabitur in Sozialwesen absolviert.“

Aber dann kam die Liebe dazwischen und eine Hochzeit. „Und die ist bei uns Türken immer sehr teuer“, erzählt Erdem Nane, der in Charlottenburg aufgewachsen ist. Da er seinen Vater nicht allein für die Ausrichtung des Fests zahlen lassen wollte, machte er kurzerhand den Taxischein und verdiente erst einmal Geld.

In der Zeit als Taxifahrer überlegte Nane, was er in beruflicher Hinsicht weiter mit seinem Leben anfangen sollte. „Ich wollte auf Nummer sicher gehen und Energie- und Bautechnik studieren“, erzählt er. Mathe sei seine Stärke. Und als Ingenieur würde er gut verdienen, dachte Nane – bis sich seine Ehefrau einmischte. „Sie riet mir, meinem Herzen zu folgen und darauf aufzubauen, worin ich schon Grundwissen hatte – in der Sozialarbeit.“ So entschloss sich Erdem Nane, Erzieher zu werden.

EU finanziert Programm für Quereinsteiger

Nachdem die Entscheidung getroffen war, bewarb er sich im vergangenen Jahr an der Euro Akademie. Dort wurde er auf das vom Europäischen Sozialfonds (EFS) finanzierte Programm „Quereinstieg – Männer und Frauen in Kitas“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aufmerksam gemacht.

Die Vorteile lagen für ihn auf der Hand: Statt einer fünfjährigen regulären Erzieherausbildung an einer meist kostenpflichtigen Fachschule kann er auf diesem Weg eine dreijährige nebenberufliche Ausbildung machen, die zudem noch bezahlt wird. Denn parallel zur Ausbildung an der Fachschule für Sozialpädagogik sind die Berufswechsler sozialversicherungspflichtig bei einer Kita angestellt. Dieser Weg der Ausbildung wird mit 1250 Euro brutto vergütet. „Ich habe ungefähr 800 oder 900 Euro im Monat“, sagt Erdem Nane.

Er ist nun im zweiten Semester seiner Ausbildung, geht an vier Tagen in die Kita und am Freitag und Sonnabend zur Schule. Ein anstrengender Weg, zumal er sich in seiner begrenzten Freizeit auch auf die Schultests vorbereiten muss. In seine Klasse gehen 22 Erwachsene, alles Quereinsteiger. „Rund 70 Prozent sind Männer“, sagt Nane – was er sehr begrüßt. „Kinder sollten gleichermaßen Frauen und Männer als Ansprechpartner haben“, findet der angehende Erzieher.

Beraterin für Bewerber mit ungeraden Lebensläufen

„Ein Quereinstieg in den Beruf lohnt sich“, sagt Ira Lankisch. „Denn Erzieher werden in Berlin gesucht.“ Die 57-Jährige ist Jobcoach und beobachtet den Berliner Arbeits- und Stellenmarkt genau. „Als Coach musst du wissen, in welcher Branche Bedarf ist.“ Sie ist bei einem Berliner Träger angestellt, arbeitet mit Jugendlichen und Erwachsenen, die keine geradlinige Berufskarriere gemacht haben, arbeitslos sind, im Berufsleben wieder Fuß fassen wollen – oder aber wegen Krankheit berufsunfähig wurden und nach neuen Optionen suchen.

Ira Lankisch weiß, wovon sie spricht, wenn sie Hilfesuchenden mit Rat und Tat zur Seite steht: Sie ist selbst Quereinsteigerin und hat einen bewegten beruflichen Lebenslauf vorzuweisen.

Die gelernte Gärtnerin musste ihren Herzensberuf an den Nagel hängen, weil sie ihn aufgrund von Rückenproblemen nicht mehr ausüben konnte. Sie machte eine Umschulung zur staatlich geprüften Umweltschutztechnikerin und arbeitete eine Zeit lang als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Umweltamt Charlottenburg. Die Stelle war jedoch befristet. Dann kam das Angebot vom Kreuzberger Verein SO36, den gleichnamigen Veranstaltungsort als Projektmanagerin und Vereinsvorstand zu betreuen.

Vier Jahre lang kümmerte sich Ira Lankisch um Bauprojekte, das Personalwesen, organisierte Partys und Veranstaltungen. „Jetzt müssen Jüngere ran“, dachte sie sich eines Tages, weil der Job im SO36 eben auch eng mit dem Nachtleben verbunden war. So entschied sie sich 2004 für einen weiteren Berufswechsel.

Mit Weiterbildung auf den Wechsel vorbereiten

Nach einem Berufscoaching bewarb sie sich als Projektleiterin bei einem Berliner Bildungsträger. Dort war sie unter anderem für die Administration von Projekten zuständig, führte Erst- und Integrationsgespräche mit Teilnehmern und entwickelte gemeinsam mit ihnen individuelle Weiterbildungs- und Berufsstrategien. Im Jahr 2007 absolvierte Lankisch eine Ausbildung zur Trainerin für betriebliche Weiterbildung bei der Trainergemeinschaft Berlin und sattelte 2009 eine Qualifizierung zur Integrationsberaterin drauf.

In diesem Lehrgang wurde sie in kreativer Arbeitssuche, Netzwerkarbeit in Unternehmen, aber auch in Schuldner- und Insolvenzberatung geschult. 2011 legte Ira Lankisch zudem die Ausbildereignungsprüfung an der Industrie- und Handelskammer zu Berlin ab. „Das ist so etwas wie ein kleiner pädagogischer Führerschein“, sagt sie. Er sei wichtig, wenn man mit Jugendlichen arbeite.

„Lebenslanges Lernen ist eng mit einem Quereinstieg verbunden“, sagt sie im Rückblick auf ihren Berufsweg. Nun begleitet sie schon seit mehr als zehn Jahren Menschen auf dem Weg in ihr Berufsleben – und hat so selbst ihr berufliches Zuhause gefunden.

Die Motive, einen neuen Beruf zu ergreifen, sind vielfältig. Leidenschaft für einen lang gehegten Traum kann es sein, wie bei Erdem Nane. Aber auch gesundheitliche Probleme können der Grund sein, einen Berufswechsel anzugehen. Dies war der Anlass für Ira Lankisch. Nicht zuletzt lässt auch Unzufriedenheit im erlernten Beruf so manchen über einen Wechsel nachdenken.

Nach 25 Jahren als Angestellte Neues wagen

So wie Claudia Metze: Sie wagte einen großen Schritt, als sie ihren Beruf als Zahnarzthelferin aufgab und in die Selbstständigkeit ging. „Nicht dass Missverständnisse aufkommen“, sagt die 47-Jährige. „Ich habe meinen Beruf gerne ausgeübt, 25 Jahre lang. Aber ich dachte, ich müsste noch mal was anderes machen.“

Metze sitzt in ihrem Café, das sie seit 2011 führt. Hinter dem Tresen bereiten zwei ihrer Mitarbeiterinnen Kaffee zu, in der Vitrine liegt selbst gebackener Kuchen. Die Tische sind gut besetzt mit Menschen, die das Friedenauer Café „Lotte Jakob“ zu ihrem Stammlokal erkoren haben.

„Ich habe mich akribisch auf meinen Berufswechsel vorbereitet“, erinnert sich Claudia Metze. Im Radio hatte sie ein Interview mit der Berufsberaterin Uta Glaubitz gehört, das sie sehr angesprochen hatte. Die Berufsberaterin wurde ihr Coach. „Gemeinsam haben wir dann herausgefunden, wo meine Stärken liegen und wie ich daraus einen Beruf machen kann.“

Da Claudia Metze gern backt und kocht, lag der Gedanke, ein eigenes Café aufzumachen, recht nah. Doch es sollten noch drei Jahre nach dem Seminar vergehen, bis die Zahnarzthelferin den Schritt in die Selbstständigkeit auch wirklich machte. Der Zufall kam ihr zu Hilfe.

Renteneintritt des Chefs war die Gelegenheit

Als ihr Chef in den Ruhestand ging, wusste Claudia Metze: „Jetzt oder nie.“ Sie hatte nicht umsonst die vergangenen drei Jahre damit verbracht, sich nebenberuflich weiterzubilden. „Ich habe einen Barista-Workshop gemacht und Bildungsgeschichten von Gründern gelesen.“

Sie meldete sich bei der Arbeitsagentur, gab an, sich selbstständig machen zu wollen, und startete gleichzeitig ihre Suche nach geeigneten Räumen. Metze besuchte einen Gründerworkshop, Törtchen- und Backkurse und absolvierte die obligatorische Hygieneunterweisung beim Gesundheitsamt.

Dass sie das Café direkt an der S-Bahnstation Friedenau entdeckte, war ein Glückstreffer. Es war gut eingespielt, gerade ein Jahr alt, und die Besitzerin wollte verkaufen. Sie lieh sich privat Geld und konnte sofort einsteigen. Mittlerweile kann Claudia Metze auf fünf erfolgreiche Jahre zurückblicken. Sie findet den Schritt, den sie wagte, immer noch mutig. „Denn mir war trotz aller Vorbereitung nicht klar, worauf ich mich einlasse“, sagt sie. „Gerade weil ich lange angestellt war.“

Man unterliege als Selbstständige anderen Zwängen. „Unter anderem sind die Vorgaben des Gesundheitsamts und der Finanzbehörden zu berücksichtigen.“ Nicht unterschätzen dürfe man die hohe Belastung bei Krankheit: „Die Verantwortung für den Laden bleibt.“ Dennoch hat Metze ihren Schritt nie bereut. In ihren erlernten Beruf zurückkehren würde sie nicht mehr. Noch einmal etwas anderes anfangen, aber vielleicht schon. Mut zum Wechseln hat sie entwickelt.