Sounddesigner

Geräuschemacher machen Filme und Hörspiele noch spannender

Sounddesigner sorgen für die akustische Stimmung in Filmen, Hörspielen und Werbung. Was sie an ihrem Beruf fasziniert und was stört.

Die Berliner Sounddesignerin Sonja Harth hat sich auf die Vertonung von Hörspielen spezialisiert

Die Berliner Sounddesignerin Sonja Harth hat sich auf die Vertonung von Hörspielen spezialisiert

Foto: Sven Lambert

Wenn Sonja Harth in den Urlaub fährt, dann ist ein Begleiter immer dabei – ihr Tonkoffer mit Aufnahmegerät und Mikrofonen. Während andere Reisende ihre Erinnerungen in Fotos festhalten, startet Sonja Harth eine Tonaufnahme, zum Beispiel, wenn sie in Frankreich durch eine Höhle läuft und ihre Schritte einen besonderen Hall verursachen.

Überhaupt Schritte: „Von denen kann man nie genug haben“, sagt die Berlinerin. „Die sind bei jedem Menschen und an jedem Ort anders, und sie sind ein wichtiger Emotionsträger.“ Ist es eine sportliche Frau, die da geht, oder ein Anzugträger? Läuft die Person vorsichtig, zittrig oder forsch? Auf PVC-Boden oder auf Dielen? „Das alles macht einen riesigen Unterschied, deswegen wächst mein Soundarchiv immer weiter.“

Sonja Harth arbeitet seit zwölf Jahren als Sounddesignerin, wie viele in ihrer Branche freiberuflich. Musikalisch und kreativ war sie schon als Kind, nahm viele Jahre Blockflöten-Unterricht und merkte beim Praktikum in einem Tonstudio, „dass die reine Aufnahme deutlich weniger spannend ist als das, was man anschließend am Computer daraus machen kann“.

Im zweiten Anlauf gelang ihr nach dem Abitur als einer von nur drei Studenten die Aufnahme in den Tonmeister-Studiengang der Berliner Universität der Künste (UdK). „Eine Mischung aus Ingenieur- und Musikstudium“, sagt sie.

Mehr als 100 Hörspiele vertont und produziert

Über ein weiteres Praktikum lernte Harth die Arbeit an Hörspielen kennen und war begeistert. Bis heute hat die 37-Jährige mehr als 100 Hörspiele produziert. Die Sprecher werden dabei einzeln aufgenommen, erst im Anschluss werden durch den Schnitt Dialoge daraus. Vor allem aber kreiert Sonja Harth Welten: Sie lässt Räume und Atmosphären entstehen.

Ganz praktisch bedeutet das zum Beispiel, sich zu überlegen, wie es im Inneren eines Raumschiffs klingen könnte und dann genau diesen Sound zu erzeugen. In diesem Fall funktionierte die Illusion über höher werdende Drehzahlen, erläutert sie. „Ich versuche immer, die Welt, die beim Lesen eines Textes im Kopf entsteht, zu einer plastischen Welt für den Hörer werden zu lassen.“

Außerdem entwickelt Sonja Harth das Sounddesign für A-Capella-Bands wie ONAIR. „Dafür lasse ich mir die Songs einmal vorsingen und versuche dabei zu spüren, wo die Musik atmen will und wo sie vielleicht eher eingeengt ist, welche Emotionen erzeugt oder verstärkt werden sollen“, sagt sie. So kann Harth anschließend die Tontechnik bei Studioaufnahmen oder bei Bühnenauftritten genau auf die jeweilige Band abstimmen.

An ihrem Job schätze sie vor allem die Vielfältigkeit und das Gefühl, sich kreativ austoben zu können. Außer einem musikalischen Gehör sollte man von Natur aus viel Fantasie mitbringen, findet sie: „Als Sounddesigner muss man im positiven Sinne größenwahnsinnig sein.“

Auch in der Industrie arbeiten Sounddesigner

Sounddesigner arbeiten in vielen künstlerischen Feldern, aber auch in der Industrie kommen sie zum Einsatz. Immer mehr Firmen bauen neben optischen Markenzeichen auch auf eingängige akustische Logos. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Melodie der Telekom, die am Ende jedes Werbespots in Radio oder Fernsehen zu hören ist.

Dahinter stecken ebenso Sounddesigner wie hinter Geräuschen, die eine digitale Kamera beim „Auslösen“ macht, obwohl sie das ja nicht müsste, oder auch hinter dem Knacken, das beim Abbeißen von Keksen bestimmter Sorten entsteht.

Einer der großen Tätigkeitsbereiche für Sounddesigner ist der Film. „Mein Job ist es, mit dem Sound genau die Stimmung zu erzeugen, die der Film haben will“, sagt Jana Irmert, die an der Filmuniversität Babelsberg Ton studierte, „immer schon Filmfan war“ und heute als Sounddesignerin vor allem für Filmprojekte arbeitet.

Um buchstäblich den richtigen Ton zu finden, müsse man versuchen, die Essenz eines Films zu sehen und zu verstehen, sagt die 31-Jährige. Wie genau die Vorstellungen der Filmemacher sind, unterscheide sich stark: „Von vagen Beschreibungen bis hin zu konkreten Layouts.“

Die Atmosphäre wird in der Postproduktion entwickelt

„Viele unterschätzen gerade beim Dokumentarfilm die Bedeutung des Tons“, erklärt Irmert. „Aber auch da passiert ganz viel in der Postproduktion. Während des Drehs wird zunächst die Sprache aufgenommen, und oft kommen erst im Schnitt Atmo, Töne und Geräusche dazu.“

Gerade hat Jana Irmert die Arbeit an einem Dokumentarfilm über eine Schauspiel-Masterclass beendet. „In einer Szene des Films schreien die Teilnehmer während einer Übung wild durcheinander, die aufwühlende Wirkung der Szene lässt sich durch Effekte wie Hall noch verstärken.“

Die Vertonung hat beim Film aber auch noch eine ganz praktische Funktion: „Der Sound stellt einen Fluss her“, sagt Linus Nickl, der ebenfalls Film-Sounddesigner ist. „Was die wenigsten Zuschauer wahrnehmen ist, dass weder das Vogelzwitschern noch die Autogeräusche während des Drehs da waren – sonst würde man ja jeden Schnitt hören.

Der Sound ist also der Kitt, der die Szenen und den Film zusammenhält.“ So wird jedes Türöffnen und jedes Gläserklirren nachträglich eingesetzt. Manchmal arbeiten die Sounddesigner mit Ton, der während der Dreharbeiten aufgenommen wurde, oft suchen sie aber aus ihren Datenbanken den richtigen Sound heraus oder erzeugen ihn selbst.

Jeder Darsteller bekommt eigenes Kleiderrascheln

Die Vertonung eines Films sei aufwendig, sagt Linus Nickl: „Die meisten ahnen nicht, wie viel Arbeit im Filmsound steckt. Bei Kinofilmen sind es Tausende von Tonspuren, die gleichzeitig spielen, gerade bei Massenszenen.“ Da habe jeder Darsteller sein eigenes Kleiderrascheln und seine eigenen Schritte. „Dazu kommen dann noch beispielsweise vorbeifahrende Autos oder Kutschen.“

Als Sounddesigner beim Film arbeite man fast immer gegen die Uhr und unter Druck, sagt Linus Nickl. Die Bezahlung werde dem Arbeitsaufwand oft nicht gerecht. Das liegt auch daran, dass das Bild im Vordergrund und die Vertonung am Ende des Arbeitsprozesses stehen. Nicht selten sind die finanziellen Mittel für die sogenannte Postproduktion kleiner als geplant, weil sich die Dreharbeiten teurer als gedacht erweisen.

Zudem ist es heute möglich, Filme mit viel kleineren Budgets als früher zu produzieren, weil die notwendige Technik nicht mehr nur für große Studios erschwinglich ist. Bei solchen Produktionen soll dann natürlich auch das Sounddesign weniger kosten.

Arbeitsbedingungen seien teilweise katastrophal

„Zwar gibt es für Sounddesigner genug zu tun, aber die Arbeitsbedingungen sind teilweise katastrophal“, sagt Linus Nickl. Er rät dazu, den Beruf nur dann zu ergreifen, wenn man eine große Leidenschaft für die Arbeit mitbringe. „Ansonsten ist man schon nach wenigen Jahren frustriert.“ Jana Irmert sieht es ähnlich, ihr wurde schon vor dem Studium vom Beruf abgeraten. „Viele haben mir gesagt: Mach das nicht. Die Arbeitszeiten sind schrecklich und die Bezahlung ist mies.“

Drei Jahre nach ihrem Berufseinstieg ist ihr vorläufiges Fazit, dass es mit den Arbeitsbedingungen tatsächlich nicht zum Besten steht. „Aber ich konnte herausfinden, welche Vorteile der Job hat: Man macht nie dasselbe, jedes Projekt ist anders, und man kann sich seine Zeit selbst einteilen.“

Neben der Arbeit an Filmprojekten investiert sie viel Zeit in künstlerische Soloprojekte. Ihre Klanginstallationen wurden bei Festivals und Ausstellungen in Slowenien, Kanada und den USA gezeigt. „Das ist für mich essenziell geworden, ich kompensiere in der Kunst auch die Kompromisse, die bei Filmprojekten oft notwendig sind – man arbeitet in der Vertonung ja einer Idee zu.“

Gründung eines gemeinsamen Tonstudios

Jana Irmert empfiehlt, sich mit anderen Sounddesignern zu vernetzen und Konkurrenzdenken außen vor zu lassen. Ein wichtiger Schritt war für sie deswegen im vergangenen Jahr die Gründung eines eigenen Tonstudios, des „Studio am Fluss“, gemeinsam mit Linus Nickl und einem weiteren Studienkollegen. „Dadurch ist es leichter, größere Projekte umzusetzen und sich gegenseitig zu helfen.“

Auch Sonja Harth teilt sich mit Kollegen ein Tonstudio. Mit ihrer Arbeit an Hörspielen und für Musikgruppen mache sie heute genau das, was ihr liegt und gefällt. „Es ist eine Nische, in der ich mich nicht nur wohlfühle, sondern die auch weniger überlaufen ist als andere Arbeitsfelder.“

Gerade Berufseinsteigern rät sie, genau darauf zu achten, mit wem sie zusammenarbeiten. Nicht jedem fällt es leicht zu beschreiben, wie etwas klingen soll. Deswegen brauche man Auftraggeber, mit denen man auf einer Welle liegt und mit denen man sich gut verständigen kann, sagt Sonja Harth: „Das ist wie in einer Beziehung: Das muss passen.“