Karriere

Das kleine Wörtchen „Nein“

Wälzen Kollegen ständig ihre Arbeit auf Sie ab, ist es an der Zeit, Grenzen zu setzen. Das braucht Übung, lohnt sich aber

Der Chef schickt Unterlagen per Mail mit den Worten „Machen Sie das mal eben?“, die Kollegin erzählt eine lange, traurige Geschichte von ihrem schmerzenden Rücken, verweist auf den Aktenberg vor sich und klimpert vielsagend mit den Augen, und der Kollege bittet um Hilfe beim Umgang mit einem schwierigen Kunden. Man selbst weiß nicht, was man als erstes anpacken soll, denkt sich so einiges – und sagt doch nichts. Stattdessen macht man wieder Überstunden, innerlich total genervt, während die anderen um 18 Uhr vergnügt pfeifend das Büro verlassen. Toll.

Kollegialität und gegenseitige Unterstützung gehören für viele zum guten Ton am Arbeitsplatz. Viele wissen das zu schätzen – dennoch kann Kollegialität ausgenutzt werden. Dies geschieht nicht immer in böser Absicht, sondern weil es einfacher ist.

Irgendwann ist im Kollegenkreis bekannt, dass Mitarbeiterin X immer für alles Verständnis hat. Ähnlich ist es mit der Tatsache, dass Kollege Y für Schichten am Wochenende am ehesten zur Verfügung steht, weil er nicht Nein sagt. Gut für die Nutznießer, dumm für diejenigen, die immer nachgeben. Denn irgendwann leidet die eigene Arbeit und im schlimmsten Fall sogar das Privatleben unter der Dauerverfügbarkeit. Spätestens dann muss man sehen, wo die Ursachen liegen. Und da gilt es, nicht auf die anderen zu zeigen: „Meistens leistet man selbst einen nicht unerheblichen Beitrag dazu, dass die Grenzen immer mehr verschwimmen“, sagt Kerstin Hof, Unternehmensberaterin aus Hamburg. Nicht die anderen müssen sich denken, dass man doch schon überlastet ist – man selbst muss den Mund aufmachen und Grenzen setzen.

Ob es darum geht, ein Problem am Computer zu beheben oder mit einem wütenden Kunden umzugehen: Wer für bestimmte Tätigkeiten immer wieder nachgefragt wird, scheint dafür ein Talent zu haben. Das schmeichelt. „Vielleicht ist man froh, eine Abwechslung zum normalen Arbeitsalltag zu haben und nimmt diese Aufgaben gerne an, weil man dafür Anerkennung bekommt“, erklärt Hof.

Wer nicht Nein sagt, hat vielleicht Angst vor Ablehnung. „Besonders Frauen wollen es gerne allen recht machen“, sagt Hof. Blöd nur, wenn man sich darüber selbst vergisst. Wer Grenzen setzen möchte, hat Sorge, nicht mehr gemocht zu werden. „So wird man zum Mädchen für alles, wird aber nicht mehr in seinen Kernkompetenzen erkannt“, so Hof. Und was hat man davon, gemocht zu werden, wenn man derjenige ist, mit dem man alles machen kann? Zudem verliert man Zeit für seine Aufgaben, wenn man für alles und jeden zur Verfügung steht. Hof: „Man hilft allen anderen dabei, einen guten Job zu machen, bleibt mit der eigenen Leistung aber auf der Strecke.“

Wer Grenzen setzen möchte, muss diese kennen. „Finden Sie die Situationen heraus, in denen Sie Ja sagen, aber Nein meinen“, rät Job-Coach Susanne Gehring. Passiert das nur bei bestimmten Personen? Warum? Gleichzeitig gilt es, sich das eigene Pensum anzusehen: Wie ist es am besten zu bewältigen? Wie muss der Arbeitsalltag und der Umgang mit den Kollegen sein, damit Sie zufrieden sind?

Auch kann man das Gespräch mit den Kollegen suchen, die gerne Arbeit abwälzen. Dafür macht man am besten einen Termin, damit der andere Zeit und Ruhe hat. „Gut ist, schon eine Lösung anbieten zu können“, rät Hof. Gibt es keine Lösung, bleibt nur, klare Ansagen zu machen: Man hilft, wenn Not am Mann ist, ansonsten nicht. Hilft das nichts, ist das Gespräch mit dem Vorgesetzten der nächste Schritt: „Sagen Sie, dass die Abläufe im Team Sie in Ihrer Arbeit behindern und bitten Sie um Klärung“, rät Götze. Keine Lösung ist es natürlich, wenn der Chef derjenige ist, dem man Grenzen setzen muss. In diesem Fall hilft es, klar zu signalisieren, dass man grundsätzlich alle Aufgaben gern übernehmen würde und mit anpacken will, aber bei einem Zuviel die Qualität leidet und Themen liegenbleiben.

Dann geht es an die Königsdisziplin, nämlich all das, was man sich überlegt und besprochen hat, praktisch umzusetzen. Das bedeutet, Nein zu sagen, auch wenn es schwerfällt. Gehring empfiehlt freundliche, aber klare Worte. Und dann gilt es, auszuhalten, dass die anderen irritiert reagieren. Die Reaktion des Gegenübers ist allerdings oft gar nicht so harsch, wie man befürchtet. „Sollte wider Erwarten eine heftige Reaktion folgen, nehmen Sie diese nicht persönlich“, sagt Gehring. Tatsächlich ist der andere es nicht gewohnt, das Nein zu hören, es ist für ihn unbequem, und er bekommt nicht das, was er will. Das ist sein Problem, also freundlich bleiben und weiterarbeiten. Auf keinen Fall sollte man umkippen, sondern beim Nein bleiben und nicht diskutieren. Das klappt nicht jeden Tag gleich gut, doch Übung macht den Meister. Der Lohn: mehr Respekt, mehr Selbstachtung, weniger Überlastung. Und wenn die Kollegen einem aufrichtige Sympathie entgegenbrachten, verschwindet diese auch nicht.