Produzierendes Gewerbe

Made in Berlin sogar im Weltall gefragt

Bier, Rasierer, Hightech-Bauteile und vieles mehr wird in der Bundeshauptstadt hergestellt. Nach Jahrzehnten des Niedergangs steigt die Anzahl der Beschäftigten in der hiesigen Industrie wieder an.

Foto: Christian Kielmann

Der Himmel ist nicht die Grenze, sondern nur eine technische Herausforderung. Jedenfalls dann, wenn man für Berliner Glas arbeitet. Das 1952 gegründete Familienunternehmen stellt optische Bauteile her, die Teil eines nagelneuen Laserkommunikationsterminals sind, über das Satelliten untereinander im All in Verbindung treten. Zu einem Zukunftsprojekt wie dem „Space Data Highway“ der Europäischen Raumfahrtagentur ESA beizutragen, macht die Mitarbeiter des Unternehmens stolz. „Es ist einfach spannend, was wir hier machen“, schwärmt Personalerin Anett Müller.

Nicht nur im Weltall ist die Präzisionsarbeit der Berliner gefragt, optische Baugruppen und Systeme sind in vielen Bereichen von Kommunikations- und Messtechnik unverzichtbar – überall dort, wo es auf allerhöchste Genauigkeit ankommt. Genau das fasziniert Carina Trautmann. Als Gruppenleiterin in der Fertigung von Bauteilen für Maschinen zur Herstellung von Mikrochips muss sie darauf achten, dass die Teile exakt den Anforderungen entsprechen.

200 Arbeitsschritte zur Perfektion

„In 200 Arbeitsschritten bringen wir die Bauteile durch Schleifen und Polieren auf Maß. Das bedeutet, dass Abweichungen unter 1000 Nanometer liegen müssen“, sagt die 31-Jährige. Für die gelernte Feinoptikerin ist es ein befriedigendes Gefühl, „am Ende eines Arbeitstages zu sehen, was man geschafft hat“.

556 Mitarbeiter hat das Unternehmen in Neukölln, dazu kommen noch einmal 34 Lehrlinge, weltweit arbeiten rund 1100 Menschen für die Berliner Glas Gruppe. Die Spannbreite der Einsatzgebiete für die Produkte ist groß – nicht nur im All werden sie verwendet, sondern auch in der Halbleiterindustrie ebenso wie als Komponenten in medizintechnischen Geräten, in Messinstrumenten oder beim Übertragen von Daten.

Die Suche nach Mitarbeitern mit der passenden Ausbildung gestaltet sich dabei gar nicht so einfach. „Am besten passen Feinoptiker zu uns“, sagt Anett Müller. „Allerdings ist dieser Beruf nicht sehr verbreitet, also suchen wir auch Feinmechaniker, Augenoptiker oder Mikrotechnologen, Uhrmacher oder Zahntechniker, die wir dann selber weiterqualifizieren.“ Das Unternehmen habe sogar ein Programm aufgesetzt zum „Feinoptiker light“, eine Kurzausbildung mit Crashkurs in Sachen Optik, berichtet Anett Müller.

Carina Trautmann, die nach ihrem Abitur mit der Lehre bei Berliner Glas startete, wurde schon mit 24 Jahren zur Gruppenleiterin befördert. „Als junge Frau war ich damit ganz schön gefordert“, wie sie heute sagt.

Glanzlicht in der Industriekultur

Seit 2013 steckt sie in der Meisterausbildung, schließlich will sie gerne lernen, sich weiter qualifizieren, in einem Beruf, in dem die Entwicklung buchstäblich in den Himmel schießt.

Die Hightech-Firma Berliner Glas gehört zu den Glanzlichtern der vielfältigen Industriekultur in der deutschen Hauptstadt. Mögen Politikbusiness, Medien- und Kunstwirtschaft und natürlich die Startup-Szene auch mehr im Rampenlicht stehen, ist Berlin doch von jeher ein wichtiger Industriestandort gewesen.

Nach Jahrzehnten des Niedergangs ist seit einigen Jahren auch wieder ein Anstieg der Beschäftigtenzahlen zu verzeichnen. So zählte die Berliner Industrie im vergangenen September insgesamt 106.300 Beschäftigte.

An alte Hochzeiten kommt die Industrie allerdings trotz aller aktuellen Berlin-Euphorie bei weitem nicht heran. Vor dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten mehr als eine halbe Million Berliner im produzierenden Gewerbe.

Allmorgendlich spuckte die S-Bahn allein im Stadtteil Siemensstadt einige zehntausend Arbeiter aus, die in den riesigen Backsteinhallen am Nonnendamm und Rohrdamm schweißten, hämmerten, löteten. Siemens, AEG, Borsig waren die klangvollen Namen eines Zeitalters, als Berlin noch eine europäische Industriemetropole von Rang darstellte.

Zukunftsweisendes Ausbildungszentrum

Siemens, das Unternehmen, das einem ganzen Stadtteil seinen Namen gab, hat noch heute seinen weltweit größten Produktionsstandort in Berlin. Gut 12.000 Mitarbeiter sind an den Standorten Treptow, Moabit und eben Siemensstadt beschäftigt, auf die Produktion entfallen davon etwa 80 Prozent der Stellen, sagt Siemens-Sprecher Michael-Hans Friedrich.

Zukunftsweisend ist das Ausbildungszentrum, an dem das Unternehmen 1300 Azubis – 300 davon kommen von externen Firmen – in technischen und kaufmännischen Berufen schult. Teilnehmer dualer Studiengänge werden ebenfalls dort unterrichtet.

Wie Siemens sind auch andere durchaus betagte Traditionsunternehmen immer noch gut im Geschäft: Das zum Konzern Procter & Gamble gehörende Gillette-Werk in Tempelhof etwa wurde bereits 1936 erbaut. Heute stellen dort in der Produktion rund 800 Mitarbeiter Rasierklingen für Herren- und Damenrasierer her.

Zu den Gillette-Mitarbeitern gehört Norman Krause. Er betreut als technischer Koordinator Maschinen, mit denen die farbigen Streifen hergestellt werden, welche die Gillette-Rasierer besser über die haarigen Körperteile gleiten lassen sollen. Norman Krause erklärt: „Zwischen acht und 16 Komponenten – je nach Rezeptur – werden als Granulate zusammengemixt, erwärmt und anschließend unter hohem Druck in Form gepresst.

Aktiver Verbesserer am Werk

Der so entstehende Streifen muss auskühlen, bevor er dann weiterverarbeitet wird.“ Als gelernter Kunststoff-Formgeber musste Norman Krause sich erst an das neue Arbeitsgebiet herantasten, als er vor knapp vier Jahren bei Procter & Gamble einstieg.

Heute ist er nicht nur für die Koordination der Reparaturarbeiten und die Instandhaltung der Maschinen zuständig, er schult auch Mitarbeiter in Sicherheitstechniken oder bringt ihnen einen besseres Verständnis für die Prozesse bei.

Das ist wichtig, denn die Kollegen von Norman Krause bringen ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit. Industriemechaniker, Mechatroniker, Elektroniker und Kunststoff-Formgeber arbeiten dort. Neben diesen Facharbeitern gibt es auch angelernte Mitarbeiter, mit oder ohne berufliche Ausbildung.

Norman Krause hat – neben seinen Aufgaben als technischer Koordinator und als Trainer – noch ein anderes Steckenpferd. Der 30-Jährige ist einer der aktiven Verbesserer im Werk. Manchmal sind es kleine Handgriffe oder Abläufe, für deren Optimierung er Vorschläge hat, manchmal auch größere Ideen. „Genau das macht mir viel Spaß, ich kann mich weiterentwickeln – und unsere Produkte und Abläufe auch.“

Während Gillette-Mitarbeiter Norman Krause mit seinen Rasierklingen das äußere Erscheinungsbild der Kunden im Visier hat, geht es in der Firma, für die Katja Marques arbeitet, um Genuss.

Messen und kontrollieren

Bei der Berliner-Kindl-Schultheiss-Brauerei ist die junge Brauerin für den Bereich Gärung und Reifung zuständig. „Um unsere Biere zu brauen, werden im Sudhaus zunächst Schrot und feinstes Brauwasser vermischt. Bei der anschließenden Filterung entsteht die Würze.

Dann komme ich ins Spiel: Im Bereich Gärung und Reifung bin ich für die Annahme der Würze, für die Zugabe der Hefe und ihre Ernte nach Ende des Gärprozesses zuständig. Mit Messungen und laufenden Kontrollen sorge ich dafür, dass unsere Biere genauso ausreifen, wie es die Rezepturen vorsehen.“ Am Ende, so erklärt Katja Marques, gehöre dann auch das Reinigen der Gärtanks zu ihren Aufgaben.

In der Brauerei, die zur Radeberger Gruppe gehört, arbeiten gut 300 Menschen, etwa die Hälfte von ihnen sind gewerbliche Mitarbeiter, wie Personalleiter Christian Welzel sagt. Lebensmitteltechniker und Brauer sind für den eigentlichen Brauprozess zuständig, dann kommen die Mitarbeiter in der Abfüllung an die Reihe.

Mal Handwerk, mal Computerarbeit

Lagerlogistiker sind für die Auslieferung zuständig, Elektroniker, Schlosser und Mechatroniker halten die Anlagen in Gang. Katja Marques hat nach der Mittleren Reife eine dreijährige Ausbildung zur Brauerin und Mälzerin absolviert, seit Ende des Ausbildungsjahres 2013 hat sie den Abschluss in der Tasche.

Ihr gefällt nicht nur der Wechsel zwischen handwerklicher Tätigkeit im Gärkeller und der analytischen Arbeit am Computer, sie ist auch von dem Erzeugnis, das unter ihren fachkundigen Mitwirkung entsteht, überzeugt: „Bier ist ein sehr lebendiges Produkt, wie ich finde.“

Und wie bei der Feinoptikerin Carina Trautmann und Gilette-Kollegen Norman Krause ist es auch für Katja Marques ein befriedigendes Gefühl, zu der Herstellung eines ganz realen Produktes beizutragen: „Ich sehe ganz genau, wie das Bier reift und entsteht. Dafür braucht man Wissen, Können und Erfahrung, vor allem aber Leidenschaft.“