Alles auf Neustart

Mit Schwung ins neue Jahr

Motivationsflauten kommen und gehen. Damit Lustlosigkeit nicht zum Dauerzustand wird, gilt es rechtzeitig aufzutanken. Sport, lange Spaziergänge und Zeiten der Stille helfen dabei

Foto: Christian Kielmann

Das neue Jahr steht vor der Tür – und mit ihm die guten Vorsätze. Doch anstatt sich im Büro gut gelaunt an deren Umsetzung zu machen, würde so mancher doch lieber den Tag zu Hause vertrödeln.

Motivation? Null! Die To-do-Liste für den Tag spornt nicht gerade an. In zwei Stunden steht eine Präsentation an. Im Anschluss muss dringend mit mehreren Kunden gesprochen werden. „Ob ich die Einladung um 20 Uhr überhaupt schaffe?“, schießt es durch den Kopf. Sogar die Vorfreude auf das Treffen mit Freunden hält sich in Grenzen.

Auch Stefanie Eggers kennt solche Tage, an denen der Tatendrang eher gering ist. Die in Potsdam lebende Motivationstrainerin weiß aus der beruflichen Praxis, dass das Phänomen weit verbreitet ist.

Der innere Akku

„Heute ist so ein Tag. Ich bin etwas erkältet“, gesteht sie zum Gesprächsauftakt. „Ich mache dann gleich morgens einen Bodycheck. Ich besinne mich auf mich selbst und frage mich: Wie leistungsfähig bin ich heute?“ Für den aktuellen Tag meldet ihr innerer Akku: 70 Prozent.

Stefanie Eggers, die vor allem Frauen in Führungspositionen coacht, ist davon überzeugt, dass die meisten Beschäftigten von „sehr starken inneren Antreibern“ geleitet werden.

Jeder will der Beste sein und hierfür alles geben. „Du musst alle Aufgaben heute schaffen, es muss dir alles schnell von der Hand gehen“, zeichnet sie ein gängiges Gedankenmuster nach. „Wer sagt denn, dass ich heute alles schaffen muss? Wer sagt denn, dass ich immer schnell sein muss?“

Die Erwartungen der anderen

Zweifelsohne geht jede Menge Druck vom Umfeld aus. Kaum einer kann sich den Erwartungen der Leistungsgesellschaft entziehen. Stefanie Eggers ist der Auffassung, dass man sowohl den Kollegen als auch dem Chef mitteilen kann: „Heute gehen nur 70 Prozent. Heute bin ich angeschlagen, meine Ressourcen sind begrenzt.“

Um auf ihrer Energie-Skala wieder auf 100 Prozent zu kommen, sucht Stefanie Eggers Stille und Einsamkeit. „Morgens einfach mal Schweigen oder die Gedanken wie Wolken ziehen lassen“, empfiehlt die Trainerin. Nicht nur im Urlaub, sondern auch im Alltag sollte es Stunden zum Auftanken geben.

Während Eggers mit ihrem Hund lange Spaziergänge unternimmt, zieht es andere in den Zumba-Kurs. In Zeiten des Yoga-Booms kann eine kurze Motivationsflaute sicher akzeptiert werden. Was aber, wenn die Lustlosigkeit zum Dauerzustand wird?

Wenig Spaß an der Arbeit

Studien zufolge ist es um den Arbeitsethos hierzulande nicht gut bestellt: In Umfragen geben viele an, den Spaß an der Arbeit verloren zu haben und nur wenig motiviert zu sein. Nach einer Umfrage des Beratungsunternehmens Gallup über die emotionale Bindung zum Arbeitgeber leisten 67 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland Dienst nach Vorschrift.

Gut jeder sechste Beschäftigte hat nach eigener Aussage bereits innerlich gekündigt. Gallup hat hierzu 1300 Beschäftigte befragt. Mit 16 Prozent sind nur wenige bereit, sich für die Ziele und Belange ihrer Firma einzusetzen.

Gemeinsam Erfolge feiern

Der Begriff der inneren Kündigung geht auf den Forscher Martin Hilb zurück. Demnach betreibt derjenige, der innerlich gekündigt hat, eine Art Selbstjustiz: Der Angestellte fühlt sich vom Chef schlecht behandelt, falsch eingeschätzt und schraubt daher sein Arbeitspensum in Eigenregie herunter. Wenn die Motivation für den eigenen Job sinkt, steigt der Krankenstand.

Durch schlecht motivierte Mitarbeiter entsteht ein hoher volkswirtschaftlicher Schaden. Vor allem die Generation der Babyboomer, die geburtenstarken Jahrgänge der über 50-Jährigen, hat auffallend wenig Spaß an ihrer Tätigkeit. Fast jeder dritte Arbeitnehmer aus dieser Altersgruppe hat nur eine geringe emotionale Bindung an sein Unternehmen.

Die Älteren fühlen sich häufig ungenügend von ihrem Chef unterstützt, so ein Ergebnis des aktuellen Gallup-Engagement-Index. Zu viele Projekte, wenig Lob: Verantwortlich für die innere Kündigung seien meist die Vorgesetzten, schlussfolgert Verhaltensökonom Marco Nink, der die Gallup-Studie seit langem leitet.

Positives Feedback ist wichtig

Wie engagiert ein Arbeitnehmer sei, liege an der Führungskraft. Wer nur kritisiert wird, sich nicht wahrgenommen fühlt, so gut wie kein positives Feedback erhält, neigt zum inneren Ausstieg. Nicht gemeckert ist genug gelobt – nach diesem Grundsatz handeln immer noch viele Führungskräfte, sagt Stefanie Eggers.

„Dabei wäre es so einfach auch mal „danke“ zu sagen und gemeinsam die Erfolge zu feiern, sich auf die Schulter zu klopfen. Aber leider mangelt es in vielen Unternehmen an Wertschätzung. Der Einzelne hat den Eindruck, dass seine Leistung im Job nicht gewürdigt wird“, so Eggers.

Anerkennung vom Arbeitgeber lasse sich nicht einfordern, sagt der Diplom-Psychologe Tom Diesbrock. Statt dem Lob vom Chef hinterherzulaufen, ist es häufig nachhaltiger und zufriedenstellender, selbst die eigenen Leistungen anzuerkennen.

Eigenlob stimmt

Der Motivationstrainer Rolf Schmiel rät zu einem ungewöhnlichen Kunstgriff, wenn ein Projekt gut gelaufen ist, das Lob vom Chef aber ausbleibt. „Man kann sich die eigenen Erfolge vor Augen führen, indem man nach einem erfolgreichen Projekt ein Foto mit den Partnern macht.“ So bleibe das Erreichte, auf das Beschäftigte stolz sein können, im Gedächtnis.

Zu viele Projekte und fehlende Anerkennung können den Job zur Hölle machen. Wer nun in Selbstmitleid versinkt, kommt jedoch nicht weiter. Besser ist es, die Motivationskiller zu entlarven – und sie zu beseitigen.

Wer unzufrieden in seinem Job ist und einen Neuanfang plant, muss einiges bedenken: Wohin könnte der Wechsel führen? Wird dort alles besser? Was kann schiefgehen? „Solche Veränderungsprozesse können Angst machen, das schützt ein Stück weit auch vor Selbstüberschätzung“, sagt Ellen Pachabeyan, Psychologin und Business-Coach aus Berlin. Entscheidend sei, sich davon nicht lähmen zu lassen.

Den Wandel wagen

Nur ein Drittel ihrer Klienten, so Coach Eggers, will tatsächlich einen grundlegenden Wandel. Sie rät: „Wer eine große Veränderung wie einen Aufstieg oder völligen Neuanfang anstrebt, sollte mit möglichst vielen aus dem Freundeskreis darüber reden. „Wenn alle davor warnen, dann sollte das zum Überdenken anregen.“

Oft ist die Unzufriedenheit aber auch selbst gemacht: Der beste Job, das schönste Haus – für viele muss das Leben ein einziger Superlativ sein. 12,6 Millionen Deutsche werden als Luxuskonsumenten beziffert: Sie geben Milliarden aus für Sportwagen, Computertechnik, Möbel, Urlaub und Kleidung, wohl auch um auf ihren sozialen Status aufmerksam zu machen.

Immer öfter ist ein fehlgeleitetes Konsumverhalten ein Auslöser für eine prekäre Finanzsituation. „Das kann ganz schön Druck machen. Viele verschulden sich mit ihrem Traumhaus und manövrieren sich in eine unnötige Abhängigkeit“, beobachtet Stefanie Eggers.

„Wir haben uns inzwischen eine Glücksmentalität zugelegt, der das Leben kaum gerecht werden kann“, sagt Psychologin Juliane Dreisbach. Das gilt für das Privatleben genauso wie für den Job. „Wer ständig unzufrieden ist, weil das ultimative Glück nicht zu erreichen ist, bewegt sich immer mehr in der Spirale nach unten.“

Auch Reizüberflutung kann den Elan ausbremsen: E-Mails, Anrufe und plaudernde Kollegen, da wächst einem die Arbeit schnell über den Kopf. Um in diesem Chaos konzentriert zu arbeiten, hilft es nur, sich immer wieder kurz zurückzuziehen. „Eine Zeit lang keine Mails lesen, das Telefon umleiten“, empfiehlt Tom Diesbrock.

Chaos im Büro beseitigen

In der Regel lenkt ein zu voller Arbeitsplatz ab. Unerledigte Arbeit auf dem Schreibtisch in Form einer überquellenden Ablage versetzt uns in Stress. Beschäftigte sollten deshalb versuchen, auf ihrem Arbeitstisch Ordnung zu halten.

Mindestens genauso entscheidend – und da sind sich alle Motivationstrainer einig: Darauf achten, dass man im Beruf und im Privatleben genug zu lachen hat. Das wirkt sich positiv auf die eigene Einstellung aus, aber auch auf die Mitmenschen. Wer merkt, dass ihn häufig negative Gedanken plagen, dass er stetig an Lebensfreude verliert, sollte sich professionelle Hilfe holen.

„Oft steckt die Unzufriedenheit in uns selbst, weil wir alles vom Job erwarten, gute Bezahlung, nette Kollegen, interessante Aufgaben“, zählt Juliane Dreisbach auf. Sie rät zu einem Soll-Ist-Vergleich: Was soll mein Job leisten, was kann ich erwarten, und was habe ich tatsächlich? Oft komme dabei heraus, dass eine Menge sehr gut läuft.

Und noch eins ist wichtig: Nur wer mit sich im Reinen ist, kann auch Durststrecken überstehen und die vielen kleinen positiven Dinge sehen.

Nachlesen

Die Kunst der Selbstmotivierung, Jens-Uwe Martens, Julius Kuhl, Kohlhammer, 24,90 Euro. Umfassende wissenschaftliche Informationen sowie Anregungen, wie man sich selbst besser motivieren und seine Ziele leichter erreichen kann. Das Autorenteam beantwortet wichtige Fragen der Motivationspsychologie. Wie können wir erreichen, was wir uns vornehmen? Wie funktioniert Selbstmotivierung?

Mut zur Auszeit. Mit Sabbatical, Langzeiturlaub und Ausstieg auf Zeit zu mehr Lebensqualität und neuen Perspektiven, Christa Langheiter, Redline-Verlag, 18,99 Euro.

Sabbaticals – Auszeit vom Job: Eine empirische Untersuchung über den Nutzen aus Unternehmenssicht, Kerstin Schaaf, Diplomica-Verlag, 24,99 Euro.