Hart am Menschen

Wenn Neigung zum Beruf wird

Bewegungsstile analysieren, Fehlhaltungen korrigieren. Wer als Fitness-Coach arbeitet, hat abwechslungsreiche Aufgaben. Was die Sportbranche an Berufen und Ausbildungsmöglichkeiten zu bieten hat.

Foto: Christian Kielmann

Morgens um 6.30 Uhr steht er vor seiner Yogaklasse in Karlshorst und übt mit seinen Schülern den Sonnengruß. Anschließend fährt er in ein Charlottenburger Fitnessstudio, wo er einen Klienten mit Knieproblemen in der Alexander-Technik unterrichtet.

In Kreuzberg wartet ein Pärchen auf eine private Yogastunde und in Friedrichshain trainiert er eine Dame in den mittleren Jahren für den nächsten Stadtmarathon. Es ist ein typischer Tag für Christoph Bacher, Personal Trainer.

Der Personal Trainer

Der 39-jährige Österreicher hat sein Hobby zum Beruf gemacht – aber das war ein längerer Weg. Bewegung war immer schon ein Thema für den studierten Publizisten und Soziologen: Skileistungssport als Jugendlicher, später ein Studentenjob im Fitnessstudio, wo er Krafttraining unterrichtet und verschiedene Kurse leitet. „Das Unterrichten hat mir immer viel Freude gemacht“, sagt er.

Als Journalist am Schreibtisch zu sitzen eher nicht. Er widmet sich der menschlichen Anatomie, wird staatlich geprüfter Masseur, bildet sich zum Yogalehrer aus, Skilehrer ist er ohnehin schon. Als man ihm anbietet, ein Fitnessstudio zu leiten, lässt er die Schreiberkarriere ganz sausen und widmet sich fortan nur noch dem Sport.

„Doch am Ende führte mich das ja schon wieder an den Schreibtisch, zu Bilanzen und Aktenordnern“, stellt er fest und schmeißt den Job nach zwei Jahren hin, um in Berlin eine Ausbildung in der Alexander-Technik zu absolvieren. Hier arbeitet er seit vier Jahren als Personal Trainer – manche Klienten finden über Fitnessstudios zu ihm, mit denen er kooperiert, andere über Mundpropaganda.

Mit Nena auf Tournee

In den kommenden Wochen wird er mit der Sängerin Nena auf Tournee gehen, um sie unterwegs mit Yoga und einem eigenen Fitnesskonzept ohne Geräte zu unterstützen. Aber darüber möchte er eigentlich gar nicht weiter sprechen. Schließlich sind es nicht nur Prominente, die von ihm als Personal Trainer profitieren können. Seine Klienten findet der gebürtige Steirer unter Lehrerinnen ebenso wie unter Kreativen, Geschäftsleuten und Rechtsanwälten.

Was man für den Job braucht? „Beobachtungsgabe.“ Man müsse aber auch charmant sein, sagt der Personal Trainer und lächelt. „Wenn man die Menschen danach fragt, wie es ihnen geht, erzählen sie dir nicht die Wahrheit. Sie sagen, sie seien fit und gesund. Am Ende sind sie gar nicht fit und weh tut ihnen auch alles.“

Seine Klienten sind Menschen, die an sich arbeiten wollen, die sich auf irgendeine Weise verbessern wollen. „Und die Senioren profitieren am meisten“, sagt Christoph Bacher. Besonders gerne erzählt er von dem 75-Jährigen, der so wackelig auf den Beinen war, dass er sich immer am Geländer festhalten musste, wenn er Treppen steigen wollte.

Das wollte er nicht hinnehmen. Nach ein paar Wochen Training waren die Muskeln aufgebaut, jetzt klappt es wieder mit der Treppe. Oder der Ex-Marathonmann, der sich die Hüfte kaputt gelaufen hatte. Nicht einmal an eine Runde Dauerlauf war zu denken, nach wenigen Metern kamen die Schmerzen. „Gehen Sie in die Sauna, wenn Sie schwitzen wollen“, sagten die Ärzte.

Doch der Mann ging lieber zu Christoph Bacher. Der analysierte dessen Laufstil und entdeckte Fehlhaltungen, die für die Schmerzen verantwortlich waren. Mit einem gezielten Training konnte er dem Mann wieder auf die rechte Spur bringen, nun trainieren sie für den nächsten Halbmarathon.

„Als freiberuflicher Personaltrainer wird man nicht reich“, sagt er, „die Freude an der Arbeit steht für mich im Vordergrund.“ Menschen beobachten, ihre Stärken entwickeln und an den Schwächen arbeiten. „Ein kaputtes Knie ist für mich interessanter als ein Sixpack“, sagt Christoph Bacher. Die größte Herausforderung? Den Menschen seinen ganzheitlichen Ansatz zu vermitteln, ihnen klarzumachen, dass die Prozesse, die für eine Veränderung nötig sind, nicht von einem Tag auf den anderen kommen. „Man kann nicht nur die Stelle reparieren, die einen zwackt“, sagt Christoph Bacher, „manchmal hat eine schmerzende Hüfte damit zu tun, wie man seinen Kopf auf dem Hals hält.“

Die Sportpsychologen

Es gibt Menschen, die waren schon ganz oben. Die haben es geschafft und sind deutscher Meister geworden – etwa im Schwimmen oder Tennis. Aber beim nächsten Turnier kam die Angst. Was, wenn ich dieses Mal nicht gewinne? Oder schlimmer: wenn ich sogar unter den Letzten lande? Hat mein Trainer mir nicht gesagt, mein nächster Gegner sei eine Flasche? Wenn diese Flasche aber mich schlägt, bin ich dann die Oberflasche? In verzweifelten Lagen wie diesen kommt Gordon Mempel ins Spiel.

Der Sportpsychologe lebt davon, Leistungssportlern Selbstvertrauen einzuimpfen und sie an ihre Stärken zu erinnern. Mit Leistungssportlern kennt er sich aus, er war in seiner Jugend ja selber mal einer. Doch war es nicht das Tennisspielen, das er zu einem Beruf machen wollte. Nach dem Abitur studiert Gordon Mempel in Halle an der Saale und in Potsdam Psychologie.

Er interessiert sich für Gruppenprozesse und Arbeits- und Organisationspsychologie, Schwerpunkt Betriebspsychologie. „Dabei ging es darum, wie man aus Arbeitnehmern immer mehr Leistung herausquetschen kann“, sagt der Sportpsychologe. Findet er nicht gut.

Schließlich landet er an der Uni Potsdam in einer Vorlesung der Sportpsychologen und entschließt sich in diesem Bereich zu lehren und zu forschen. Auch heute noch unterrichtet der 39-Jährige an der Humboldt-Universität in Berlin Studierende des Fachbereichs Sportwissenschaften in Sportpsychologie.

Gordon Mempels berufliche Praxis stützt sich auf drei Tätigkeitsfelder: Die Lehre, die Arbeit mit einzelnen Sportlern und die Arbeit mit Verbänden. So erfasst er etwa für den Schwimmverband Berlin die mentalen Stärken und Schwächen vielversprechender Schwimmtalente. Gleichzeitig entwickelt er Strategien, wie die Kids mit der Belastung aus dem Dreiklang von Schule, Training und Wettkämpfen an den Wochenenden umgehen lernen.

Fernsehen und Schokolade

Ob es um die sprichwörtliche Angst des Torwartes vor dem Elfmeter geht oder um die Freizeitsportlerin, die sich wider besseren Wissens vor dem wöchentlichen Aerobic-Kurs drückt, weil Fernsehen und Schokolade in dem Moment doch reizvoller erscheinen – die Psyche spielt eine entscheidende Rolle bei Erfolg oder Misserfolg. Sportpsychologen arbeiten in der Beratung von Sportlern, bei Institutionen, als Freiberufler oder in Festanstellung. Oder sie widmen sich der Wissenschaft.

Gordon Mempels Kollege Darko Jekauc ist Juniorprofessor im Fachbereich Sportpsychologie an der Humboldt-Uni. Seine Forschung befasst sich sowohl mit der Optimierung sportlicher Leistung als auch mit der gesundheitlichen Thematik, der Frage, wie man Menschen dazu bringen kann, sich mehr zu bewegen.

So hat er feststellen können, dass mentales Training die Trefferquote von Fußballern, Tennisspielern und Volleyballern steigert. „Die positiven Effekte gegenüber der Kontrollgruppe waren enorm“, sagt der Wissenschaftler. Auch die Bedeutung von Sport bei der Behandlung von psychischen Krankheiten wie etwa Depressionen ist ein Thema.

Ob er einen Trick verrät, wie man seinen inneren Schweinehund überwindet, wenn die Glotze wieder einmal interessanter ist als die Laufschuhe? „Selbstwirksamkeit“, so lautet ein Zauberwort. „Wenn ich mir sage, ich kann das machen! Morgen um 15 Uhr gehe ich joggen, die Zielsetzung ist sehr konkret.“

Gordon Mempel ergänzt: „ Denken Sie in kurzfristigen Zielen: nicht daran, dass Sie bis zur Hochzeit der besten Freundin vier Kilo abnehmen müssen, sondern an das schöne Gefühl nach dem Training.“ Der Mensch funktioniere über sinnliches Erleben und Emotionen – so helfe sicher die Vorstellung vom Geruch des neuen Duschgels, das man nur nach dem Sport nutzt.

Mit der Selbstdisziplin hat Anja Tillack keine Probleme: Die Laufschuhe sind immer griffbereit. Zehn Jahre lang hat sie Ballett getanzt und sie wandert viel. Doch ihren Job verdankt sie anderen Fähigkeiten: Die zierliche Berlinerin redet gerne und hat Spaß am Netzwerken. Das hat sie direkt nach dem Studium der Germanistik und Kommunikationswissenschaften in die Marketingabteilung der Fitnesskette Mcfit gebracht.

Sie war maßgeblich am Imagewandel von der Billigmuckibude zum angesagten Fitnesstreff beteiligt. Anfang des Jahres hat Anja Tillack dann noch für das Fitnessunternehmen eine Modelagentur aus der Taufe gehoben.

Die Sportmodelagentin

Wenn die Firma Bosch für eine Bohrmaschinenwerbung einen jungen Mann mit starken Oberarmen sucht, wird sie bei Anja Tillack fündig. Sie hat Leute in ihrer Kartei, die auch bei einem Handstand locker lächeln können, ebenso wie Tiefseetaucher, Menschen, die gut tanzen oder Fußballspielen können.

Anja Tillack leitet 20 Mitarbeiter, die sich in vier Teams aufteilen – vom Marketing bis zum Casting, der Online-Redaktion und der Akademie. Die Amateurmodels müssen schließlich noch einiges lernen, wenn sie mit Profis mithalten wollen. Die 39-Jährige bereitet Veranstaltungen vor, sie knüpft Netzwerke, pflegt Kontakte und kümmert sich um die Kundenakquise. „Das Schöne an meinem Beruf ist, kein Tag ist wie der andere.“

Das Besondere: „Die jungen Menschen haben keine Modelmaße wie im Fashion-Bereich, sie sollen sportlich, also gesund aussehen“, sagt die Agentin. „Im Gegenteil: Wer zu dünn wird, fliegt aus der Kartei.“ Wer hätte das gedacht.

Vor allem die Arbeit mit den Sportlern macht ihr Spaß, von ihnen könne man viel lernen: Sportler sind besonders diszipliniert, willensstark und in der Regel gesund. Sie bringen eine Wettkampfmentalität mit, die in den verschiedensten Bereichen gefragt ist. „Sportler sind die besten Mitarbeiter, die es gibt“, sagt die Modelagentin.