Weiterbildung

Wann die Umschulung oder Qualifizierung Sinn macht

In vielen Branchen fehlt Fachpersonal. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg ist die Beratung. Nicht die individuellen Wünsche stehen im Vordergrund sondern die Beschäftigungsprognose.

Foto: Massimo Rodari

Menschen ohne Arbeit zu einer neuen Aufgabe zu verhelfen ist sein Job. Und den macht er gerne, auch wenn er sich immer noch viel zu häufig wünschen muss, einiges wäre anders – in Berlin, wo die Arbeitslosenquote zwar von ehemals rund 18 Prozent (2004) auf inzwischen zwölf Prozent gesunken ist, es aber trotzdem im Bundesvergleich nur zum abgeschlagenen letzten Platz – gemeinsam mit Mecklenburg-Vorpommern – reicht.

Dietmar Allenstein, Teamleiter Arbeitsvermittlung und Beratung, ist zuständig für den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und als FBW-Koordinator mitverantwortlich für die Qualifizierungsplanung von ganz Berlin. Er hat die Bildungszielplanung 2014 mitgestaltet, die nur solche Qualifizierungsschwerpunkte enthält, die „mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zum Beschäftigungserfolg führen“. Dazu gehören etwa die Weiterbildung als Altenpfleger oder Erzieher, Aus- und Weiterbildung im gewerblich-technischen Bereich oder eine kaufmännische Qualifizierung.

Die Angebote zur abschlussorientierten Weiterbildung richten sich an junge Erwachsene und „Menschen in der Lebensmitte“, damit sind durchaus auch noch 45-Jährige gemeint. „Eine Altersbegrenzung macht keinen Sinn“, sagt Allenstein, „wichtig sind vermittlungsrelevante Kenntnisse unabhängig vom Alter und eine realistische Beschäftigungschance“. Natürlich gebe es auch Ausnahmen: „Einen Fachinformatiker Systementwicklung in der Lebensmitte würde ich nicht fördern; der IT-Bereich ist eine sehr junge Branche.“ Häufig gäben Freie Träger – Schulen und Bildungseinrichtungen – Impulse für das Programm. „Dort gibt es aber nach wie vor viel Unsinn“, sagt Allenstein. Das finde ich schade.“

Passgenaue Weiterbildung

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg ist die Beratung. Nicht die individuellen Wünsche stünden dabei im Vordergrund sondern die Beschäftigungsprognose: „Wir schauen, was bringt jemand mit und sagen klar, was machbar ist und was nicht und fördern auch nicht unbedingt die 130. Fortbildung zum Heilpraktiker“, betont Allenstein. Denn eine solche Qualifizierung laufe in der Regel auf eine Existenzgründung und keine versicherungspflichtige Beschäftigung hinaus. Und natürlich ist ein Zuwachs an sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung gewünscht. Der Kunde habe sich zudem häufig kaum über nötige persönliche Voraussetzungen informiert, „wer selbstständig arbeiten will, braucht auch eine gewisse Basis“. Häufig sei aber ein Kompromiss möglich.

Möglichkeiten der Weiterbildung gibt es viele. Und in vielen Branchen fehlt inzwischen Fachpersonal. „Das Wachstumspotenzial ist längst nicht ausgeschöpft“, sagt Allenstein. „Es gibt zum Beispiel zu wenig examinierte Pflegekräfte.“ Die klassische Umschulung dauert zwei Jahre und kann unter bestimmten Voraussetzungen, etwa bei anrechenbarer berufspraktischer Vorerfahrung, um ein Drittel verkürzt werden. Das müsse man genau analysieren und mit der prüfenden Stelle (IHK) abstimmen, so Allenstein. „Der Trend geht zu kürzerer und praxisorientierter Weiterbildung, da reichen auch mal sechs oder zwölf Monate.“ Bei betrieblicher Einzelumschulung etwa gebe es eine viel größere Akzeptanz von Seiten der Unternehmen. „Ich habe noch nie einen Teilnehmer kennengelernt, der sich danach arbeitslos melden musste“, sagt Allenstein. Das liege auch daran, dass besonders häufig Berufe mit zu wenig geeigneten Bewerbern gefördert werden. Besonders gefragt seien Mangel- und Engpassberufe wie Mechatroniker, Bäckereifachverkäufer, aber auch Steuergehilfen oder Rechtsanwalt- und Notarfachangestellte. Hier gebe es so gut wie keine Arbeitslose.

Eigentlich ist Allenstein zufrieden: Es geht voran. „Seit 2005 können wir kontinuierlich jeden Qualifizierungsbedarf erfüllen. Wir leben in einer guten Zeit. Wir scheitern nicht an den finanziellen Möglichkeiten, sondern allenfalls an mangelnder Motivation und Leistungsbereitschaft.“ Das gelte insbesondere für viele Schulabgänger. Ihnen fehlt es auch allzu oft an Bildung. „Es ist nicht deutlich besser geworden“, bedauert Allenstein. Versäumtes sei kaum kompensierbar. „Wir können Schule nicht ersetzen“. Auch würden nicht alle Ausbildungsberufe gleichermaßen angenommen. „Dabei gibt es ein wahnsinnig breites Spektrum an neuen Berufen und vielfältige Informationsmöglichkeiten etwa im BIZ, im Internet oder über Online-Videos.“

Chance auf Wiedereinstieg

Bei den Arbeitgebern sollte nicht immer auf die „Großen“ gesetzt werden. Und die Arbeit im Call Center oder bei Personaldienstleistern sei längst nicht so schlecht wie ihr Ruf. „Da hat sich unglaublich viel geändert. Auch bei Zeitarbeit wird inzwischen ein Mindeststundenlohn von 8,50 Euro gezahlt“, sagt Allenstein. Selbst Ärzte arbeiteten inzwischen bei Personaldienstleistern, die Vorteile seien geregelte Arbeitszeiten und eine gute Entlohnung. „Personaldienstleister bieten zudem die Möglichkeit Erfahrung zu sammeln und die Chance auf einen Wiedereinstieg.“

„Qualifikation ist die Eintrittskarte ins Erwerbsleben“, sagt Dietmar Allenstein. „Grundsätzlich sollte der Vermittlungsprozess daher so früh wie möglich, also schon vor einer möglichen Arbeitslosigkeit beginnen. Allerdings: „Wir haben hier sehr viele Geringqualifizierte mit schlechten Aussichten auf dem Arbeitsmarkt“. „Wenn ich am Jahresende die Hälfte meiner Kunden integriert habe bin ich froh.“