Inklusion

Unterstützung für ein Studium ohne Barrieren

Nicht nur ihr Handicap ist für die betroffenen Menschen eine Herausforderung, sondern auch die Planung ihrer beruflichen Zukunft. Denn viele Universitäten sind noch nicht barrierefrei.

Foto: Armin Weigel / dpa-tmn

Es gebe für sie keinen Weg ins Studium, hörte Michaela Kusal damals bei der Beratung im Arbeitsamt. Seit ihrer Geburt sitzt sie aufgrund einer muskulären Erkrankung im Rollstuhl und muss rund um die Uhr betreut werden. Heute studiert die 30-Jährige Anglistik und Philosophie auf Lehramt.

„Hätten meine Eltern mich nicht unterstützt, hätte ich keine Chance auf eine akademische Karriere gehabt“, sagt Kusal. Sie erinnert sich noch an den Beginn ihres Studiums. Mit dem Behindertenbeauftragten der Hochschule musste sie sich damals in der Hausmeisterküche treffen, weil sein Büro nicht barrierefrei war.

Laut einer Publikation des Deutschen Studentenwerks von 2012 haben acht Prozent der Studierenden eine Behinderung oder eine chronische Erkrankung. Von ihnen sind sechs von zehn (60 Prozent) aufgrund ihrer Behinderung im Studium beeinträchtigt. Um ihnen den Weg an die Hochschulen zu erleichtern, gibt es an vielen Stellen Unterstützung.

Hürden beseitigen

Das fängt bei der Zulassung an. Zwischen zwei und fünf Prozent der Plätze sichern die Hochschulen in grundständigen Studiengängen für Studenten mit Behinderung. Mit einem Härtefallantrag hat der Bewerber eine Chance auf solch einen Platz. Geht der Antrag durch, wird er zugelassen, ohne dass weitere Kriterien wie eine Abiturnote berücksichtigt werden. Für den Antrag ist ein fachärztliches Gutachten nötig. Das wird dann zusammen mit dem Antrag in die Bewerbung gelegt.

Welche Hochschule die richtige ist, hängt von der Art der Behinderung ab. Ein bundesweites Siegel für barrierefreie Universitäten gibt es nicht. Einige Städte vergeben aber eine Plakette, wenn der Behindertenbeauftragte der Stadt die Hochschule als barrierefrei einstuft. „Die Vergabekriterien sind jedoch von Stadt zu Stadt unterschiedlich, was eine Vergleichbarkeit schwer möglich macht“, sagt Yvonne Frömmel von der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Behinderung und Studium.

Auch ohne Siegel gibt es Hochschulen, die für ihren barrierefreien Campus bekannt sind. Frömmel empfiehlt für Geh- und Hörbehinderte zum Beispiel die Ludwig-Maximilians-Universität München. Und an der Hochschule in Marburg gebe es Blindenleitsysteme im Außenbereich und Mentoren, die Sehbehinderte im Uni-Alltag begleiten, erzählt Frömmel. Wichtig sei grundsätzlich ein zusammenhängender Campus mit kurzen Wegen.

Voraussehende Planung

Schon vor dem Studienbeginn sollten Studenten die Hochschule besuchen und den Behindertenbeauftragten kontaktieren. Eventuell kann dann bei der Raumplanung noch berücksichtigt werden, dass im Kurs ein Student mit Handicap sein wird.

Es muss nicht immer eine große Universität sein, auch wenn diese häufig mehr Kapazität für Beratungs- und Unterstützungsangebote hat. Kleinere Hochschulen klärten Anliegen eher direkt, sagt Maike Gattermann-Kasper. Sie ist die Behindertenbeauftragte an der Universität Hamburg. Gibt es keine spezielle Anlaufstelle für Menschen mit Handicap an der Hochschule, kann auch die BAG Behinderung und Studium oder das Studentenwerk Unterstützung bieten.

„Die meisten Betroffenen suchen zu spät Hilfe“, sagt Michaela Kusal. Sie hat ihre ersten Klausuren mit der Hand geschrieben. Es müsse doch auch so gehen, dachte sie. Schnell kam die Frustration, als alle schon fertig waren – nur sie nicht. Erst dann hat sie die Hochschule kontaktiert und einen Nachteilsausgleich bekommen. Heute schreibt sie ihre Klausuren mit dem Computer.

Sorgfältig planen

Einen Nachteilsausgleich können Studenten mit Handicap beim Prüfungsamt beantragen. Er soll dazu dienen, die Benachteiligung durch die Behinderung auszugleichen. Das kann so aussehen, dass schriftliche Prüfungen durch mündliche Leistungen ersetzt oder Fristen für Hausarbeiten verlängert werden. „Den Antrag sollte man frühzeitig einreichen“, rät die Behindertenbeauftragte Gattermann-Kasper. Die Organisation koste Zeit. Schon mit der Anmeldung zur Prüfung werde der Antrag am besten mitgedacht.

Mit dem Start der Studienzeit beginnt der Schritt in die Selbstständigkeit. Zum einen bedeutet das Freiheit, zum anderen mehr Selbstorganisation. Das gilt umso mehr für Studenten mit einer Behinderung. Kusal hat mittlerweile eine eigene Wohnung.

Die Betreuung übernimmt ein Team von sechs Frauen, die ihr im Haushalt zur Hand gehen, aber auch bei der Buchausleihe helfen. Eine Studienassistenz können Kommilitonen oder ausgebildete Kräfte machen, die sich der Student selbst suchen muss. „Ich habe damals Zeitungsannoncen geschaltet“, sagt Kusal. Manchmal hat auch die Hochschule Kontakte.

Finanzierungsmodelle

Die Finanzierung der Studienassistenz übernehmen die Sozialhilfeträger. Studenten mit einer Behinderung haben außerdem die Möglichkeit, ihre Förderungshöchstdauer durch das Bafög zu verlängern. Im Anschluss bekommen sie mehr Zeit als Studenten ohne Handicap, um das Geld zurückzuzahlen.

Häufig würden die notwendigen Hilfen von den zuständigen Ämtern jedoch nur spät oder gar nicht bewilligt, sagt Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk. Dadurch verlängere sich nicht selten das Studium oder zwinge den Studenten sogar zum Abbruch der Ausbildung. Kusal kennt den bürokratischen Aufwand nur zu gut. Barrierefreies Studieren, das sei noch ein langer Prozess.