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Die Meister und der Geist des Weines

Unangekündigter Besuch? Keinen Wein zum Essen? Überfordert im Supermarkt? Kein Problem: Drei Gründer helfen bei der Weinauswahl. Ihre App WineMeister empfiehlt die beste Rebe.

Foto: Picasa

Eines Tages standen Jan Eike (26) und Henning Thole (27) vor dem großen Weinregal eines Berliner Supermarktes und hatte die Qual der Wahl: „Bei 300 Weinen wussten wir nicht, welche Flasche wir denn nun kaufen sollten.“ Ein kundiger Mitarbeiter war auch nicht greifbar, und so griff Jan Eike Thole irgendwann nach irgendeinem Produkt, dessen Optik ihm ansprechend erschien.

„Ich befand mich in einer Situation, die jeder schon einmal erlebt hat“, erzählt er. Die Eltern oder besten Freunde haben sich spontan angekündigt. Doch welcher Wein ist der passende? Der Kunde muss sich entscheiden im Dschungel unterschiedlicher Preiskategorien, wohlklingender Namen und mehr oder weniger optisch ansprechender Etiketten – und noch das Menü im Hinterkopf durchspielen.

Bei den Brüdern keimte die Frage auf: „Es gibt so viele digitale Entscheidungshilfen, aber warum ist darunter keine App für Weine im Supermarkt?“ Schließlich leben 28 Millionen Weintrinker in Deutschland, die meistens im Supermarkt einkaufen – denn dort werden 75 Prozent des jährlichen Weinumsatzes gemacht. Fachhändler dagegen gibt es immer weniger, im vergangenen Jahrzehnt verschwanden allein in Berlin 200 von ihnen.

Schnelle Entscheidung

Jan Eike und Henning Thole diskutierten darüber mit ihrem Freund Jan Konetzki (33), Chefsommelier des britischen Sternekochs Gordon Ramsay in London. Prompt entschieden sie sich, die App „Winemeister“ ins Leben zu rufen. Am 13. Januar 2013 loungten sie die App, einen Tag später zählte das Trio bereits 10.000 Downloads. Das zeigt: In diesem Bereich gibt es großen Beratungsbedarf.

Mehr als 1350 Weine hat ein Team von unabhängigen Sommeliers unter Jan Konetzkis Führung bislang verkostet. Die meisten Produkte stammen von Supermarktketten und Discountern, nur wenige kommen aus dem Fachhandel. Doch das soll sich ändern, weswegen die Jungunternehmer vom 23. bis 25. März auf der ProWein in Düsseldorf, der internationalen Fachmesse für Weine und Spirituosen, für ihre Geschäftsidee werben wollen.

Ein weiterer Urlaubstag, den Konetzki in Deutschland verbringen wird. Ansonsten jettet er für Winemeister regelmäßig nach Berlin und testet das Gegenprogramm zu dem, was er sonst seiner gut betuchten Klientel im Londoner Drei-Sterne-Restaurant empfiehlt. Da sitzt er nun im Jeanshemd, mit kariertem Schal, dunkler Hipster-Brille und einem „very-british“ Kurzhaarschnitt, umringt von zehn Flaschen am Konferenztisch einer Anwaltskanzlei am Hackeschen Markt, wo das Trio ein Zimmer für ihre neue Firma gemietet hat.

Best Sommelier 2012

2012 wurde Jan Konetzki vom renommierten Harper’s Magazin in Großbritannien zum „Best Sommelier“ gekürt. Jetzt sagt der gelernte Bäcker, Barkeeper, Restaurantfachmann und Meister-Sommelier aus Norddeutschland: „Guter Wein muss nicht immer teuer sein. Wein aber ist intransparent.“ Deshalb will er ein wenig Licht ins Dunkel bringen, und das in normaler Alltagssprache. Denn oft scheitert das Verständnis für Wein schon daran, dass man als Laie das gestelzte Vokabular der Branchenkenner nicht kapiert. Er hofft, dass „die Leute an uns denken und finden, dass Winemeister ihnen helfen kann.“ Deshalb hat die Smartphone-App eine Einteilung in Geschmacksvorlieben, konkrete Anlässe oder Menü-Zutaten, für die sie eine Weinempfehlung abgibt.

Jan Eike Thole hat einen Rotwein vom Discounter besorgt. Konetzki und er schwenken die Gläser, begutachten mit Respekt die dicken Tropfen (sogenannte Tränen), die Farbe, den Geruch, den Geschmack. Währenddessen spricht Konetzki prägnante Sätze in das Diktiergerät. Sein Leitfaden ist immer derselbe: Aussehen, Aroma, Geschmack. Dekantieren, ja oder nein? Reifen lassen, ja oder nein? Trinktemperatur und Geschmackscharakter, welches Essen und welcher Anlass? Die Materie Wein sei zwar kompliziert, findet Konetzki, „aber Qualität versteht jeder“.

Vier von zehn Punkten

Am Ende bekommt der Wein vier von zehn möglichen Punkten und damit die Kategorie „zwei Weingläser“. Ein ordentliches Resultat für einen Discounterwein für 5,99 Euro. Denn: 3,5 Gläser bekommen nur zehn von 1000 Weinen, ein einziger Supermarkt-Wein wurde je mit vier Gläsern prämiert. „Der kostete aber auch 20 Euro“, sagt Konetzki. Sonst müsse man für eine vier-Gläser-Kategorie von Winemeister in den Fachhandel.

Zu Wohlstand hat die kostenlose App noch nicht geführt. Bislang finanziert sich das Unternehmen über „FFF“, wie Jan Eike Thole es ausdrückt. Was heißt: family, fools and friends, die Winemeister privat unterstützen. „200.000 Downloads sind das nächste Ziel“, sagt Jan Konetzki. Dafür wird das Team in Kürze um einen Vertriebs- und einen Finanzexperten erweitert. Auf der mobilen Welle ist eben ein langer Atem gefragt.