Polizei-Ausbildung

Erste Lektion in Ordnung und Zuverlässigkeit

Berlin wirbt um Auszubildende für den Polizeidienst. Die Zahl der Lehrstellen wird in den kommenden Jahren verdoppelt. Beste Chancen haben zurzeit junge Frauen mit Migrationshintergrund.

Foto: Christian Kielmann

Zurzeit ist das Diensthandy defekt, das Ersatzgerät leider auch, und das Funkgerät zu benutzen wäre auf die Schnelle zu aufwändig, sagt Melanie Przybilla. Also greift sie zum privaten Smartphone, um sich in der Zentrale nach den beiden Männern zu erkundigen, die mit grimmiger Miene vor ihrem Dienstwagen warten und einander die Schuld für ihren Verkehrsunfall geben. „VU ohne Höhepunkte“ hatte das Funkgerät Przybillas vor zwanzig Minuten geknarzt.

Polizisten ähneln Jägern nicht nur darin, eine Waffe zu tragen, sie haben so wie die Waidmänner ihre ganz eigene Sprache, voll von Phrasen und Abkürzungen, die Außenstehende nicht verstehen können. Der „VU ohne Höhepunkte“ also ist ein Verkehrsunfall ohne Personenschaden, bei dem keine Straftat vorliegt.

Für die 25-jährige Polizeikommissarin heißt das an diesem Vormittag, den beiden Männern lediglich Fragen zum Unfall zu stellen, die Schäden festzuhalten, die Fahrer mit ihrem Smartphone zu überprüfen und ein paar Formulare auszufüllen.

Etwas Praktisches machen

Routinearbeit ohne Höhepunkte. Przybilla erledigt sie so gelassen, wie sie auch die Sache mit den Diensttelefonen mit einem Lächeln hinnimmt. Seit einem Jahr fährt sie in Mitte Streife, ihr Alltag liegt irgendwo zwischen Verkehrskontrolle, Staatsbesuch und Leichenfund.

„Ich hatte nach dem Abi auch Lust auf Jura oder Biologie, wollte aber etwas Praktisches machen“, sagt sie. Inzwischen liegt ein dreijähriges Studium im gehobenen Polizeidienst hinter ihr – die „absolut richtige Entscheidung“ sei das damals gewesen, ein Glücksfall.

Ein Glücksfall ist Przybilla auch für das Land Berlin, dem es an geeignetem Nachwuchs für seine Polizeilaufbahnen fehlt – eine Entwicklung, die sich in den nächsten Jahren wohl noch zuspitzen wird. Der Nachwuchsmangel ist umso dramatischer, als dass in den nächsten Jahren eine große Pensionswelle ansteht.

Mehr als 6000 gehen in Pension

„Bis 2022 werden mehr als 6200 Kollegen den aktiven Polizeidienst verlassen, deshalb müssen wir die Zahl der Auszubildenden in den nächsten zwei Jahren verdoppeln“, sagt Angelika Daschek, die im Auftrag der Polizei an Berliner Schulen geht, um dort für ihren Beruf zu werben.

Daschek gehört selbst zu denen, die in ein paar Jahren ihre Uniform ablegen werden. Als sie 1983 das erste Mal am Steuer eines Polizeiwagens saß, berichtete die Presse über sie. „Die Polizei war schon immer ein Abbild der Gesellschaft“, sagt die 54-Jährige. Deshalb schlage auch die demografische Entwicklung voll durch, die Zahl der Bewerber sinke seit Jahren kontinuierlich.

Zwar gebe es noch immer mehr Interessenten als zu besetzende Ausbildungsstellen, doch mit den Bewerberzahlen nehme gleichzeitig deren Qualität ab.

Hürde: Deutschtest

Allein am Deutschtest scheitern etwa 30 Prozent – auch immer mehr Abiturienten. Dabei bewegt sich die Polizei seit Jahren auf die Bewerber zu: Die deutsche Staatsbürgerschaft ist mit Blick auf Jugendliche mit Migrationshintergrund zunächst nicht zwingend. Das Höchstalter für Bewerber wurde heraufgesetzt. Ein missglückter Sporttest darf wiederholt werden.

Und: zum zweiten Mal in Folge wurden die Bewerbungsfristen verlängert und selbst bei Vorstrafen erfolgt nicht automatisch eine Ablehnung, stattdessen wird jeder Fall einzeln geprüft. „Wir müssen mit der Zeit gehen,“ sagt Hartmut Volkmann, der die praktische Ausbildung an der Landespolizeischule Berlin organisiert.

Zugeständnisse in Hinblick auf den Beruf dürfe man allerdings nicht machen. „In der Ausbildung sind gerade am Anfang erst mal Erzieher und Betreuer, das war früher nicht denkbar“, sagt er.

Kardinaltugend: Pünktlichkeit

Volkmann wurde in einer Zeit Polizist, in der noch der Umgang mit dem Maschinengewehr geschult wurde, es gab Spindkontrollen, Pünktlichkeit galt als Kardinaltugend. Die Vermittlung von Werten wie Ordnung und Zuverlässigkeit sei inzwischen etwas, das viele Neuzugänge erst auf der Polizeischule lernten. Dabei sei der Ausbildungsplan ohnehin schon randvoll. „Die Ausbildung hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, sie ist komplexer und wesentlich anspruchsvoller geworden“, sagt er.

Der Mangel an geeignetem Nachwuchs ist dabei nur zum Teil auf die sinkende Zahl von Schulabgängern zurückzuführen. Die klügsten und sportlichsten Interessenten bewerben sich häufig auch bei Bundespolizei und anderen Länderpolizeien und können sich den attraktivsten Dienstherren aussuchen.

Beschädigtes Image

Zumindest in finanzieller Hinsicht gerät die Berliner Polizei dabei ins Hintertreffen, deren Beamtenbezüge etwa 15 Prozent unter denen der Bundespolizei oder den Kollegen im Westen des Landes liegen. Auch das Image des Polizeiberufs hat in den vergangenen Jahren Schaden genommen, nicht nur weil verbale und tätliche Gewalt gegenüber Polizisten seit Jahren ansteigt. Sparzwänge haben auch Klagen über mangelnde Ausrüstung und marode Dienstgebäude in die Öffentlichkeit getragen.

Ein Hemmnis ist auch das Bewerbungsverfahren der Polizei: „Wir haben es in der Hand,“ sagt Volkmann. „Wir müssen nur flexibel genug auf die Veränderungen auf dem Ausbildungsmarkt reagieren, anstatt Bewerber mit mehrmonatigen Auswahlverfahren ungewissen Ausgangs zu verprellen.“

Bodo Pfalzgraf vom Berliner Landesverband der Deutschen Polizeigewerkschaft sieht ebenfalls in der demografischen Entwicklung die wichtigste Ursache für die gesunkene Bewerberzahl.

Doch verschärft werde diese noch durch hausgemachte Probleme: „Junge Leute interessieren sich auch für ihre Aufstiegschancen“, sagt Pfalzgraf. Zwar seien die Einstiegsgehälter für junge Beamte des mittleren Dienstes nicht schlecht, „doch danach passiert nicht mehr viel.“

Zu wenig Bewerber für den mittleren Dienst

Wer sich für den Polizeidienst interessiert, kann sich in Berlin für den mittleren und den gehobenen Dienst der uniformierten Schutzpolizei sowie für die Kriminalpolizei bewerben. Bei Kripo und gehobenem Dienst ist die Bewerberlage bei weitem nicht so kritisch, wie beim mittleren Dienst. Auch Polizeikommissarin Melanie Przybilla begann ihre Ausbildung im mittleren Dienst, wechselte aber bald in das Studium des gehobenen Dienstes.

Die junge Polizistin steht am U-Bahnhof Rosenthaler Platz, sie ist wegen eines „EVL“ hier – Erschleichen von Leistungen. Zwei Kontrolleure der Berliner Verkehrsbetriebe haben die Polizei gerufen, weil sich ein Fahrgast ohne gültiges Ticket weigerte, ihnen seinen Personalausweis zu zeigen. Die Menschen am Bahnsteig beobachten den aufgebrachten Fahrgast und die Polizistin.

Die Körpersprache muss stimmen

Przybilla muss ihre Rolle jetzt perfekt beherrschen, jedes Wort abwägen, Körpersprache und Tonfall bemessen, so wie sie es auf der Polizeischule gelernt hat. Der Mann beruhigt sich schließlich, eine Überprüfung seiner Personalien ergibt, dass er bereits wegen Körperverletzung vorbestraft ist.

Melanie Przybilla hat die Situation entschärft, sie ist gut in ihrer Rolle. Vermutlich gehört auch ihre Art zu sprechen dazu, eine Mischung aus Abkürzungen und offiziösen Formulierungen: eine Uniform aus Worten, so anonym wie die Dienstnummer, die die Polizeikommissarin statt ihres Namens an der Brust trägt.

Ab Herbst sollen 445 Männer und Frauen für Schutzpolizei und Kripo ausgebildet werden, aufgeteilt auf Klassen von jeweils 25 Schülern. Sollte es tatsächlich gelingen, die aktuellen Nachwuchssorgen in ihr Gegenteil zu verkehren und die Zahl der Auszubildenden bis 2018 zu verdoppeln, müssten noch eine Reihe von logistischen Problemen gelöst werden. Es fehlt derzeit nicht nur ein dringend benötigtes drittes Schulgebäude, auch der Bedarf an Fachlehrern und Ausbildern muss gedeckt werden. Doch Kollegen aus dem aktiven Polizeidienst heranzuziehen hieße, die ohnehin schon spärliche Besetzung der Dienststellen weiter auszudünnen.

Die Schießanlagen und Sportplätze der Polizeischule gelten als heruntergekommen und kaum noch ausbildungstauglich, das gilt auch für die Turnhalle, in der eine Ausbildungsklasse Selbstverteidigung, trainiert. Hans Self war vor wenigen Jahren noch Mitglied im „Team America“, der Handball-Nationalmannschaft der USA.

Nach seiner Rückkehr entschied er sich, seinen ersten Beruf als Versicherungskaufmann nicht wieder aufzunehmen und stattdessen Polizist zu werden, weil ihm das abwechslungsreicher schien. Self hätte auch in seinem Heimatland Hessen Polizist werden können, aber er wollte nach Berlin, den „Melting Pott“, wie er sagt. „Obwohl die Berliner nur wenig Geld haben, ist deren Ausbildung in Deutschland gut angesehen“, meint Self.

Beruflicher Neuanfang

Seine Trainingspartnerin Constanze Mollenhauer hat ebenfalls einen Neuanfang bei der Polizei gewagt, die 30-Jährige war schon zahnmedizinische Angestellte und private Wachschützerin. Der Beruf der Polizistin bedeutet für sie auch, einen krisenfesten Job zu haben und wirtschaftlich abgesichert zu sein: „Was immer man auch über die Bezahlung denkt, am Existenzminimum lebt man sicher nicht“, sagt sie.

Self sagt, einer der Gründe für die Nachwuchssorgen könnte auch der vor der Polizei verloren gegangene Respekt sein. Mollenhauer: „Wer hier als Polizist arbeiten will, der muss schon für diese Stadt geboren sein.“